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Endokrine Disruptoren strenger regulieren

Expertenstatement von Professor Dr. rer. nat. Josef Köhrle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE) sowie Seniorprofessor am (und ehemaliger Direktor des) Institut für Experimentelle Endokrinologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) am 18. Juni 2019 in Berlin.

Wie Umwelthormone die Gesundheit beeinträchtigen

Professor Dr. rer. nat. Josef Köhrle Als endokrine Disruptoren (ED) werden exogene Substanzen und Substanzmischungen aus unserer Umwelt und Nahrung bezeichnet, die selbst hormonartige Wirkung(en) entfalten können oder hormonelle Vorgänge im Menschen und anderen Lebewesen beeinflussen können. Durch die Störung des Hormonsystems können ED schädliche Effekte auf die Gesundheit intakter Lebewesen (einschließlich des Menschen), deren Nachkommenschaft oder (empfindlicher) Subgruppen bewirken (Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2002). ED werden auch verkürzt "Umwelthormone" genannt.

Von über 22.000 in der EU vermarkteten Chemikalien sowie natürlich vorkommenden Substanzen werden mehr als 1000 von Fachleuten als ED eingeschätzt und gegenwärtig untersucht. Manche davon wurden schon aus dem Verkehr gezogen, finden sich aber wegen ihrer Langlebigkeit noch immer in unserer Umwelt. Sie werden in relevanten Konzentrationen in vielen Lebewesen nachgewiesen und werden im menschlichen Urin, in der Amnionflüssigkeit schwangerer Frauen oder in der Muttermilch gemessen. Insgesamt sind knapp 100000 Substanzen und Verbindungen bekannt aber nicht geprüft.

Die WHO, die internationalen endokrinologischen Fachgesellschaften einschließlich der DGE sowie viele Wissenschaftler/innen weltweit sehen es als erwiesen an, dass ED nachteilige Wirkungen nicht nur auf aquatische und terrestrische Lebewesen in unserer Umwelt haben, sondern auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen. Hierfür gibt es seit Mitte der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts zahlreiche wissenschaftliche Belege und Publikationen, Beobachtungen, Fallberichte, epidemiologische Untersuchungen und umfangreiche Assoziationsstudien, für die auch sorgfältige Analysen der Belastung und Exposition mit ED oder deren Mischungen erhoben wurden. Weil das hormonelle Regulationssystem in der Evolution der Lebewesen hoch konserviert ist, können aus entsprechenden Laboruntersuchungen an einfachen im Wasser lebenden Tiermodellen und an auf dem Land lebenden Säugetieren klare Ursache-Wirkungs-Beziehungen gezeigt und damit kausale Schlussfolgerungen für die ED-Wirkung am Menschen sowohl während der Entwicklung im Mutterleib als auch nach der Geburt und bei Erwachsenen abgeleitet werden.

Auch aus diesen Gründen fordern weltweit Endokrinologen/innen und ihre wissenschaftlichen Fachgesellschaften, solche Substanzen, für die Wirkungen als ED bekannt sind, umgehend aus dem Verkehr zu ziehen - ebenso, wie es bereits Praxis für krebserzeugende, mutagene oder keimbahnschädigende Substanzen ist. Nur so können weitere schädliche Wirkungen verhindert werden.

Ersatzsubstanzen für bekannte ED müssen erst auf mögliche ED-artige Wirkungen geprüft werden und nicht - wie im Fall von manchen Phthalaten oder Bisphenol A (BPA) bereits geschehen - durch verwandte, wenig untersuchte Substanzen ersetzt werden, die selbst ebenfalls ED-Wirkungen aufweisen und damit die Gesundheit gefährden.

Produzenten und Vertreiber neuer chemischer Substanzen müssen nachweisen, dass diese keine ED-artigen Wirkungen entfalten, bevor diese in großem Maßstab produziert und in Umlauf gebracht werden.

Die nationalen Regierungen und zuständigen Behörden müssen ebenso wie die EU-Kommission dafür sorgen, dass umgehend eine sektorübergreifende einheitliche harmonisierte Definition von ED festgelegt und bei der Prüfung und Zulassung von Nahrungsmitteln, Zusatzstoffen, Verpackungen von Nahrungsmitteln, Kosmetika, Gebrauchsgegenständen des Alltags, Kinderspielzeug, Pflanzenschutzmitteln, Bioziden et cetera EU-weit angewendet wird. Bisher ist dies noch nicht der Fall.

Der nach langen Verzögerungen von der EU-Kommission 2018 angekündigte "Fitness-Test" für EU-Regulationen muss mit hoher Priorität erfolgen, um sicherzustellen, dass in allen Bereichen nach einheitlichen Kriterien ED bewertet werden und bei Fehlen entsprechender kohärenter Regeln, diese umgehend angepasst werden. Die EU-Strategie zu ED wurde zwar 1999 festgelegt, aber von der Kommission massiv verschleppt, sodass einige Regierungen die Kommission sogar verklagten. Erst 2018 wurden durch die EU-Kommission zwei Richtlinien für die ED-Bewertung von Bioziden und Pflanzenschutzmitteln und durch die europäischen Behörden ECHA und EFSA verabschiedet.

Die EU und nationale Regierungen müssen vordringlich Maßnahmen ergreifen, um die ED-Belastung von Menschen und Umwelt schnellstmöglich zu reduzieren, da für einige diese Substanzen bereits generationsübergreifende schädliche Wirkungen auf die Nachkommenschaft beobachtet wurden. Für derartige ED-Wirkungen wurden zum Beispiel sogenannte epigenetische Mechanismen verantwortlich gemacht.

Die Bevölkerung muss besser über ED, Exposition und vermeidbare Belastungen informiert werden. Dazu bedarf es einer deutlich verbesserten Informations-, Kennzeichnungs- und Meldepflicht und nicht wie zum Beispiel beim Skandal über Fipronil-belastete Eier monatelange Vertuschungsversuche auf nationaler und europäischer Ebene.

Die wissenschaftliche Forschung über ED und vor allem deren Mischungen muss intensiviert und besser gefördert werden, um nicht erst nach Auftreten von gesundheitsschädigenden Effekten Reparationsversuche in Angriff nehmen zu können. In der EU gilt noch immer das Vorsorgeprinzip, das im Fall von ED bisher nicht konsequent angewendet wird.

Es müssen bessere Testmethoden für den schnellen Nachweis von ED-Wirkungen entwickelt und implementiert werden. Umfangreiches Wissen über ED, das bei Herstellern vorhanden ist, aber bisher nicht publiziert wurde, muss der Öffentlichkeit und den regulatorischen Behörden umgehend zur Verfügung gestellt werden.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. rer. nat. Josef Köhrle
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 13.07.2019 nach oben

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Dr. phil. Axel Hirsch

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