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Schlechte Umwelt, viele Kranke

Expertenstatement von Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, im Rahmen der Pressekonferenz im Vorfeld des Diabetes Kongresses 2019, 54. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), am 23. Mai 2019 in Berlin

Warum Verhältnisprävention den Diabetes-Tsunami stoppen kann

Der Diabetes-Tsunami ist noch aufzuhalten - wenn die Politik jetzt handelt

Professor Dirk Müller-Wieland Wenn es uns nicht gelingt, den Anstieg von Diabetes Typ 2 aufzuhalten, haben wir im Jahr 2040 bis zu zwölf Millionen Erkrankte in Deutschland. Bei der Zahl müsste eigentlich jede Gesundheitsministerin/jeder Gesundheitsminister Panik bekommen. Denn das sind, abgesehen von dem großen Leid für die Betroffenen, immense Kosten für das Solidarsystem. Aber wir können diesen Diabetes-Tsunami noch aufhalten. Ein Großteil der neuen Fälle wäre vermeidbar - wenn es gelingt, dass sich die Menschen besser ernähren und weniger übergewichtig sind. Aber das kann nicht die Medizin bewirken. Es erfordert Maßnahmen, die nur die Politik durchsetzen kann. Wir als Wissenschaftler haben Lösungen vorgelegt. Es gibt einen Katalog der Weltgesundheitsorganisation, welche Maßnahmen wirksam sind, um das Ernährungsverhalten im großen Stil zu verbessern: vor allem Steuern auf ungesunde Produkte, ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung und eine verständliche Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung. Davon ist in Deutschland noch nichts umgesetzt! Ich will Ihnen nur ein Beispiel nennen, welche Folgen das hat: Ein Kind, das in Deutschland in einer armen Familie geboren wird, hat ein viermal so hohes Risiko, stark übergewichtig zu werden, wie ein Kind aus einer wohlhabenden Familie.[1] Mit allen gesundheitlichen und auch sozialen Folgen für das gesamte weitere Leben und natürlich auch einem erhöhten Diabetes-Risiko. Das sind Daten des Robert Koch-Instituts, also quasi von der Regierung selbst in Auftrag gegeben. Aber das mündet überhaupt nicht in politisches Handeln.

Zur sogenannten Reduktionsstrategie haben wir als DDG uns bereits deutlich positioniert. Nun wiederholt sich dieses "Nichthandeln" beim Thema Lebensmittelkennzeichnung. Das Max-Rubner-Institut hat, im Auftrag des Ernährungsministeriums, elf verschiedene bestehende Kennzeichnungssysteme geprüft.[2] Dabei gibt es einen klaren Gewinner, nämlich den fünfstufigen Nutri-Score. Dieser wurde über 15 Jahre wissenschaftlich entwickelt, er ist bereits in Frankreich etabliert, Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg planen die Einführung. Der Nutri-Score führt nachweislich dazu, dass die Menschen gesünder einkaufen.[3] Fünf große deutsche Firmen nutzen ihn bereits freiwillig. Die Lösung liegt also wirklich auf dem Tisch. Aber was macht die deutsche Ernährungsministerin? Sie will lieber noch mal ein ganz eigenes System entwickeln lassen mit der Begründung, dass der Nutri-Score nicht perfekt sei. Das ist eine grobe Missachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse und auch der Expertise, die in einem System wie dem Nutri-Score steckt. Ein ganz neues System zu entwickeln wird noch einmal Jahre dauern. Man muss Frau Klöckner ganz deutlich sagen: Diese Zeit haben wir nicht! Wir fordern Frau Klöckner auf, den Koalitionsvertrag umzusetzen und wie angekündigt in diesem Sommer eine neue Kennzeichnung für Deutschland vorzulegen. Das kann nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand nur der Nutri-Score sein. Diese Maßnahmen der Verhältnisprävention müssen Teil einer "Nationalen Diabetes-Strategie" sein, zu der sich die Regierung im Koalitionsvertrag verpflichtet hat. Leider ist aber wieder nichts passiert!

Wir werden inzwischen auf internationalen Kongressen schon angesprochen, warum in Deutschland so wenig passiert zur Förderung gesunder Ernährung, obwohl Deutschland so große Probleme mit den Folgekrankheiten hat. Einen wesentlichen Grund sehen wir darin, dass bei uns das Thema Ernährung, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, nicht im Gesundheitsministerium angesiedelt ist, sondern im Landwirtschaftsministerium. Damit hat gesunde Ernährung keine eigene Lobby in der Politik. Das ist ein Systemfehler, der bei der nächsten Gelegenheit geändert werden muss: Das Thema Ernährung ist fundamental für die Gesundheit und deshalb gehört es aus unserer Sicht in das Gesundheitsministerium.

Die DDG und die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) fordern vier Sofortmaßnahmen, um den Anstieg von nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufzuhalten:

  1. Adipogene Lebensmittel besteuern und gesunde Lebensmittel entlasten (Zucker-/Fettsteuer)

  2. Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel und Getränke

  3. Verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung

  4. Täglich mindestens eine Stunde Bewegung in Kita und Schule

Ein weiteres Feld, in das jetzt glücklicherweise endlich etwas Bewegung kommt, sind Maßnahmen gegen das Rauchen, das neben Übergewicht der Hauptrisikofaktor für viele Krankheiten ist, auch für Diabetes. Auch hier ist Deutschland Schlusslicht: Wir sind das letzte EU-Land, in dem Tabakaußenwerbung noch uneingeschränkt erlaubt ist. Sie können dem auf unseren Straßen nicht entgehen, und das hat Folgen: Laut einer neuen Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums nehmen Rauchende in Deutschland deutlich mehr Tabakwerbung auf Plakatwänden wahr als in anderen europäischen Ländern.[4] Vor allem junge Menschen sind gefährdet: 61 Prozent der Rauchenden im Alter von 18 bis 24 Jahren haben im letzten halben Jahr in Deutschland Tabakwerbung wahrgenommen. Werbung führt dazu, dass junge Menschen mehr rauchen, und hält sie davon ab, mit dem Rauchen aufzuhören. Rauchende leben infolge des Rauchens durchschnittlich zehn Jahre kürzer. Die Politik darf nicht zulassen, dass ein so stark gesundheitsschädliches Produkt auch noch beworben werden darf. Die DDG fordert daher ein sofortiges Verbot der Tabakaußenwerbung in Deutschland, einschließlich für E-Zigaretten.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

  1. Schienkiewitz A et al. Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutschland - Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring 2018 3(1):16–23.

  2. Max-Rubner-Institut. Beschreibung und Bewertung ausgewählter "front-of-pack"- Nährwertkennzeichnungs-Modelle. 2019

  3. Chantal J, Hercberg S. Discriminating nutritional quality of foods using the 5-Color nutrition label in the French food market: consistency with nutritional recommendations. Nutrition Journal 2015 14:100

  4. Kahnert S et al. Extent and correlates of self-reported exposure to tobacco advertising, promotion and sponsorship in smokers: Findings from the EUREST-PLUS ITC Europe Surveys. Tob. Induc. Dis. 2018;16 (Suppl 2): A7

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 29.05.2019 nach oben

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