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Insulin glargin - eine Alternative zur Pumpentherapie?

Das Diabetes-Portal DiabSite im Gespräch mit Dr. Irmtraud Hüttl

Frau Dr. Irmtraud Hüttl, Diabetologin, spezialisierte sich nach der internistischen Ausbildung vorerst auf die Nephrologie an der damaligen Medizinischen Akademie Magdeburg, wo sie engere Kontakte zu Diabetikern an der Dialyse bekam. Bereits seit 1983/84 sammelte sie Erfahrungen mit der international aufkommenden intensivierten konventionellen Insulintherapie, d.h. Basis-Boluskonzept mit häufigem Spritzen oder der Insulinpumpentherapie. Im ehemaligen Zentralinstitut für Diabetes in Karlsburg arbeitete sie als Wissenschaftlerin an der Optimierung der Diabetestherapie, mit dem Ziel, das Auftreten von Folgekrankheiten zu reduzieren. Später wurde sie Leiterin der Zentralstelle für Diabetes- und Stoffwechselkrankheiten in Berlin. Nach deren "Abwicklung" eröffnete sie eine diabetologische Schwerpunktpraxis in Berlin-Mitte.

DiabSite:
Frau Dr. Hüttl, seit Juni 2000 ist ein neue Insulin mit dem Wirkstoff "Glargin" (Handelsname: Lantus®) auf dem Markt. Nun sind Hoffnungen aufgekommen, insulinpflichtige Diabetikerinnen und Diabetiker müssten nur noch einmal täglich spritzen. Sind diese Hoffnungen berechtigt?
Hüttl:
Dieser Eindruck konnte durch die jüngsten Veröffentlichungen entstehen. Leider kann ich diese Meinung so pauschal nicht teilen. Das neue Insulin ist ein Verzögerungs- oder Basalinsulin mit einem kontinuierlichen stabilen Wirkprofil über 24 Stunden. Daraus ergibt sich, dass lediglich die bisher zwei- bis dreimal täglich erforderlichen Basalinsulingaben auf eine einzige reduziert werden können. Hinzu kommen aber auch weiterhin ein- bis dreimalige Bolusgaben zu den Mahlzeiten mit einem schnell- oder ultraschnell wirksamen Insulin.
DiabSite:
Was ist dann das Besondere an diesem neuen 24-Stunden-Insulin?
Hüttl:
Ich darf es aus der Sicht des Anwenders sagen. Es ist zunächst nicht wie die anderen Basalinsuline trüb. Es muss nicht geschüttelt werden, so dass damit wahrscheinlich schon ein ganz wesentlicher Fehlerfaktor wegfällt. Wir haben bei den herkömmlichen Basalinsulinen immer das Problem, dass das Mischungsverhältnis auch bei sorgfältiger Handhabung der Spritzen oder der Pens, in einem hohen Prozentsatz nicht so gut getroffen wird. Besonders wenn nur kleine Mengen gespritzt werden müssen, gibt es allein von der Mischung her erhebliche Ungenauigkeiten bei der Dosierung. Bei dem neuen Insulin ist es gelungen, ein relativ konstantes Wirkprofil über 24 Stunden zu erzielen. Das ist in entsprechenden Dosisstudien nachgewiesen worden und erhärtet sich jetzt auch in der Praxis immer mehr.
DiabSite:
Was bedeutet ein "konstantes Wirkprofil"?
Hüttl:
Wir haben bei den bisher zur Verfügung stehenden Basalinsulinen, aber auch bei den sogenannten NPH-Insulinen und dem Semilente-Insulin immer das Problem, dass nach der Injektion ein relativ später Wirkungseintritt, dann nach ein bis drei Stunden ein Wirkungsgipfel und danach ein deutlicher Wirkungsabfall eintritt. Deshalb kommt es vor allem bei Diabetikern ohne eine restliche Ausschüttung von Insulin häufig zu Hypoglykämien in der ersten Nachthälfte und zu hohen Nüchternblutzuckern am Morgen. Folglich müssen Typ-1-Diabetiker, um einen einigermaßen guten Basalinsulinspiegel zu erzeugen, bisher typischerweise zwei- bis dreimal täglich ein Verzögerungsinsulin spritzen. Mit Insulin glargin kann man dieses Problem in sehr vielen Fällen schon wesentlich günstiger bearbeiten. Weil hier ein konstantes Wirkprofil über 24 Stunden erreicht wird, ist jetzt davon auszugehen, dass eine einmalige Injektion des Basalinsulins ausreicht.
DiabSite:
Und wann wird dieses neue Insulin gespritzt?
Hüttl:
Am besten und am häufigsten kommt es vor der Nachtruhe zur Anwendung. Ich arbeite schon seit längerer Zeit mit dem 24-Stunden-Insulin und konnte feststellen, dass bei Typ-2-Diabetikern weniger nächtliche Schocks und oft bessere Nüchternwerte zu beobachten sind. Außerdem kommt man gerade bei Typ-2-Diabetikern oftmals mit sehr niedrigen Basalinsulindosen aus, es wird also nicht überinsulinisiert, so dass auch weniger Gewichtsprobleme auftreten.
DiabSite:
Kann Insulin glargin bei Typ-2-Diabetikern mit oralen Antidiabetika (Tabletten) kombiniert werden?
Hüttl:
Auch das machen wir, aber manchmal funktioniert das nicht so gut. Die Tablettengabe ist dann teilweise sehr träge und die Patienten bekommen, gerade wenn sie nicht regelmäßig die Mahlzeiten einnehmen, sehr oft am Mittag eine Unterzuckerung. Am liebsten programmiere ich die Einstellungen so: eine an die Mahlzeit angepasste Injektion zum Frühstück, Mittag und Abendessen mit einem Normal- oder auch Kurzzeitinsulin. Wenn dann die Nüchternblutzuckerwerte ansteigen, weil die eigene Bauchspeicheldrüse das nicht mehr schafft, kann man das neue Basalinsulin vor dem Schlafengehen dazugeben.
DiabSite:
Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Insulin bei Menschen mit Typ-1-Diabetes?
Hüttl:
Ich stelle bei Typ-1-Diabetikern manchmal fest, dass sie mit dieser einmaligen abendlichen Injektion nicht genug Basalinsulin zur Verfügung haben bis zum nächsten Abendessen. Dass sich diese Tendenz abzeichnet, haben mir auch schon mehrere Kollegen im Gespräch bestätigt. Man kann diesem Problem mit einer zusätzlichen Lantusinjektion am Morgen oder Mittag entgegenwirken. Besser scheint es aber zu laufen, wenn beispielsweise Mahlzeiten am Nachmittag mit einem relativ hohen Insulin-BE-Faktor abgedeckt werden. So wird diese kleine Lücke in der Basalinsulinversorgung überbrückt, indem mit einem schnell wirksamen Insulin korrigiert wird, und man hat keine Überlappungsprobleme.
DiabSite:
Für insulinpflichtige Diabetespatienten kann durch das neue Insulin die Injektionshäufigkeit demnach um ein bis zwei Spritzen täglich reduziert werden. Gibt es weitere Vorteile?
Hüttl:
Im Vergleich zu dem, was wir bisher an Basalinsulinen hatten, kommt es der Insulinpumpentherapie am nächsten. Insofern, weil es offenbar eine relativ kalkulierbare, reproduzierbare und vergleichbare Basalinsulindosis gewährt. Wir haben ja auch immer wieder bei Pumpenpatienten relativ flache Basalinsulinprofile.
DiabSite:
Aber oft ist doch der tatsächliche Basalinsulinbedarf morgens recht hoch, und mittags eher niedrig?
Hüttl:
Man muss bei der Umstellung diese Tatsache berücksichtigen und den Faktor, wieviele Einheiten schnell wirksames Insulin eine BE am Morgen oder Mittag abdecken, neu anpassen, weil der Basalspiegel geändert ist. Es ist sinnvoll, am Anfang nachts ein paar Blutzuckerkontrollen zu investieren. Ansonsten könnte die Umstellung, wenn die Dosis zu hoch ist, auch nicht ganz ohne Schocks abgehen. Ferner müssen hohe Blutzuckerwerte am Abend deutlich vorsichtiger mit schnell wirksamen Insulinen korrigiert werden. Da ist ein weiteres Erfahrungsspektrum, das aber erst die nächsten Jahre bringen werden, erforderlich.
DiabSite:
Warum ist das neue Basalinsulin dennoch eine Alternative zur Pumpentherapie?
Hüttl:
Auf alle Fälle ist Insulin glargin eine interessante und wertvolle Bereicherung der Therapiemöglichkeiten. Dies vor allem für viele Patienten, die keine Pumpe wollen. Es gibt viele Typ-1-Diabetiker, die aus unterschiedlichen Gründen eine Insulinpumpe ablehnen. Ich zwinge niemandem die Pumpentherapie auf. Wenn diese vom Patienten nicht akzeptiert wird, bringt sie auch keine bessere Blutzuckereinstellung. Gerade für Patienten, die keine Pumpe annehmen, ist das neue Basalinsulin schon jetzt wirklich eine große Erleichterung. Für viele bedeutet es mindestens ein- bis zwei Spritzen täglich weniger, geringere Unsicherheiten und weniger Trouble. Unter- oder Überzuckerungen werden durch das konstante Wirkprofil seltener und - wenn sie auftreten - wesentlich plausibler an ihrer Ursache erkennbar.
DiabSite:
Frau Dr. Hüttl, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autor: hu; zuletzt bearbeitet: 19.12.2000 nach oben

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