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Frauen sind anders krank als Männer

Expertenstatement von Privatdozentin Dr. med. Julia Szendrödi, Ph.D., Leiterin Klinisches Studienzentrum Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ), Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, im Rahmen der Pressekonferenz im Vorfeld des Diabetes Kongresses 2019, 54. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), am 23. Mai 2019 in Berlin

Geschlechtsspezifische Behandlung des Diabetes

Privatdozentin Dr. med. Julia Szendrödi Die Prävalenz des Diabetes mellitus Typ 2 steigt bei Frauen und Männern weiter an, obwohl die Risikofaktoren für den Diabetes und seine mikro- und makrovaskulären Folgeerkrankungen seit Jahren gut erforscht sind. Die Daten von T. Tönnies et al. aus dem Deutschen Diabetes Zentrum (DDZ) in Düsseldorf zeigen, dass das Sterblichkeitsrisiko bei Diabetes im Vergleich zu gesunden Personen zwischen 65 und 90 Jahren 3- bis 4-fach erhöht ist. In allen Altersgruppen ist die Steigerung der Sterblichkeit durch Diabetes bei Frauen höher als bei Männern. Der Unterschied ist jedoch in der jüngsten Altersgruppe (65 bis 69 Jahre) am größten zuungunsten der Frauen mit Diabetes. Im Vergleich zu Schweden, UK oder Kanada lag die Übersterblichkeit bei vergleichbarer Gesundheitsversorgung in Deutschland höher, insbesondere bezogen auf Frauen. Das Sterblichkeitsrisiko bei Diabetes mellitus Typ 2 liegt bei Männern um das 2,8-Fache und bei Frauen sogar um das 4,2-Fache höher als bei der von Menschen ohne Diabetes (Tönnies et al. Nutr Metab Cardiovasc Dis 2018).

Diese war nicht die einzige Studie mit dem Ergebnis, dass die Diagnose eines Diabetes für Frauen eine drastischere Auswirkung auf die Lebenserwartung hat, die Gründe hierfür sind noch nicht vollständig geklärt.

Die Assoziation zwischen Übergewicht und steigendem Risiko, einen Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln, ist bekannt und gilt für beide Geschlechter. Frauen neigen jedoch im Durchschnitt häufiger zu Übergewicht und Fettleibigkeit als Männer. Eine rezente Analyse in den USA zeigte außerdem, dass die Fettleibigkeit in den Jahren zwischen 2001 und 2016 bei Frauen noch stärker zunahm als bei Männern und somit das Auftreten von Diabetes mellitus Typ 2 bei Frauen überproportional begünstigt (Peters SAE et al. Circulation 2019).

Die Fettverteilung ist zusätzlich zu beachten, wenn präventive Maßnahmen Wirkung zeigen sollen. Obwohl Männer häufiger eine Fettverteilung mit Betonung des viszeralen Fettanteils aufweisen, sind der Nachweis und die progrediente Ansammlung von viszeralem Fett ein stärkerer Risikofaktor für Frauen, einen Diabetes zu entwickeln, als für Männer. In der Praxis bietet sich die Messung des Taillenumfangs (waist) an, um eine Zu- oder Abnahme des viszeralen Fettanteils abschätzen zu können.

Allgemeine Schätzungen der WHO beschreiben für Patienten mit Diabetes ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, die zu 50 bis 80 Prozent für den Tod von Patienten verantwortlich sind. Selbst bei Berücksichtigung aller anderen Risikofaktoren, wie Übergewicht, Bluthochdruck, Blutfettwerte und Rauchen, haben Frauen mit Diabetes eine deutlich höhere Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer. Frauen haben demnach ein um 27 Prozent höheres relatives Risiko für einen Schlaganfall und ein um 44 Prozent höheres relatives Risiko, eine koronare Herzkrankheit zu erleiden, im Vergleich zu Männern (Peters SAE et al. Curr Cardiovasc Risk Rep 2015, Peters SAE et al. Lancet 2014).

Diese Daten belegen, was schon länger bekannt ist: Die Begleiterkrankungen des Diabetes unterscheiden sich bei Männern und Frauen. Um daraus wirksame Strategien der Prävention und Behandlung abzuleiten, müssen geschlechtsspezifische biologische und soziale Faktoren sowie Verhaltensmuster erforscht werden. Dies findet aktuell in der Deutschen Diabetes-Studie statt, die unter Koordination von PD Szendrödi am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf Frauen und Männer ab der Diagnose ihres Diabetes begleitet und untersucht. Hier zeigt sich, dass trotz optimaler Bedingungen für Patienten in Deutschland die Zielwerte für Glukoseeinstellung, Blutdruck- und Blutfettwerte in vielen Fällen nicht erreicht werden (Szendroedi et al. Cardiovasc Diabetology 2016). Mehrfach wurde beschrieben, dass Männer mit Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen früher diagnostiziert, häufiger und erfolgreicher medikamentös behandelt werden als Frauen. Auch wenn Frauen ein besseres Risikoprofil haben, so scheinen sich die Vorstufe des Diabetes (Prädiabetes) und der manifeste Diabetes mellitus Typ 2 schlechter auf die Gefäßfunktion auszuwirken als bei Männern und bleiben zudem länger unentdeckt.

Gesteigerte Raten von Begleiterkrankungen des Diabetes und die Übersterblichkeit durch Diabetes bei Frauen hängen auch mit soziopsychologischen Faktoren wie der eigenen Fürsorge in Bereichen der medizinischen Behandlung, bei der Einhaltung von Diäten oder sportlichen Aktivitäten zusammen. Frauen haben hier häufiger Defizite als Männer und führen ein Zusammentreffen von Lebensumständen, eine Anhäufung weiterer Erkrankungen und körperliche Limitationen als mögliche Gründe dafür an.

Patientinnen mit Diabetes sind oft älter, verfügen über ein geringeres Einkommen, eine geringere Bildung, leiden zudem häufiger unter Depressionen, mehr Komorbiditäten und häufig über eine größere Einschränkung ihrer körperlichen und kognitiven Fähigkeiten (McCollum M et al. Gend Med 2005). Hier zeigt sich ein weiterer Ansatzpunkt, um die Versorgung von Frauen mit Diabetes zu verbessern.

Die erhöhte Belastung durch den Diabetes gilt nicht nur für Patientinnen mit Diabetes mellitus Typ 2, sondern auch für Patientinnen mit dem weniger häufigen Diabetes mellitus Typ 1, insbesondere bei Auftreten in sehr jungen Jahren. Das Risiko für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis ist bei Frauen mit Erkrankung an Diabetes mellitus Typ 1 in der Kindheit um bis zu 90-fach höher als bei Frauen ohne Diabetes. Bei früher Manifestation sollten daher insbesondere Frauen frühzeitig auf kardiovaskuläre Risikofaktoren untersucht und konsequent therapiert werden. (Rawshani et al. Lancet 2018).

Die Datenlage zu den zugrunde liegenden Mechanismen der verstärkt negativen Auswirkung des Diabetes auf die Lebenserwartung von Frauen ist insgesamt unzureichend. Ein Grund dafür könnte sein: Frauen im gebärfähigen Alter werden aus klinischen Studien häufig ausgeschlossen - einerseits um zyklusabhängige Effekte zu vermeiden, andererseits um das Risiko einer ungeplant eintretenden Schwangerschaft unter Studienmedikation zu umgehen. Die Datenlage ist daher oft dürftig für die Verbesserung der Versorgung von prämenopausalen Frauen mit Diabetes.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Privatdozentin Dr. med. Julia Szendrödi, Ph.D.
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 23.05.2019 nach oben

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