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Behandlung herzkranker Diabetiker verbessern und Ansprechpartner für Patienten sein

Prof. Diethelm Tschöpe Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Vorsitzender der Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker)

Frage:
Herr Professor Tschöpe, als Endokrinologe sind Sie Experte für Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen. Seit 2003 leiten Sie das Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen. Vier Jahre vor Beginn Ihrer Tätigkeit als Klinikdirektor haben Sie eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich mit Herz- und Gefäßproblemen bei Diabetes befasst. Warum war dieser Schritt notwendig?
Prof. Tschöpe:
Erste Hinweise, dass Diabetes nicht allein ein Stoffwechselproblem, sondern eine Erkrankung ist, die das Herz und die Gefäße schädigt, haben wir in den neunziger Jahren gesehen. Dies zeigte sich einerseits in der Behandlung der Patienten, und wurde andererseits durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt. Allerdings war die Datenlage zu dieser Zeit noch recht dürftig. Nur vereinzelt gab es Forscher, die das Thema Diabetes im Kontext Herz und Gefäße aufgriffen. Es hatte den Anschein, als würde man den Faktor in Studien bewusst ausblenden wollen, weil er die Ergebnisse ungünstig beeinflusst. Aus dem Defizit in Versorgung und Wissenschaft reifte die Idee zur Gründung der Stiftung DHD. Seitdem verfolgt die Stiftung das Ziel, durch Aufklärung, Prävention und Forschung die Behandlung von herzkranken Diabetikern zu optimieren.
Frage:
Über ein Jahrzehnt Stiftungsarbeit liegt hinter Ihnen, Herr Professor Tschöpe. In dieser Zeit konnte die Stiftung DHD zahlreiche Projekte initiieren und Forschung voranbringen. Sie hat auch die Aufmerksamkeit auf das kardiovaskuläre Risiko bei Diabetikern gelenkt. Welche Erfolge der Stiftung sollten unbedingt erwähnt werden?
Prof. Tschöpe:

Im Bereich der Forschung wurden zwölf herausragende Preisträger mit dem 10.000 Euro dotierten Förderpreis der Stiftung ausgezeichnet. Die Laureaten haben mit ihren Arbeiten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Krankheitsursachen und Therapieprinzipen geleistet. Mit Stolz blicken wir auch auf drei junge Wissenschaftler, die das Stipendium der Stiftung erhalten haben. Die Förderung von 20.000 Euro wird seit 2009 für innovative Forschungsideen an der Schnittstelle von Stoffwechsel- und Gefäßmedizin vergeben, als Anschubfinanzierung für Nachwuchswissenschaftler.

Ein wichtiges Projekt in der Versorgung ist das Zertifikat zur Anschlussheilbehandlung von herzkranken Diabetikern, das die Stiftung DHD zusammen mit der DGPR (Deutsche Gesellschaft zur Prävention und Rehabilitation von Herz-, Kreislauferkrankungen) entwickelt hat. Mittlerweile können wir den Patienten, die nach einer Operation eine geeignete Reha-Maßnahme suchen, guten Gewissens bundesweit über 20 Einrichtungen empfehlen. Die Kliniken mit dem "AHB-Zertifikat für herzkranke Diabetiker" erfüllen inhaltlich und strukturell die Kriterien, die für die Versorgung von Patienten mit Herz- und Stoffwechselproblematik notwendig sind. Dazu gehört z. B. ganz zentral die gemeinsame Behandlung durch Kardiologen und Diabetologen.

Frage:
Die Erkenntnisse zum Thema Diabetes und Herz haben inzwischen zugenommen. Inhaltlich sind die Schwerpunkte der Stiftung heute sicher anders als zur Gründungszeit. Wie hat sich die Arbeit gewandelt?
Prof. Tschöpe:

Es ist richtig, dass die Datenlage in den letzten Jahren gewachsen ist. Allerdings besteht im Bereich des Verstehens von Krankheitsmechanismen und bei der Therapie weiterhin Forschungsbedarf. Nur zu wissen, dass Diabetes die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität erhöht, reicht nicht aus, damit sich die Behandlung der Patienten verbessert.

Wir als Stiftung haben von Anfang an den Dialog zwischen allen am Behandlungsprozess beteiligten ärztlichen Disziplinen gefördert. Das gilt vom Zeitpunkt der Diagnosestellung bis zur Rehabilitation. Einmal jährlich treffen sich 400 Mediziner aus Klinik und Praxis bei der Stiftungstagung in Berlin zum Austausch. Die Kardiologen, Endokrinologen, Diabetologen, Hausärzte, Herzchirurgen, Angiologen und Neurologen diskutieren die aktuellen Aspekte aus Forschung und Therapie. Letztlich geht es darum, die Versorgung herzkranker Diabetiker konkret zu optimieren. Die Stiftung engagiert sich deshalb zunehmend in Studien, die den Behandlungsalltag unter die Lupe nehmen. Register wie Sweetheart und DiaRegis sind inzwischen fast abgeschlossen und die Ergebnisse publiziert. Im Sommer 2012 sind wir mit DIALOGUE gestartet. Hier wird die Therapie bei Diabetikern mit Bluthochdruck untersucht. 10.000 Patienten werden eingeschlossen, die Partner sind niedergelassene Arztpraxen. Es soll das bislang größte Register in Deutschland zum Thema Diabetiker als Hochdruckpatienten werden.

Frage:
Sie haben mehrfach erwähnt, Herr Professor Tschöpe, dass es Lücken in der Versorgung von Patienten gibt. Wie lassen sich diese konkret benennen? Und welche Problematik bringt der herzkranke Diabetiker mit?
Prof. Tschöpe:

Die zu späte Diagnose beim Diabetes ist ein Hauptproblem, denn bereits die Vorstufen zur Erkrankung ziehen das Herz und die Gefäße in Mitleidenschaft. Beim Diabetiker schreitet die Verkalkung der Gefäße, Arteriosklerose genannt, beschleunigt voran, ohne dass es der Patient ahnt. Diabetes ist eine schleichende Erkrankung. Dies kann im ungünstigsten Fall dazu führen, dass der Herzinfarkt oder Schlaganfall vor dem Diabetes diagnostiziert wird. Der Infarkt als erstes Symptom ist nicht selten, das sehen wir auch in der Klinik.

Doch selbst wenn der Diabetes bekannt ist, heißt das noch längst nicht, dass die Erkrankung behandelt wird. Mit der Silent Diabetes-Studie in 2011 konnten wir zeigen, dass bei fast zwei Drittel aller elektiv dem Herzkatheter zugeführten Patienten ein gestörter Glukosestoffwechsel vorhanden war. Untersucht wurde ein Kollektiv, bei dem Diabetes nicht vorbekannt war. Der Hausarzt wurde über die Ergebnisse informiert. In mindestens der Hälfte der Fälle wurde daraus aber keine Konsequenz gezogen. Dies zeigt das Problem. Diabetes wird verharmlost, unter dem Motto "das bisschen Zucker ist nicht schlimm". Diabetes ist aber eine ernstzunehmende Erkrankung. Das bestätigen die Ereignisraten. Für 75 Prozent aller Diabetiker enden Herz- und Gefäßkomplikationen tödlich, diese Zahl ist seit Jahren konstant. Auch wenn Patienten heute in Bezug auf ihre Lebenserwartung von neuen Behandlungsoptionen profitieren können.

Der herzkranke Diabetiker bringt neben Diabetes meist ein Bündel von Risikofaktoren wie Übergewicht, Störungen im Fettstoffwechsel und Bluthochdruck mit, wobei alle Werte gleichermaßen zielwertgerecht eingestellt werden müssen. Und der Patient weist oft mehrere Probleme gleichzeitig auf. Dazu zählen koronare Herzkrankheit (KHK), periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) mit der Bedrohung durch Amputation, Nierenschäden mit der Folge Dialysepflicht oder Schädigung des Augenhintergrunds (Retinopathie) bis zur Erblindung. Mit Blick auf das Herz besteht bei Diabetes eine erhöhte Anfälligkeit für Herzrhythmusstörungen, Energiemangel im Myokard und Arteriosklerose der großen Herzkranzgefäße. Auf den Punkt gebracht zählt der Diabetiker zur Hochrisikogruppe für Vorhofflimmern, Herzschwäche und KHK. Diese Krankheitsbilder müssen diagnostiziert und behandelt werden. Hier bleibt zu fordern, dass Ärzte die Patienten auch rechtzeitig zum nächsten Spezialisten überweisen.

Frage:
Herr Professor Tschöpe, eine letzte Frage: Ihre Stiftung legt Wert darauf, dass Patienten informiert und aufgeklärt sind. Das ist der Grund, warum Sie mit der Messe gesund.leben in Essen kooperieren. Was wird die Stiftung am Wochenende vom 09. bis 11. November anbieten? Welche Botschaft so kurz vor dem Weltdiabetestag 2012 ist Ihnen wichtig?
Prof. Tschöpe:

Als Stiftung möchten wir Ansprechpartner für Patienten sein, das ist wichtig. Wir wünschen uns den informierten mündigen Patienten, der mit seinen Fragen zu uns kommt. Derzeit antworten wir vermehrt auf Fragen zu neuen Therapiemöglichkeiten oder wie die richtige Betreuung gefunden werden kann. Unser Ansatz ist es, gemeinsam mit dem Patienten nach Lösungen zu suchen. Ein Wunsch ist auch, dass der Betroffene die Fähigkeit und das Wissen erlangt, seine Behandlung aktiv einzufordern. In Zeiten diskutierter Wirtschaftlichkeit in der Medizin und mit Überversorgung in einigen Bereichen ist heute nicht mehr nur der kritische Blick von Ärzten gefragt, sondern auch der genaue Blick seitens der Patienten. Hier gilt aber vor allem, dass man aktuell informiert ist, auch die richtigen Quellen dafür wählt. Das ist eine zentrale Botschaft der Stiftung.

Bei der Messe in Essen werden wir neben Vorträgen zu relevanten Themen an allen drei Tagen Arzt-Patienten-Sprechstunden anbieten, um die Möglichkeit zu schaffen, mit Experten ins Gespräch zu kommen. Die Sprechstunden sind selbstverständlich kostenfrei, denn die Stiftung arbeitet ehrenamtlich. Wir haben keinen großen Verwaltungsapparat, so dass alle finanziellen Mittel in Projekte fließen können. Die Stiftungsarbeit soll dem Patienten zu Gute kommen.

Wer Interesse hat, trifft bei der Messe auf den Diabetologen, den Kardiologen und Ernährungsmediziner sowie im Rahmen der gemeinsamen Kooperation von Stiftung DHD mit der Stiftung DZK (Das zuckerkranke Kind) auf den Pädiater. An unserem Stiftungsstand stehen die ganze Zeit kompetente Ansprechpartner zur Verfügung, die Fragen rund um die Behandlung des Diabetes im Kindes- und Erwachsenenalter beantworten.

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Bildunterschrift: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe
Bildquelle: Stiftung DHD

zuletzt bearbeitet: 08.11.2012 nach oben

Wir danken der Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker) für die freundliche Publikationsgenehmigung.

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