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Es gibt mehr als 1 und 2

Expertenstatement von Professor Dr. med. Andreas Fritsche, Leiter der Abteilung "Prävention und Therapie des Typ-2-Diabetes" am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen am Universitätsklinikum Tübingen, Stellvertretender kommissarischer ärztlicher Direktor im Bereich Diabetologie an der Medizinischen Klinik IV Universität Tübingen, Deutsches Zentrum für Diabetesforschung e.V. (DZD), im Rahmen der Pressekonferenz zum Diabetes Kongresses 2019 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), am 30. Mai 2019 in Berlin.

Neue Diabetes-Typen und Subklassen

Professor Dr. med. Andreas Fritsche Die genaue Unterscheidung von Typ-1- und Typ-2-Diabetes ist essenziell, Fehldiagnosen und Fehltherapie können lebensgefährliche Folgen haben. Heutzutage unterscheiden wir aber auch neue Unterformen (Subphänotypen) des Typ-2-Diabetes und des Prädiabetes. Diese sollen in Zukunft eine risikostratifizierte Prävention und Therapie des Diabetes ermöglichen. Die Diabetologie bricht aus dem Zeitalter der Universalprävention und Universaltherapie (one size fits all) hin zur Präzisionsprävention und Präzisionstherapie auf.

In der Diabetologie setzt eine Entwicklung ein, wie wir sie auch in anderen Gebieten der Inneren Medizin beobachten. In der Onkologie beispielsweise geht die Tendenz hin zur personalisierten Therapie mit genetischer und molekularbiologischer Charakterisierung des individuellen Tumors, niemand spricht mehr nur von "der Krebserkrankung".

Bei der "Diabetes-Erkrankung" ist die Entwicklung ähnlich, der Trend geht hin zur Präzisionsmedizin: der Erkennung von unterschiedlichen Diabetes-Typen (genauer Diabetes-Phänotypen). Dies soll eine bessere und genauere Therapie des Diabetes ermöglichen. Es werden nicht mehr alle Typ-2-Diabetes-Patienten gleich behandelt, sondern man geht spezifisch auf die Untergruppen ein. Doch wie erkenne ich die Untergruppen (Subphänotypen) des Diabetes?

Zunächst ist es durchaus herausfordernd, bei Erwachsenen überhaupt den Typ 1 (fünf Prozent der Diabetes-Patienten) vom Typ-2-Diabetes (95 Prozent der Patienten) zu unterscheiden. Hier hilft vor allem die Bestimmung der Insulineigenproduktion (C-Peptid), die beim Typ-1-Diabetes stark vermindert ist. Eine Fehldiagnose eines Typ-2-Diabetes bei einem eigentlichen Typ-1-Patienten kann zu einer schwerwiegenden, lebensgefährlichen Fehlbehandlung führen, wenn zum Beispiel die Insulintherapie fälschlicherweise abgesetzt wird.

Der Typ-2-Diabetes ist eine Ansammlung von höchst unterschiedlichen Krankheitsformen. Man könnte die Diabetes-Erkrankung (analog Krebserkrankungen) nach den betroffenen Organen einteilen, die für die Erkrankung maßgebend sind: der Bauspeicheldrüsen-Diabetes, der Leber-Diabetes, der Fettgewebs-Diabetes, der Muskel-Diabetes oder der Gehirn-Diabetes.

Durch die Anwendung neuer analytischer Methoden können große Datenmengen untersucht werden, sodass rein datenbasierte und damit vorurteilsfreie Diabetes-Cluster ersichtlich werden. Die Clusteranalysen können also Gruppen von ähnlich gelagerten Diabetesformen aufdecken. Mithilfe dieser Methoden wurden im letzten Jahr neben dem Typ-1-Diabetes vier Untergruppen im Bereich des Typ-2-Diabetes gefunden, die unterschiedlich auf medikamentöse Therapie reagieren und ein unterschiedlich hohes Risiko für Folgeerkrankungen des Diabetes aufweisen

Neben Menschen mit schwerem Insulindefizit gibt es auch schwer insulinresistente Untergruppen. Ferner lassen sich Menschen mit mildem altersassoziiertem Diabetes oder mildem Übergewichts-Diabetes identifizieren. An den Analysen waren skandinavische, englische und deutsche Arbeitsgruppen des DZD beteiligt. Wie wir ferner zeigen konnten, findet man auch im Bereich der Diabetes-Prävention und des Prädiabetes Menschen mit unterschiedlichem Risikoprofil. Es lassen sich also Cluster mit Hochrisikophänotypen abgrenzen, die denen bei manifestem Diabetes ähneln. Dies sollte in Zukunft zu einer risikostratifizierten Prävention des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen führen.

Diese Entwicklungen zeigen aber auch, dass im Bereich Prävention und Therapie des Diabetes Gruppen mit niedrigem Risiko identifiziert werden können. Solche Menschen bedürfen moderaterer Präventionsmaßnahmen und können als manifeste Diabetes-Patienten zurückhaltender medikamentös behandelt werden.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Andreas Fritsche
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Foto: Dirk Deckbar

zuletzt bearbeitet: 03.06.2019 nach oben

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Dr. phil. Axel Hirsch

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