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Risiken screenen, Parodontitis behandeln

Patienten-Fragebogen Parodontitis für die Diabetes-Praxis verfügbar

Parodontitis-Selbsttest als App
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An der Universitätsmedizin Greifswald wurde ein neuer Risiko-Score zum Screening von Parodontitis entwickelt und evaluiert. Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) hat daraus einen Selbsttest entwickelt, mit dem Patienten ihre Risikofaktoren für Parodontitis selbst abschätzen können. Der Test ist als App für das Smartphone und als Fragebogen für die Hausarzt- oder diabetologische Praxis verfügbar. Langfristig könnte er helfen, die Parodontitis-Prävalenz und damit einen noch häufig unterschätzten Risikofaktor von Diabetikern zu senken.

Die gegenseitige Beeinflussung von Parodontitis - der entzündlichen Erkrankung des Zahnhalteapparates - und Diabetes mellitus ist gut erforscht und wissenschaftlich belegt. Parodontitis gilt heute als eine weitere wichtige Diabetesfolgeerkrankung. So haben Diabetes-Patienten im Vergleich zu Nicht-Diabetikern ein dreifach erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Die Erkrankung verläuft schwerer und Diabetiker verlieren mehr Zähne als Nicht-Diabetiker. Sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes gelten nachweislich als Risikofaktor für Parodontitis. Das erhöhte Risiko von Diabetikern steht dabei im direkten Zusammenhang mit der Kontrolle des Blutzuckerspiegels: Ist der Diabetes-Patient gut eingestellt, weist er kein erhöhtes Risiko auf, wohingegen mit schlechterer Einstellung des Blutzuckerspiegels das Risiko für die Zerstörung des Zahnhalteapparats und Zahnverlust zunimmt.

Volkskrankheit Parodontitis

Die Prävalenz der Parodontitis ist in Deutschland hoch. Laut der Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) sind 51,6 Prozent der 35-44-Jährigen und 64,6 Prozent der 65-74-Jährigen von einer moderaten oder schweren Parodontitis betroffen. Unbehandelt kann sie zu Zahnverlust führen und damit weitreichende Folgen haben. Dabei ist Parodontitis gut beherrschbar, vor allem wenn die Krankheit frühzeitig erkannt wird. Das Problem: Insgesamt ist die bevölkerungsweite Aufklärung ungenügend und auch die Selbstwahrnehmung bei den Patienten schlecht ausgebildet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Parodontitis wie auch der Diabetes "stille Erkrankungen" sind, die von den Betroffenen oft erst sehr spät bemerkt werden.

Risiko-Score wissenschaftlich evaluiert

Um das mögliche Vorliegen einer Erkrankung vorherzusagen, sind in der Allgemeinmedizin klinische Prädiktionsmodelle und sogenannte Punkte-basierte Risiko-Score-Systeme seit Jahren im Einsatz. Sie sind eine beliebte objektive Alternative zur subjektiven Einschätzung durch einen Kliniker in der klinischen Entscheidungsfindung. Der in der kardiovaskulären Medizin seit 50 Jahren eingesetzte Framingham Risk Score ist dabei einer der bestentwickelten.

Auch in der Zahnmedizin sind verschiedene Prädiktionsmodelle wie das PRA (Periodontal Risk Assessment Tool) zur Einschätzung des Rezidiv-Risikos im Einsatz. Diese Modelle sind aber auf den klinischen Alltag beschränkt. Patienten können sie nicht selbst zu Hause nutzen. Zur Sensibilisierung und Früherkennung bei Parodontitis wurde an der Universitätsmedizin Greifswald daher ein neues Risiko-Score-System entwickelt und evaluiert, das unabhängig von klinischen Befunddaten eingesetzt werden kann. Der Risiko-Score ist ein breit einsetzbares Screening-Instrument, mit dem unkompliziert, aber verlässlich das Risiko einer Parodontitis bewertet werden kann - und zwar vom Patienten selbst. Anhand von sechs Risikofaktoren wie etwa Alter, Geschlecht oder Zahnfleischbluten werden Kategorien - zum Beispiel "weiblich/männlich" oder "ja/nein" - angegeben und mit Punkten bewertet. Je höher der Wert, desto höher das Parodontitis-Risiko.

Unkomplizierter Selbsttest

Der von der DG PARO entwickelte Selbsttest Parodontitis basiert auf dem wissenschaftlich evaluierten Risiko-Score-System. Der Selbsttest kann von jedem Erwachsenen ohne großen Aufwand durchgeführt werden - ob per App über das Smartphone oder anhand des Fragebogens in der Praxis. Dies eröffnet neue Möglichkeiten, sehr viel mehr Patienten zu erreichen, aufzuklären und zu sensibilisieren. Der im Wartezimmer ausgefüllte Fragebogen ist eine gute Basis für das Patientengespräch mit dem Diabetologen, der bei entsprechendem Ergebnis die Empfehlung aussprechen kann, den Zahnarzt zu konsultieren. So wird eine einfache Schnittstelle für die Kooperation zwischen Allgemeinarzt und Zahnarztpraxis hergestellt.

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Zusammenarbeit erforderlich

Prävention, Screening und Therapie der Parodontitis setzen eine Zusammenarbeit zwischen Patient, Zahnarzt und behandelndem Hausarzt bzw. Diabetologen voraus. Die DG PARO arbeitet schon seit Jahren disziplinübergreifend mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zusammen. Doch in der Praxis werden die beiden Krankheitsbilder noch viel zu häufig isoliert betrachtet. So weisen Diabetologen ihre Patienten routinemäßig auf mögliche Netzhautschäden und auf das Fußsyndrom hin, nicht jedoch auf die orale Gesundheit. Hier ist noch mehr Sensibilität nötig, aber es fehlte bislang auch an ganz praktischen Dingen, wie einem einfach einsetzbaren Screening-Instrument für die Diabetespraxis. Daher hat die DG PARO den Selbsttest-Fragebogen fürs Wartezimmer entwickelt und bietet diesen Allgemeinarztpraxen und diabetologischen Praxen an. Damit liegt ein unkompliziertes Instrument vor, das zum breiten Screening für besonders gefährdete Diabetespatienten eingesetzt werden kann und keine zusätzlichen Kosten verursacht. Wichtig werden zudem die neuen AWMF-Leitlinien Diabetes und Parodontitis sein, die kurz vor der Veröffentlichung stehen, mit Empfehlungen für Ärzte und Zahnärzte zur interdisziplinären Betreuung von Patienten mit Parodontitis und Diabetes.

Zur Gesellschaft

Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie e.V. (DG PARO) nimmt wissenschaftliche und fachliche Aufgaben auf dem Gebiet der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, insbesondere der Parodontologie wahr. Für ihre fast 5.000 Mitglieder sowie zahnärztliche Organisationen ist sie seit über 90 Jahren beratend und unterstützend in parodontologischen Fragen tätig. Zu den Aufgaben der DG PARO gehört u. a. die Förderung der Forschung auf dem Gebiet der Parodontologie sowie die Auswertung, Verbreitung und Vertretung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wesentliche Tätigkeitsschwerpunkte neben der Durchführung von wissenschaftlichen Tagungen, sind die Fort- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Parodontologie sowie die Ausrichtung entsprechender Veranstaltungen. Zudem vergibt die Gesellschaft jährlich Wissenschaftspreise wie den Eugen-Fröhlich-Preis. Die DG PARO arbeitet, auch interdisziplinär, intensiv mit wissenschaftlichen Gesellschaften, Arbeitsgemeinschaften und Institutionen des In- und Auslandes zusammen. Sie verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke.

Quellen

  • Jordan, A. R. & Micheelis, W. (2016): Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V). Köln: Deutscher Zahnärzte Verlag DÄV.

  • Zhan, Y. et al. (2014): Prediction of periodontal disease: modelling and validation in different general German populations. J Clin Periodontol 41, 224-231.

  • Hensel, E. et al. (2003): Study of Health in Pomerania (SHIP): a health survey in an East German region. Objectives and design of the oral health section. Quintessence Int 34, 370-378.

  • John, U. et al. (2001): Study of Health in Pomerania (SHIP): a health examination survey in an east German region: objectives and design. Soz Praventivmed 46, 186-194.

  • Holtfreter, B., Dietrich T., Dannewitz, B., Völzke, H., Kocher, T.: Der Parodontitis-Risiko-Score - Via Selbsttest zum Screening, in: zm  /2018, 80-87.

  • Deschner J, Haak T, Jepsen S, Kocher T, Mehnert H, Meyle J, Schumm-Draeger P-M, Tschöpe D: Diabetes mellitus und Parodontitis. Wechselbeziehung und klinische Implikationen. Ein Konsensuspapier. Internist 52, 466-477 (2011).

Bildunterschrift: Parodontitis-Selbsttest als App
Bildquelle: Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) e.V.

zuletzt bearbeitet: 21.02.2018 nach oben

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