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Der Adipositas zu Leibe rücken

Neues Medikament reduziert Körpergewicht in Studie deutlich

Aktuelle Studien vorgestellt und kommentiert von Prof. Helmut Schatz

Zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen gelten nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts hierzulande als übergewichtig, stark übergewichtig oder adipös sind fast ein Viertel aller Erwachsenen. Bleiben Lebensstilveränderungen bei übergewichtigen Menschen ohne Erfolg, kann die Medizin mit operativen und medikamentösen Eingriffen versuchen, ernsthafte Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzuwenden. In einer groß angelegten Studie zeigte ein neuer Wirkstoff nun vielversprechende Ergebnisse: Im Schnitt verloren die übergewichtigen Probanden 15 Prozent ihres Körpergewichts.

Am 10. Februar 2021 erschien im New England Journal of Medicine eine prospektive, plazebokontrollierte doppelblinde Phase III-Studie mit dem GLP-1-Analog Semaglutid (2.4 mg 1x wöchentlich s.c.) an etwa 1300 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen ohne Diabetes[1] über 68 Wochen. Der mittlere Body Mass Index lag bei 38 kg/m², das mittlere Körpergewicht bei 105 kg. Nach den 68  Wochen hatte das Körpergewicht in der Verum-Gruppe um ~1 % abgenommen, unter Plazebo um 2.4 % (p<0.001).

Die Resultate der Phase III - STEP Study bestätigen an einer größeren Zahl von Probanden über einen längeren Zeitraum die Ergebnisse, die schon vorher mit Semaglutid erzielt worden waren: Am 2. November 2017 wurde im DGE-Blog[2] über 28 Personen mit sehr guten Gewichtsabsenkungen unter 1x wöchentlich Semaglutid s.c. nach 12 Wochen berichtet. Über die Gewichtssenkung hinaus wurden in der STEP-Studie auch Besserungen kardiovaskulärer Risikofaktoren registriert.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren gastrointestinaler Art, wie sie auch mit anderen GLP-1-Agonisten auftreten (Nausea, Durchfall, Obstipation u. a.), unter Verum in 74 %, unter Plazebo in 47 %. Sie traten typischerweise nach Beginn in mildem bis moderatem Ausmaß auf und verschwanden meist mit der Zeit. Ernste Nebenwirkungen wurden unter Verum in 9.8 %, unter Plazebo in 6.4 % beobachtet. Gallenblasenerkrankungen, meist Steine, fanden sich unter Verum in 2.6 %, unter Plazebo in 1.2 %. Wesentlich mehr Probanden brachen die Studienteilnahme unter Verum ab als in der Plazebogruppe (n=59 (4.5 %) vs. n=5 (0.8 %).

Kommentar

In dem Editorial zu dieser Arbeit wird darauf hingewiesen, dass mehr als 40 % der Teilnehmer bereits einen Prädiabetes hatten, sodass man noch prüfen müsse, ob die ausgeprägten Gewichtssenkungen auch bei Personen mit normaler Glukosetoleranz auftreten. Dies ist nach Meinung des Referenten (H.S.) eher anzunehmen. Auch sei die Langzeitwirkung, über die bisherigen 68 Wochen hinaus muss beobachtet werden. Schließlich wird im Editorial auch die Frage nach der Langzeit-Compliance der wöchentlichen s.c. Injektion gestellt. Mit den mittlerweile recht gut etablierten bariatrischen Operationstechniken müsste man Semaglutid auch vergleichen. Bei den operativen Verfahren sei als Nachteil die lebenslange Betreuung mit notwendig werdender Substitutionsbehandlung zu bedenken. Deshalb würden viele Adipöse eine effektive medikamentöse Therapie bevorzugen.

Helmut Schatz

Literatur

  1. John P.H.Wilding et al., for the STEP 1 Study Group: Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. NEJM, February 10, 2021. DOI:10.1056/NEJMoa2032183

  2. Helmut Schatz: Semaglutid, eine GLP-1-Agonist, vom Beratergremium der Amerikanischen Arzneibehörde (FDA) zur Zulassung empfohlen. Orales Semaglutid in Phase II. Semaglutid auch bei Obesitas? DGE-Blogbeitrag vom 2. November 2017

zuletzt bearbeitet: 27.02.2021 nach oben

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