Prinzipien der Health On the Net Foundation.

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Ärzte wollen Patienten individuell behandeln
Rostock, 30.05.2002: Die Ärzteschaft hat
jeder Form einer "Checklisten-Medizin" eine klare Absage erteilt.
"Bevormundungen durch normsetzende Eingriffsverwaltungen und Gesundheitsexperten
mit allein ökonomischer Ausrichtung gefährden ein vertrauensvolles
Patienten-Arzt-Verhältnis", erklärte der 105. Deutsche Ärztetag in Rostock.
Die individuelle Behandlung von Patienten und die Anwendung wissenschaftlich begründeter
Leitlinien seien keine Gegensätze, sondern müssten sinnvoll miteinander verbunden
werden, forderten die Delegierten.
"Von Leitlinien soll und muss der Arzt abweichen, wenn dafür plausible durch
den individuellen Krankheitsfall gebotene Gründe vorliegen", sagte
Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Kolkmann, Präsident der Landesärztekammer
Baden-Württemberg und Qualitätssicherungsexperte der Bundesärztekammer. Leitlinien
könnten dann zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung beitragen,
wenn systematisch entwickelte Entscheidungshilfen in der ärztlichen Berufspraxis
berücksichtigt würden. Dagegen seien Standards und Normen im Sinne verbindlicher
Handlungsanweisungen in der Medizin höchst problematisch und könnten - bei
strikter Einhaltung - den ärztlichen Heilauftrag sogar in sein Gegenteil
verkehren. "Ärzte behandeln keine Krankheiten, sondern kranke Menschen",
so Kolkmann.
Leitlinien können für den Arzt ein wichtiger Handlungskorridor sein, um jederzeit
den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu nutzen, heißt es in dem
Beschluss des Ärztetages. Jeder Versuch aber, die Behandlung zu standardisieren,
ohne Rücksicht auf die Individualität des Patienten und die Therapiefreiheit des
Arztes, gehe zwangsläufig zu Lasten der Qualität. "Nicht zuletzt sollen die
Vorzüge unseres bisherigen sehr sozialen Gesundheitssystems nicht allein
gesundheitsökonomischen Überlegungen geopfert werden", sagte
Prof. Dr. Albrecht Encke, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Die Diskussion über
strukturierte Behandlungsprogramme (Disease-Management-Programme/DMP) zur besseren
Versorgung chronisch Kranker hat diese Befürchtungen allerdings genährt.
Datenübermittlung untergräbt Vertrauen zwischen Arzt und Patient
Darüber hinaus stellte der Ärztetag klar, dass weder die Übermittlung von Befunddaten
noch die Information der Krankenkasse über das Verhalten der einzelnen Patienten
durch die behandelnden Ärzte mit dem Selbstverständnis des Arztberufes in Einklang
zu bringen sei. Die jetzt in der Reform des Risikostrukturausgleichs beschriebene
Übermittlung von patientenbezogenen Daten an die Krankenkassen untergrabe aber
die notwendige Vertrauensbasis zwischen Patient und Arzt. "In dieser Form müssen
alle Ärzte eine Beteiligung an DMP ablehnen", unterstrich das Ärzteparlament. Der
Arzt dürfe nicht zum Erfüllungsgehilfen der Krankenkassen werden. Durch die geplanten
DMP-Strukturen bestünde aber die Gefahr einer rein ökonomisch ausgerichteten
Steuerung der Behandlung chronisch Kranker.
Deshalb forderten die Delegierten mit Nachdruck, das Vertrauensverhältnis von Patient
und Arzt vor externen Eingriffen Dritter zu schützen. Die Bedeutung einer
wissenschaftlich begründeten Medizin müsse über unsachgemäßen Eingrenzungen der
therapeutischen Möglichkeiten durch inflexible, standardisierte Vorgaben stehen.
Pressemitteilung: Bundesärztekammer (BÄK).
30.05.2002
Archiv 2002
- Nachrichten zur Gesundheitspolitik
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