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Gesundheitsreform darf diabetologische Versorgung nicht gefährden
Politische Runde "Menschen mit Diabetes beteiligen und stärken"
Allein 2027 sollen im Gesundheitswesen rund 20 Milliarden Euro eingespart werden, um die für 2030 prognostizierte klaffende Lücke von 40 Milliarden in der gesetzlichen Krankenversicherung zu schließen. Gesundheitsministerin Nina Warken kündigte an, dass es Einschnitte für alle geben wird: Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Pharmahersteller, Apotheken, Krankenkassen sowie Versicherte und Arbeitgeber. Drei Viertel der 66 Vorschläge der Expertenkommission zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sollen in einem Reformpaket am 29. April im Bundeskabinett beschlossen werden. So wichtig und richtig diese Reform ist, gab es bei der politischen Podiumsdiskussion "Menschen mit Diabetes beteiligen und stärken" erhebliche Zweifel, ob diese Einsparungen nicht die diabetologische Versorgung der Menschen mit Diabetes dramatisch gefährden könnte. Schon jetzt ist eine wohnortnahe ambulante wie stationäre qualitätsgerechte Versorgung nicht flächendeckend gewährleistet. 4 Vertreter*innen der Diabetes-Community untermauerten dies mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen. Konsens des politischen Abends war, dass bei allen Einsparungen viel mehr in die sektorenübergreifende Digitalisierung, vor allem in Videosprechstunden und Telemedizin, investiert werden müsste, um die Qualität der diabetologischen Versorgung aufrechterhalten zu können.
"Das Gesundheitssystem ist ja inzwischen selbst zum chronischen Patienten geworden. Es müsste fühlen können, was es heißt, in diesem System ein Mensch mit Diabetes zu sein, der mindestens alle Vierteljahre wegen der engmaschigen Betreuung zum Arzt muss. Bei aller notwendigen Reform darf zudem nicht vergessen werden, dass hinter jeder Diabetes-Erkrankung nicht nur Zahlen und Werte stecken, sondern ein Mensch, den wir individualisiert versorgen sollten", mahnte Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender vom Veranstalter des Abends, der gemeinnützigen Organisation diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe.
Dem pflichteten die anwesenden "Patient Voices" der Diabetes Community mit ihren eigenen Erfahrungen über die diabetologische Versorgung nur zu: ConnybDoll (Typ 1) und Daniel Lensing (Typ 2) kritisierten den Kampf um Insulinpumpen beziehungsweise Schulungen, Sabrina Schmidt (Typ 1) forderte mehr geschlechterspezifische Therapie und Susanne Fitza, Mutter einer Tochter mit Typ 1, bemängelte die fehlende Inklusion und länderspezifische Unterschiede von Pflegegraden und Betreuungsunterstützung.
Alle 4 dieser sogenannten Lautsprecher*innen der #SagEsLaut #SagEsSolidarisch-Kampagne erhielten für ihre vorgetragenen Forderungen viel Applaus. (vgl. https://www.diabetesde.org/media/10300).
"Wir haben bislang eine Elektrifizierung, aber keine echte Digitalisierung in der Diabetologie", beklagte Dr. Tobias Wiesner, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) den aktuellen Stand. Dem pflichtete Dr. Christian Graf, Geschäftsbereichskoordinator Versorgung von der Barmer Krankenkasse, bei, indem er mahnte, dass es viel zu wenig Telemedizin und Videosprechstunden in Deutschland gäbe und es von "gesundheitspolitischer Ignoranz" zeuge, wenn nur 34 % der Menschen mit Typ-2-Diabetes eine Schulung bekämen.
Dr. Kirsten Kappert-Gonther (MbB, Die Grünen) pflichtete allen Aussagen bei und ergänzte einen ganz neuen Aspekt: "Versorgung ist demokratierelevant. Wenn die Menschen gesundheitlich nicht gut versorgt sind, stärkt dies die Wutpolitik."
Die Schirmherrschaft hatte die CDU-Politikerin Simone Borchardt übernommen, die an dem Abend genauso wie ihre Parteikollegin Dr. Maria-Lena Weiss, sowie der SPD-Politiker Serdar Yüksel verhindert waren, da kurzfristig parallel eine Sitzung mit Anwesenheitspflicht der Arbeitsgemeinschaften Gesundheit beider Regierungsparteien zu den 66 Maßnahmen angesetzt wurde.
Unterstützt wurde der Abend vom Hauptsponsor Abbott sowie den weiteren Sponsoren Dexcom, Essity, IKK classic und Lilly.
Wissenschaftlicher Partner war die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).
Bildunterschrift: Dr. Jens Kröger
Bildquelle: www.diabsite.de
