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Psychosoziale Versorgung für Menschen mit Diabetes verbessern

Expertentenstatement zum Vortrag von Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG, Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim, Leiter des Forschungsinstitutes der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM); Universität Bamberg, im Rahmen der Pressekonferenz "Zukunftstag Diabetologie: 'Psychosoziale Versorgung von Menschen mit Diabetes'" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 17. Oktober 2019 in Berlin.

Angebote zur Integration von psychologischen Interventionen im Rahmen der Diabetestherapie

Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer Psychosoziale Konzepte und Behandlungsansätze spielen bei der Therapie des Diabetes eine bedeutsame Rolle. Psychische und somatische Faktoren sind gleichermaßen für den Ausbruch der Erkrankung, den Umgang mit dem Diabetes, die Umsetzung der Therapie und die Langzeitprognose des Diabetes verantwortlich. Da der Diabetespatient seine Therapie tagtäglich eigenverantwortlich umsetzt, spielen psychosoziale Faktoren in Hinblick auf den langfristigen Outcome der Therapien und das Befinden von Menschen mit Diabetes eine entscheidende Rolle.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die die Diabetestherapie erschweren. Dazu gehören Schwierigkeiten mit der Tatsache, lebenslang mit der Krankheit Diabetes leben zu müssen, diese zu akzeptieren. Aber auch das Problem, sich dauerhaft ausreichend für die Umsetzung der Therapie des Diabetes zu motivieren und diese adäquat umzusetzen. Sorgen und Ängste bezüglich des Risikos oder tatsächlichen Auftretens von Folgeerkrankungen (beispielsweise Blindheit, Amputation, Dialyse) und Akutkomplikationen des Diabetes wie Unterzuckerungen oder Ketoazidosen (beispielsweise Unfallgefahr, Mortalitätsrisiko) stellen eine weitere Belastungsquelle dar.

Nicht wenige Menschen mit Diabetes fühlen sich von der tagtäglichen Therapie, die komplex ist und einen hohen Aufwand erfordert, überfordert und reagieren mit Gefühlen der Hilflosigkeit und Resignation, wenn sie trotz großer Mühe ihre Therapieziele verfehlen. Auch Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen und Erfordernissen der Therapie, die ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbststeuerung erfordert, können die Umsetzung der Behandlung im Alltag erschweren. Sowohl psychische Erkrankungen (zum Beispiel Depressionen, Ängste, Essstörungen, Zwänge), als auch akute Lebensprobleme (zum Beispiel Partnerschaftskonflikte, berufliche Probleme) stellen in der klinischen Praxis eine wichtige Barriere der Diabetestherapie dar.

Die deutschen Daten der internationalen DAWN-2 Studie, der bislang größten globalen Untersuchung zu psychosozialen Belastungen von Menschen mit Diabetes, zeigen, dass fast die Hälfte aller Patienten mit Typ-1-Diabetes (44 Prozent) und ca. jeder 4. Patient mit Typ-2-Diabetes (25 Prozent) in Deutschland aufgrund des Diabetes stark belastet sind. Erhöhte diabetesbezogene Belastungen (Diabetes Distress) sind ein Risikofaktor für die Entstehung von Depressionen - die Wahrscheinlichkeit für Depressionen ist um das 2,5-fache erhöht, wenn ein erhöhter Diabetes Distress vorliegt. Insgesamt treten psychische Störungen bei Menschen mit Diabetes häufiger auf als in der Normalbevölkerung. So leiden etwa 12 Prozent aller Menschen mit Diabetes an einer klinischen Depression, weitere 18 Prozent sind aufgrund depressiver Stimmungen wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Traurigkeit belastet. Aber auch Angststörungen, Zwangserkrankungen sowie bestimmte Formen von Essstörungen (Bulimie, Binge eating) kommen bei Diabetespatienten deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. Das Auftreten von komorbiden psychischen Störungen stellt eine entscheidende Behandlungsbarriere dar, verschlechtert die Prognose des Diabetes und führt zu einer nachweisbar erhöhten Mortalität.

Trotz dieser recht eindeutigen Befundlage gibt es in Deutschland keine flächendeckenden psychosoziale Angebote für Menschen mit Diabetes  es fehlen Strukturen und Finanzierungsmodelle zur besseren Integration von psychologischen Interventionen im Rahmen der Diabetestherapie. Im stationären Bereich fehlen spezifische Abrechnungsmöglichkeiten für psychodiabetologische Angebote, weswegen diese in Deutschland im Erwachsenenbereich kaum vorzufinden sind. Hier könnten - ähnlich wie bei der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie - mutimodale Komplexziffern, in denen psychiatrische, psychosomatische oder psychologisch-psychotherapeutische Leistungen mit einem festgelegtem Behandlungsplan Abhilfe abgebildet sind, eine Lösung darstellen, wie Dr. Maier (Bad Mergentheim) auf dem Zukunftstag ausführen wird.

Beratungsstellen für Menschen mit Diabetes und erhöhten Belastungen, Schwierigkeiten im Umgang mit ihrem Diabetes, welche es bei vielen anderen Krankheitsbildern (zum Beispiel Onkologie, Parkinson, Epilepsie) bereits seit Jahrzehnten gibt, könnten diese unterstützen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Prävention psychischer Störungen leisten. Auch spezielle psychologische/psychotherapeutische Interventionen im Zusammenhang mit den Diseasemanagement-Programmen Diabetes (DMP) könnten die psychosoziale Versorgung verbessern. Im Bereich des DMP Brustkrebs existieren bereits entsprechende Vereinbarungen für psychoonkologische Leistungen (zum Beispiel KV Bayern), die als Vorlage dienen könnten. Eine von der Bundespsychotherapeutenkammer vor zwei Jahren beschlossene Weiterbildung für Psychotherapeuten ("Spezielle Psychotherapie Diabetes"), die bereits in den Psychotherapeutenkammern Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz umgesetzt wird, kann die Versorgung von Patienten mit psychischen Störungen ebenfalls verbessern. Anzustreben wäre, für eine zu definierende Versorgungsregion (z. B. pro 1-2 Millionen Einwohner) entsprechende Kassensitze für Psychotherapeuten mit der Weiterbildung "Spezielle Psychotherapie Diabetes" auszuschreiben.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Literatur

  • Kulzer B, Lüthgens B, Landgraf R et al (2015). Diabetesbezogene Belastungen, Wohlbefinden und Einstellung von Menschen mit Diabetes. Deutsche Ergebnisse der DAWN2™-Studie. Diabetologe 11(3):211–218.

  • Ehrmann D, Kulzer B, Haak T et al. (2015) Longitudinal relationship of diabetes-related distress and depressive symptoms: analysing incidence and persistence. Diabet.Med 32:1264-1271.

  • Kulzer B, Albus C, Herpertz S, Kruse J, Lange K, Lederbogen F, Petrak F (2013). Psychosoziales und Diabetes (Teil 1). Diabetol Stoffwechs 8(3):198-242.

  • Kulzer B, Albus C, Herpertz S, Kruse J, Lange K, Lederbogen F, Petrak F 2013). Psychosoziales und Diabetes (Teil 2). Diabetol Stoffwechs 8(4):292-324.

Bildunterschrift: Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer
Bildquelle: www.diabsite.de

zuletzt bearbeitet: 18.12.2019 nach oben

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