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Wie lässt sich Lebensqualität messen?

Abstract zum Vortrag von Professor Dr.  med. Baptist Gallwitz, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Stellvertretender Direktor, Medizinische Klinik IV, Universitätsklinikum Tübingen, im Rahmen der Pressekonferenz zur 53. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 10. Mai 2018 in Berlin.

Patientenrelevanz als Maßstab für evidenzbasierte Medizin

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz Typ-2-Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die lebenslanger Behandlung bedarf. Gleichzeitig ist die Erkrankung sehr heterogen, da sie Menschen in unterschiedlichen Lebensaltern betrifft und auch unterschiedlich verläuft. Die Leitlinien empfehlen für die Therapie des Typ-2-Diabetes individuelle Therapieziele und Behandlungen, die sich am Patienten und seinen Bedürfnissen orientieren. Bislang wurde in der evidenzbasierten Medizin bei der Beurteilung von Behandlungen ein Fokus vor allem auf Behandlungsergebnisse mit "harten Endpunkten", das heißt Verbesserung des Langzeitüberlebens und die Verminderung von krankheitsbedingten Komplikationen, gelegt, also auf Mortalität und Morbidität.

Bei Diabetes sind dies zum Beispiel kardiovaskuläre Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, plötzlicher Herztod, Amputationen, Erblindung, Nierenversagen mit Dialysepflichtigkeit. Durch moderne effektive Behandlungsverfahren können heute die vorgenannten "harten Endpunkte" häufig verhindert oder zeitlich hinausgezögert werden und das "progressionsfreie" Leben mit der Erkrankung wird länger. Damit wird für die vergleichende Beurteilung des möglichen Nutzens oder Schadens einer Behandlungsmethode die Berücksichtigung sogenannter "patientenrelevanter Outcomes" immer wichtiger. Diese schließen die Verminderung der Krankheitssymptome einerseits, aber auch die Erfassung von behandlungsbedingten Nebenwirkungen und Einschränkungen durch die Therapie im täglichen Leben ein.

Bei Diabetes wären Beispiele für eine Symptomlinderung eine Verbesserung der hyperglykämiebedingten Symptome wie unter anderem Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Infektneigung, Durst, Visusminderung, Verminderung von nervenschädigungsbedingtem Schmerz. Als Beispiele für patientenrelevante Therapienebenwirkungen seien therapiebedingte Hypoglykämien (Unterzuckerungen), Körpergewichtszunahme, aber auch Gesichtspunkte der täglichen Behandlung wie Komplexität der Therapie in täglicher Anwendung, Therapieadhärenz, Behinderung durch Therapie in täglichen Aktivitäten und Behinderung durch Therapie in längerfristigen Entscheidungen (zum Beispiel bei Berufsausübung, Berufswahl) genannt.

Bislang werden diese patientenrelevanten Outcomes nicht regelhaft und nicht einheitlich in Studien erfasst. Die Zulassungsstudien für Medikamente, die bisher vor allem die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Medikamente untersuchen, erfassen patientenrelevante Endpunkte meist nicht und sind häufig auch in ihrer Untersuchungsdauer zu kurz, um diesbezüglich zu validen Daten und Schlussfolgerungen zu gelangen. Außerdem gibt es zur Erfassung von patientenrelevanten Endpunkten und zur Erfassung der Krankheitslast auch methodische Herausforderungen und Schwierigkeiten.

Nicht nur aus Sicht der Fachgesellschaft DDG und internationaler Fachgesellschaften, sondern auch aus Sicht der Nutzenbewerter von Behandlungsverfahren im Gesundheitswesen (zum Beispiel Gemeinsamer Bundesausschuss G-BA und Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen/IQWiG) und auch zunehmend der Hersteller von Medikamenten und vonseiten von Patientenverbänden besteht die Notwendigkeit, Patientenrelevanz auch für die Beurteilung von Therapien zu berücksichtigen. Hierzu ist es zum einen notwendig, sich auf Messgrößen und Parameter zu einigen und diese in Studien strukturiert und einheitlich zu erfassen. Eine Voraussetzung ist hierbei sicher auch die Möglichkeit, bei einzelnen Parametern eine gleichmäßige Abstufung der Symptomintensität oder der Auftretenshäufigkeit objektiv und ohne Störgrößen erfassen zu können. Wichtig ist eine Erfassung patientenrelevanter Ergebnisse auch vor dem Hintergrund, Patientensubgruppen zu definieren, die von einer bestimmten Behandlung besonders profitieren.

Die DDG hat diesbezüglich eine Arbeitsgruppe mit den oben genannten Akteuren gebildet, um hier verbindliche und einheitliche Strategien und Standards zu entwickeln, die zu einer Verbesserung der Berücksichtigung patientenrelevanter Outcomes führen. Dies wird der Nutzenbewertung von Behandlungen bei chronischen Erkrankungen sicher Vorschub leisten.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 13.05.2018 nach oben

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