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Warum Deutschland ein nationales Diabetesregister braucht

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaf (DDG), Stellvertretender Direktor, Medizinische Klinik IV, Universitätsklinikum Tübingen im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 27. Februar 2018 in Berlin.

Potential der Versorgungsforschung

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz In Deutschland fehlt - mit Ausnahme des nationalen Krebsregisters - eine gesetzliche Vorgabe, bei chronischen Erkrankungen deren Verläufe und Behandlung flächendeckend zu erfassen und zentral einer Langzeitauswertung zukommen zu lassen. Diabetes mellitus betrifft in Deutschland circa 6,7 Millionen Menschen, jährlich kommen 500.000 Neuerkrankte hinzu und etwa ein Fünftel aller Todesfälle in Deutschland sind nach einer neueren Studie direkt auf den Diabetes zurückzuführen. Die direkten und indirekten Gesundheitskosten durch Diabetes belaufen sich auf 16,1 Milliarden Euro jährlich, wobei ein Großteil der Kosten für die Behandlung von diabetesbedingten Spätfolgen und Komplikationen aufgebracht werden muss.

Seit 2001 sind in Deutschland Disease-Management-Programme (DMPs) implementiert. In diesen Programmen sind eine evidenzbasierte und leitlinienorientierte Diagnostik und Therapie sowie Patientenschulung festgelegt. Im Jahr 2016 waren etwa 4,1 Millionen Patienten im DMP für Typ-2-Diabetes eingeschrieben, auch der Anteil der Patienten mit Typ-1-Diabetes im entsprechenden DMP liegt bei weit über 80 Prozent. An zentralen Versorgungsdaten stehen nur in beschränktem Maße Analysen aus den DMPs für Diabetes zur Verfügung. Vor allem aufgrund der föderalen Strukturen und der Organisation der Kostenträger sind flächendeckende, zentrale, regelmäßige und standardisierte Auswertungen der DMP-Daten (vergleichbar mit Register- und Versorgungsdaten zum Beispiel aus den skandinavischen Ländern oder Großbritannien) bislang nicht umgesetzt.

Die oben genannten Zahlen zeigen klar, dass aus medizinischer Sicht, aus Sicht der Versorgungsstrukturen und aus gesundheitspolitischen Gründen dringender Handlungsbedarf besteht und eine zentral gesteuerte und kontinuierliche Verbesserung der Datenanalyse mit dem Ziel einer zusammengeführten Analyse aller Diabetes-DMP-Daten wünschenswert und nötig ist. Nur so lassen sich regionale Unterschiede in der Versorgung aufzeigen. Es werden darüber hinaus wichtige zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, viel validere und detaillierte Kenntnisse zur Therapiesicherheit mit Medikamenten sowie von nicht medikamentösen Maßnahmen (zum Beispiel Patientenschulung, Stoffwechselselbstkontrolle) unter realen Versorgungsbedingungen zu erlangen. Diese Erkenntnisse dienen letztendlich der besseren Versorgung der Patienten und helfen, das Gesundheitswesen besser und effizienter zu steuern. Gerade bei Diabetes sind die kausalen Zusammenhänge zwischen Stoffwechsellage und Behandlung relativ eindeutig, klar und kalkulierbar. Aus den Stoffwechseldaten können somit wichtige Rückschlüsse gezogen werden.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) kann als Fachgesellschaft mit ihrer Kommission Versorgungsforschung und Register die medizinischen und wissenschaftlichen Standards und den Rahmen für eine klinisch und wissenschaftlich allen Ansprüchen genügende Auswertung definieren helfen. Die gerade in der Diabetesversorgung schnell fortschreitende Digitalisierung kann hier auch als Chance und weitere Hilfe verstanden werden, hier hat die DDG bezüglich der Weiterentwicklung der Digitalisierung und hinsichtlich des Umgangs mit medizinischen Daten in einem Positionspapier klar Stellung bezogen. Die DDG arbeitet zusammen mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) an der Einrichtung einer nationalen "Diabetes Surveillance", für die die bessere Auswertung und Zusammenführung der DMP-Daten ebenfalls ein wichtiger Meilenstein ist. Im Konzept zu einem „Nationalen Diabetesplan“ ist die Schaffung und Etablierung eines möglichst guten Diabetesregisters, für das die DMP-Daten einen wesentlichen Baustein liefern, ein wichtiges Handlungsfeld. Die DDG setzt sich daher mit Nachdruck für eine Zusammenführung der Daten aus den DMPs Diabetes ein.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

  • Jacobs E, Hoyer A, Brinks R, Kuss O, Rathmann W: Burden of mortality attributable to diagnosed diabetes: a nationwide analysis based on claims data from 65 million people in Germany. Diabetes Care. 2017; 40(12): 1703-1709.-

  • Jacobs E, Rathmann W: Epidemiologie des Diabetes in Deutschland. In: Kröger J, Müller-Wieland D (Hrsg.): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2018 - Die Bestandsaufnahme. Kirchheim Verlag, Mainz. 2017; 9-22.

  • Jacobs E, Hoyer A, Brinks R, Icks A, Kuß O, Rathmann W. Healthcare costs of type 2 diabetes in Germany. Diabet Med. 2017; 34(6): 855-861.

  • Linnenkamp U, Andrich S, Icks A: Gesundheitsökonomische Aspekte des Diabetes mellitus. In: Kröger J, Müller-Wieland D (Hrsg.): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2018 - Die Bestandsaufnahme. Kirchheim Verlag, Mainz. 2017; 210-219.

  • Kloos C, Müller N, Wolf G, Hartmann P, Lehmann T, Müller UA. Better HbA1c and blood pressure control in patients with diabetes mellitus treated at a primary health care level 10 years after initiation of a diabetes quality improvement program. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2011; 119(8): 459-62.

  • Seufert J, Bohn B: Diabetes-Register und Diabetes-Surveillance als Bausteine einer Nationalen Diabetes-Strategie. In: Kröger J, Müller-Wieland D (Hrsg.): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2018 – Die Bestandsaufnahme. Kirchheim Verlag, Mainz. 2017; 234-242.

  • Müller-Wieland D, Ickrath M: Rahmenpapier für einen Code of Conduct Digital Health der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur digitalen Transformation. August 2017. (Zugriff 29.12.17).

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

zuletzt bearbeitet: 09.03.2018 nach oben

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