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Diabetes-Therapie und psychosoziale Versorgung

Expertentenstatement zum Vortrag von Professor Dr. med. Andreas Neu, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Tübingen, im Rahmen der Pressekonferenz "Zukunftstag Diabetologie: 'Psychosoziale Versorgung von Menschen mit Diabetes'" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 17. Oktober 2019 in Berlin.

Ein Blick auf die aktuelle Situation

Professor Dr. med. Andreas Neu, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft Menschen mit Diabetes mellitus tragen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von psychischen Störungen. Dazu zählen Depressionen, Angststörungen, Belastungsstörungen und Essstörungen. Vor allem Jugendliche sind gefährdet, weil sie durch vielfältige Entwicklungsaufgaben und das Vorliegen einer chronischen Erkrankung große Herausforderungen zu bewältigen haben. Insbesondere Mädchen gelten als Risikogruppe. Man schätzt, dass Jugendliche in etwa 15 Prozent der Fälle durch psychische Belastungen in ihrer Diabetes-Therapie beeinträchtigt sind.

Psychosoziale Determinanten gelten als wichtige Einflussfaktoren auf den Stoffwechsel. Neben der Insulintherapie, dem Ernährungsverhalten und dem Bewegungsmuster kommt der psychosozialen Situation von Menschen mit Diabetes deshalb eine bedeutende Rolle zu. Weil das Diabetes-Management und die Bewältigung dieser chronischen Erkrankung im Alltag eine zusätzliche Lebensaufgabe darstellt, kann es leicht zur Überforderung der Betroffenen und deren Familien führen.

Zur multiprofessionellen Betreuung durch ein Diabetes-Team gehört auch die psychosoziale Versorgung. Allerdings zeigt die Realität, dass eine adäquate psychosoziale Versorgung bei Weitem nicht in allen Regionen gewährleistet ist. Eine Erhebung der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD) aus dem Jahr 2007 zeigte bereits damals erhebliche Defizite in diesem Bereich. Die Situation hat sich seither nicht verbessert - eher zugespitzt: Derzeit finden sich unter den 9.186 Mitgliedern der DDG weniger als zwei Prozent mit einer psychologischen Ausbildung. Lediglich 120 Fachpsychologen sind in unserer Fachgesellschaft gelistet.

Trotz eines insgesamt hohen Qualitätsniveaus in der Versorgung von Menschen mit Diabetes weist die psychosoziale Versorgung deutliche Defizite auf:

  1. Die psychischen Co-Morbiditäten werden oft zu wenig beachtet und gelten als nachrangig gegenüber der Stoffwechselqualität.

  2. Unzureichende Strukturen verhindern, den Co-Morbiditäten gerecht zu werden. Längst nicht alle Teams sind ausreichend mit psychologischen Fachkräften ausgestattet.

  3. Von einer flächendeckenden psychosozialen Versorgung sind wir weit entfernt: Monatelange Wartezeiten auf Therapeuten werden den Bedürfnissen der Patienten nicht gerecht.

Der Zukunftstag zur psychosozialen Versorgung für Menschen mit Diabetes möchte den Blick auf die ganzheitliche Versorgung der Betroffenen lenken mit dem Ziel einer Verbesserung der Versorgung in diesem Bereich.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Literatur

Lange K, Hildebrandt S, Danne T: Diabetesversorgung in der Pädiatrie - Leitlinien und Realität. Dtsch Ärzteblatt, 104(30): A-2121, 2007.

Neu A, Bürger-Büsing J, Danne T et al.: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter. Diabetologie 11(01): 35-94, 2016.

Delamater AM, de Wit M, Malik JA, McDarby V et al.: ISPAD Clinical Practice Consensus Guidelines 2018: Psychological care of children and adolescents with type 1 diabetes.. Pediatric Diabetes 2018.

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Andreas Neu
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 30.10.2019 nach oben

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