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Seite 2.

Prävention für Krankenkassen kein Thema

Die Krankenkassen haben in ihren jetzigen Disease Management Programmen Diabetes und Therapien neu definiert. Der international anerkannte Wissensstand der Diabetesforschung wird nicht berücksichtigt. Stattdessen soll ein Kassenpatient in Deutschland erst dann behandelt werden, wenn seine Blutzuckerwerte extreme Toleranzen überschritten haben oder bereits Komplikationen und Symptome der Folgeschäden auftreten. Die Chance, den Folgen vorzubeugen, wird vertan.

Sparmedizin führt zu Kostenexplosion

Wo es an Prävention fehlt, ist der Ernstfall unabwendbar. Die Fachärzte befürchten, dass die DMP der Krankenkassen eine beispiellose Flut von Diabetesfolgeerkrankungen auslösen werden. Wenn jetzt nicht auf die warnenden Stimmen gehört wird, ergibt sich ein wahres Schreckensszenario. Fast jeder Kassenpatient, der heute schon Diabetes hat, muss in zehn Jahren wegen schwerer Krankheiten behandelt werden. Die Summe der dann entstehenden Kosten wäre für unsere Volkswirtschaft nicht mehr zu verkraften.
 
"Durch ein Programm in der vorliegenden Form werden die Folgeschäden: Erblindung, Schlaganfall, Herzinfarkt, Amputation und Dialyse wieder drastisch zunehmen. Das bedeutet nicht nur zahlloses menschliches Leid, sondern auch eine weitere massive Kostenlawine. Aus Sicht der Betroffenen und der Ärzte müssen solche Programme zur Verbesserung der Betreuung von Diabetikern führen und dürfen nicht als Alibi für Leistungsverweigerung und Rationierung unter dem Deckmantel einer falsch interpretierten Evidence based Medicine dienen."
Prof. Dr. med. Jan Schulze, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der TU Dresden, Leiter Bereich Endokrinopathien und Klinische Stoffwechselkrankheiten.

Krankenkassen verfälschen Fachausdrücke - Beispiel EBM

Der Begriff "Disease Management Programm" lässt sich leicht verbiegen. Es kommt darauf an, was in einem solchen Behandlungsplan steht und wer ihn ausführt. Doch den Begriff "Evidenzbasierte Medizin" (EBM) verkehren die Krankenkassen geradezu ins Gegenteil. Unter Evidenzbasierter Medizin verstehen sie eine Medizin, die vor zehn oder fünfzehn Jahren als bewährt galt. Der gesamte zwischenzeitliche Fortschritt wird einfach ignoriert. Auf neue Behandlungsmethoden und moderne Medikamente sollen Kassenpatienten keinen Anspruch haben. Und das obwohl die Diabetesforschung gerade im vergangenen Jahrzehnt entscheidende Fortschritte gemacht hat. Die tatsächliche evidenzbasierte Medizin versucht aber, jede neue Erkenntnis zu nutzen.
 
"Evidenzbasierte Medizin ...
Dahinter steht die Idee, den aktuellen Stand der Forschung gewissenhaft, ausdrücklich und vernünftig in der medizinischen Versorgung jedes einzelnen Patienten zu gebrauchen. ...
Die Praxis der EBM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung. ...
Die EBM ist nicht einfach ein Mittel zur Kostenreduktion.
Ärzte, die EBM praktizieren, werden die effektivsten Verfahren identifizieren und anwenden, um die Lebensqualität und -dauer der Patienten zu maximieren..."
"Hintergrund: Was ist EBM?" Deutsches Cochrane Zentrum, Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (www.cochrane.de).

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21.08.2002
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Archiv 2002  -  Nachrichten zur Gesundheitspolitik
 

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