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"Die Pandemie hinter der Pandemie"

Expertenstatement von Barbara Bitzer, Geschäftsführerin Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und Sprecherin Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK, im Rahmen der Hybrid-Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 13. September 2021.

Was muss die neue Bundesregierung tun, um den "Tsunami" nichtübertragbarer Krankheiten wie Diabetes Typ 2 zu stoppen?

Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. In 13 Tagen wählen wir einen neuen Bundestag. Egal, welche Koalition am Ende in die Bundesregierung einzieht und wer als Nachfolger von Angela Merkel am wohl wichtigsten Schreibtisch des Landes Platz nehmen wird - der oder diejenige hat viele und große Aufgaben vor sich. Nicht nur der Kampf gegen den Klimawandel sollte dabei ganz oben auf der politischen Agenda stehen, sondern auch die gezielte Prävention nichtübertragbarer Krankheiten.

Wir wissen inzwischen, dass schwere Verläufe oder Tod infolge einer COVID-19-Infektion vor allem dann auftreten, wenn Menschen an Adipositas und deren Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Leiden und Typ-2-Diabetes vorerkrankt sind. Nicht das Coronavirus allein ist also der Hauptverursacher der tödlichen Pandemie, sondern die dahinterliegende "zweite Pandemie" der chronischen Krankheiten, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten und die maßgeblich mit unserem Lebensstil zusammenhängt. 71 Prozent der Todesfälle weltweit werden durch nichtübertragbare und ernährungsabhängige Krankheiten verursacht.

Auch Deutschland "wird immer dicker": Bereits heute sind zwei Drittel der deutschen Männer und über die Hälfte der deutschen Frauen übergewichtig. Etwa jedes siebte Kind zwischen 3 und 17 Jahren ist zu dick. Die Bundesregierung setzte in den zurückliegenden vier Jahren auf Ernährungsbildung, Aufklärung und freiwillige Maßnahmen, um dieser besorgniserregenden Entwicklung Herr zu werden. Aber Appelle an die Eigenverantwortung und der ständig mahnend erhobene Zeigefinger erreichen meist nur die Menschen, die ohnehin auf eine gesunde Lebensweise achten. Die Politik darf nicht weiter wegschauen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel von der Verhaltens- hin zur Verhältnisprävention. Die kommende Bundesregierung ist in der Pflicht, endlich ein Umfeld zu schaffen, das es allen Menschen in unserem Land erleichtert, sich gesund zu ernähren.

Wie sehr Kinder und Jugendliche täglichen Werbeeinflüssen ausgesetzt sind, zeigen Zahlen einer Studie der Universität Hamburg, die die Deutsche Diabetes Gesellschaft mit der AOK, weiteren Fachgesellschaften sowie dem Wissenschaftsbündnis Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK in Auftrag gegeben hat. Demnach sieht jedes mediennutzende Kind zwischen 3 und 13 Jahren pro Tag durchschnittlich mehr als 15 Werbungen für ungesunde Lebensmittel. 92 Prozent der Spots, die Kinder im Fernsehen und im Internet rezipieren, sind für ungesunde Produkte. Auch der Einfluss von sozialen Netzwerken und Onlineplattformen wächst zunehmend.

Erschreckend sind auch die Ergebnisse der jüngsten foodwatch-Marktstudie: Mehr als 85 Prozent der an Kinder beworbenen Lebensmittel enthalten zu viel Zucker, Fett und Salz. Seit 2015 ist der Anteil der Produkte, die die WHO-Empfehlungen nicht einhalten, gerade einmal um rund 4 Prozent gesunken. Das bestätigt einmal mehr: Die Bundesregierung ist mit ihrer Strategie der freiwilligen Zuckerreduktion und Werbebeschränkungen gescheitert. Auf ein Einlenken der Lebensmittelindustrie dürfen wir uns nicht länger verlassen.

Studien belegen eindeutig, dass Werbung Kinder dazu animiert, deutlich mehr Kalorien zu sich zu nehmen, als notwendig und Fastfood-Werbung das Vorbild von Eltern, die auf eine gesunde Ernährung achten, aushebelt. Ein Verbot von an Kindern gerichteter Werbung für ungesunde Lebensmittel ist längst überfällig und wirkt - das machen uns andere Länder vor! Untersuchungen zeigen: In Regionen ohne Werbebeschränkungen stieg der Verzehr von Junk Food von 2002 bis 2016 pro Kopf um knapp 14 Prozent. In Regionen mit verpflichtenden Werbebeschränkungen dagegen sank der Konsum im selben Zeitraum um mehr als 8 Prozent.

Die neue Bundesregierung darf nicht länger zögern! Die Pandemie muss auch ein Weckruf an die Politik sein, mehr für die Prävention zu tun. Wir brauchen ein starkes Maßnahmenbündel, wie es von der Weltgesundheitsorganisation seit vielen Jahren empfohlen und von vielen Ländern (wie z. B. Großbritannien, Portugal, Chile) bereits umgesetzt wird, um ernährungsbedingten Krankheiten endlich den Kampf anzusagen und den Tsunami nichtübertragbarer Krankheiten aufzuhalten. Dafür setzen sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft und das Wissenschaftsbündnis Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten DANK seit vielen Jahren ein:

Die Wirkung dieser Maßnahmen ist belegt. Sie schaffen mehr Anreize für eine gesunde Ernährung und animieren die Hersteller dazu, Rezepturen gesünder zu gestalten. Ein gesundes Aufwachsen unserer Kinder sollte uns mehr Wert sein als die Interessen der Lebensmittelindustrie. Ein Werbeverbot für ungesunde Produkte an Kinder ist daher ein entscheidender erster Schritt, gehört auf die politische Agenda und in den nächsten Koalitionsvertrag!

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

Bildunterschrift: Barbara Bitzer
Bildquelle: www.DiabSite.de.

zuletzt bearbeitet: 13.09.2021 nach oben

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