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Neue Perspektiven für multimorbide Patienten

Abstract zum Vortrag von Universitätsprofessor Dr. med. Jochen Seufert, FRCPE, Kongresspräsident Diabetes Kongress 2018, Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie, Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg, im Rahmen der Pressekonferenz zur 53. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 10. Mai 2018 in Berlin.

Welche Therapieansätze eröffnen aktuelle kardiovaskuläre Endpunktstudien und neue Medikamente?

Multimorbidität bei Menschen mit Diabetes mellitus

Universitätsprofessor Dr. med. Jochen Seufert Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 leiden meist nicht ausschließlich unter der Zuckererkrankung, sondern haben viele zusätzliche Erkrankungen, wie Adipositas, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, sowie nach längerer Laufzeit des Diabetes auch Folgekomplikationen an Herz-Kreislauf-System, Niere, Augen und Nervensystem. Diese zusätzlichen Erkrankungen charakterisieren Menschen mit Diabetes mellitus somit als multimorbide und deshalb besonders anfällig für Komplikationen. Zur optimalen Behandlung dieser Patienten ist deshalb eine Berücksichtigung all dieser Begleiterkrankungen notwendig.

Aufgrund der Anfälligkeit für Komplikationen ist hierbei bei der Behandlung des Diabetes mellitus insbesondere darauf zu achten, dass Behandlungsstrategien durchgeführt werden, die möglichst nebenwirkungsarm, aber dennoch effektiv sind. Dies bedeutet insbesondere die Vermeidung von Hypoglykämien und Gewichtszunahme durch die Diabetestherapie. Gerade neuere Antidiabetika wie SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Rezeptoragonisten und DPP4-Inhibitoren bieten hier die Möglichkeit einer effektiven Diabetes-Therapie ohne Hypoglykämie-Risiko und mit hoher metabolischer Effektivität.

Hohes kardiovaskuläres Risiko bei Menschen mit Diabetes mellitus

Über 50 Prozent der Todesfälle bei Diabetes mellitus Typ 2 sind durch kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall und periphere arterielle Durchblutungsstörungen bedingt. Aus diesem Grund muss das primäre Ziel der Behandlung neben der Vermeidung von mikrovaskulären Komplikationen wie Nieren- und Augenerkrankungen auf die Senkung des kardiovaskulären Risikos ausgerichtet sein.

Dies beinhaltet neben der adäquaten Senkung des Blutzuckers auch eine zielwertorientierte Behandlung des Bluthochdrucks sowie der assoziierten Fettstoffwechselstörungen und eine Senkung des Körpergewichts. Für die Behandlung der Zuckerstoffwechselstörung liegen nun für sämtliche neuen Antidiabetika so genannte kardiovaskuläre Endpunktstudien vor, in welchen untersucht wurde, inwieweit diese Medikamente nicht nur den Blutzucker senken können, sondern auch das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen.

Kardiovaskuläre Endpunktstudien zu Antidiabetika

Seit 2012 müssen sämtliche neuen Antidiabetika nicht nur daraufhin untersucht werden, ob sie den Blutzucker adäquat senken können, sondern auch, ob sie das kardiovaskuläre Risiko von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 beeinflussen. Im Idealfall können diese Medikamente nicht nur den HbA1c positiv beeinflussen, sondern auch Herzinfarkte, Schlaganfälle und Mortalität reduzieren.

Während die kardiovaskulären Endpunktstudien für DPP4-Inhibitoren (Sitagliptin, Saxagliptin) in den letzten Jahren den neutralen Effekt auf das kardiovaskuläre Risiko von Menschen mit Diabetes mellitus gezeigt hatten, liegen nun Daten für die SGLT2-Inhibitoren Empagliflozin (EMPA-REG Outcome) und Canagliflozin (CANVAS Studienprogramm) vor, die eindeutig zeigen, dass diese Medikamente kardiovaskuläre Endpunkte und Mortalität reduzieren können. Insbesondere die Komplikation einer dekompensierten Herzinsuffizienz konnte durch diese Medikamente drastisch reduziert werden. Darüber hinaus können diese Medikamente dazu beitragen, dass die Patienten Gewicht abnehmen und zusätzlich wird der Blutdruck reduziert. Das Hypoglykämie-Risiko der SGLT2-Inhibitoren ist dabei sehr gering.

Auch in der Medikamentenklasse der GLP-1-Rezeptoragonisten liegen positive Daten aus kardiovaskulären Endpunktstudien für die beiden Substanzen Liraglutiud (LEADER-Studie) und Semaglutid (SUSTAIN-6 Studie) vor. Während für die Substanzen Lixisenatide und Exenatide kein positiver Effekt auf kardiovaskuläre Endpunkte gezeigt werden konnte, so konnten die vorher genannten Medikamente signifikante Reduktionen von Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärer Mortalität zeigen.

Diese Medikamente können somit besonders für Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus und hohem kardiovaskulärem Risiko vorteilhaft eingesetzt werden.

Die Mechanismen, welche hinter diesen positiven kardiovaskulären Effekten der neuen Antidiabetika stecken könnten, wurden im Symposium "Endpunktstudien in der Diabetologie: Was passiert, warum funktioniert es?" am Donnerstag, den 10. Mai 2018, von 08.30 bis 10.00 Uhr im Saal A6-7 "Langerhans" beleuchtet. Darüber hinaus wurden neue Erkenntnisse zur besonders häufig unterschätzten kardiovaskulären Begleiterkrankung Herzinsuffizienz im Symposium "Herzinsuffizienz bei Diabetes - Wenn die Pumpe streikt" am Donnerstag, den 10. Mai 2018, von 10.30 bis 12.00 Uhr im Saal A6-7 "Langerhans" diskutiert.

Neue Medikamente zur LDL-Senkung

Zur Senkung des kardiovaskulären Risikos von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 ist eine zielwertorientierte Behandlung der Fettstoffwechselstörungen mit adäquater LDL-Senkung notwendig. Hierbei sind LDLK-Werte kleiner als 70 mg/Deziliter anzustreben. Für Patienten, die Cholesterinsenker wie Stratine nicht vertragen oder bei denen eine Statinbehandlung diese Zielwerte nicht erreichen lässt, stehen nun die PCSK9-Inhibitoren (Evolocumab und Alirocumab) als injektabile Substanzen zur Verfügung, die eine exzellente weitere LDL-Senkung bei sehr guter Verträglichkeit - allerdings hohem Preis - ermöglichen. Für ausgewählte Patienten mit hohem Risikoprofil sind diese Medikamente sicherlich eine Bereicherung. Die PCSK9-Inhibitoren haben kürzlich in neuen kardiovaskulären Outcome-Studien (FOURIER und ODYSSEY-Outcome) gezeigt, dass die weitere LDL-Senkung durch dieses Wirkprinzip signifikant kardiovaskuläre Endpunkte reduzieren kann.

Der sinnvolle klinische Einsatz dieser Substanzen bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und hohem kardiovaskulären Risiko wird in einem „Praxisdialog“, einem neuen interaktiven Veranstaltungsformat beim Diabeteskongress, zum Thema „Lipidtherapie in der Praxis“ am Freitag, den 11. Mai 2018, von 10.30 bis 12.00 Uhr im Saal A4 „Pfeiffer“ diskutiert.

Einsatz neuer Medikamente im Rahmen der multifaktoriellen Therapie bei Diabetes mellitus Typ 2

Zur adäquaten Risikosenkung bei multimorbiden Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 ist der Einsatz der oben genannten neuen Medikamente mit positiven Ergebnissen aus kardiovaskulären Endpunktstudien eine Bereicherung. Gerade Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko können vom Einsatz der SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten sowie ausgewählte Patienten mit Stativunverträglichkeit oder inadäquat behandelbarer Fettstoffwechselstörung von der Behandlung mit PCSK9-Inhibitoren additiv und mit hohem Sicherheitsprofil profitieren. Es bleibt zu hoffen, dass durch den Einsatz dieser neuen Medikamente die kardiovaskuläre Komplikationsrate von multimorbiden Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 in Zukunft weiter reduziert werden kann.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Universitätsprofessor Dr. med. Jochen Seufert
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 11.05.2018 nach oben

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