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Europäer unterschätzen das Gesundheitsrisiko Adipositas

Europäischer Adipositas-Tag am 16. Mai 2015

Laut einer Umfrage der Europäischen Adipositasgesellschaft EASO unter mehr als 14.000 Europäern aus sieben Ländern, darunter auch Deutschland, wissen fast ein Viertel der Europäer nicht, dass Adipositas (krankhaftes Übergewicht ab BMI 30) Herzerkrankungen, Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck verursachen kann. Weniger als die Hälfte der Befragten verbinden Adipositas mit Schlaganfällen und nur 16 Prozent kennen den Zusammenhang von Adipositas und Krebserkrankungen.

"Adipositas ist eine der am schnellsten wachsenden Bedrohungen für Gesundheit und Wohlbefinden in Europa", warnt Euan Woodward, Geschäftsführer der Europäischen Adipositas-Gesellschaft (European Association for the Study of Obesity, EASO). "In einigen europäischen Ländern werden heute sechs von zehn Erwachsenen als adipös eingestuft. Bis 2030 könnten es nach Schätzungen bereits neun von zehn sein." Dennoch zeigten die aktuellen Umfrageergebnisse, dass sich viele Menschen nicht über die gesundheitlichen Konsequenzen von Adipositas im Klaren sind.

Übergewicht ist das neue Normal

Ein weiteres Ergebnis der Befragung: Viele Menschen können ihre Gewichtssituation und damit ihre gesundheitliche Gefährdung nicht zutreffend einschätzen. Vier von fünf Befragten, die einen Body-Mass-Index (BMI, Körpermasseindex) haben, der sie als adipös klassifiziert, schätzen sich selbst nur als "übergewichtig" ein. Ein Drittel derer, die ihr Gewicht als "normal" einstufen, sind laut BMI-Angaben aber de facto übergewichtig. Nur ein Fünftel der Befragten bemüht sich, ihr Gewicht zu kontrollieren und nur 17 Prozent der Befragten achten auf die Kalorien, die sie jeden Tag zu sich nehmen.

"Übergewicht ist das neue Normal in Europa und auch in Deutschland. Wir haben uns an den Anblick übergewichtiger Menschen gewöhnt - die Gesundheitsgefährdung durch Adipositas ist eine Banalität geworden, die wir nicht ernst genug nehmen. Dabei bräuchten wir große Aufklärungskampagnen, wirkungsvolle Präventionsstrategien und vor allem führungsbereite Politiker, die einen Paradigmenwechsel in der Prävention hin zu verhältnispräventiven Maßnahmen einleiten. Das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil fehlt in der Bevölkerung", so der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Prof. Dr. med. Martin Wabitsch. Insgesamt werde ein gesunder Lebensstil zu wenig durch die Regierung unterstützt.

Genetische Veranlagung und Lebensumstände gleichermaßen verantwortlich

Die meisten Befragten identifizieren Über- und Fehlernährung sowie Bewegungsmangel als Ursachen für Adipositas. Weniger als ein Viertel weiß, dass Schlafmangel zu Übergewicht beitragen und weniger als die Hälfte ist sich bewusst, dass Stress eine wichtige Rolle spielen kann.

"Es ist falsch, zu glauben, Betroffene könnten allein durch eine andere Ernährung und mehr Bewegung dauerhaft abnehmen. Das Körpergewicht wird durch einen festen hormonellen Regelkreis gesteuert, der langfristig nur bedingt von außen beeinflussbar ist. Wenn ich an einer Stellschraube drehe, wird dies an anderer Stelle automatisch kompensiert. Adipositas wird durch die vererbte und metabolisch geprägte Veranlagung ausgelöst sowie durch sozio-ökonomische und persönliche Lebensumstände und durch ein adipogenes Lebensumfeld gefördert. Es ist am Ende keine Frage von schuldhaftem Verhalten, krankhaft übergewichtig zu werden", mahnt Kinder- und Jugendarzt Wabitsch.

Adipositas ist keine Lifestyle-Erkrankung

"Adipositas als Lifestyle-Erkrankung darzustellen, ist eine unzulässige Verharmlosung. Adipositas ist eine therapiebedürftige, chronische Erkrankung und zeigt als solche die Tendenz, sich im Zeitverlauf zu verschlechtern und Folgeerkrankungen nach sich zu ziehen. Über diese Zusammenhänge muss viel breiter aufgeklärt werden - selbst Ärzte haben hier häufig Wissenslücken, machen Betroffene unbewusst oder implizit für ihren Zustand selbst verantwortlich und sind im Umgang mit Betroffenen wenig einfühlsam", erklärt Wabitsch.

Breite Aufklärung, wirksame Prävention und Therapiesicherheit nötig

Auch das in Deutschland gerade im Gesetzgebungsverfahren befindliche Präventionsgesetz lege einen Schwerpunkt auf "Eigenverantwortung" - obwohl eine moderne, wirksame Präventionsstrategie nach Empfehlungen von WHO und Vereinten Nationen heute einen Paradigmenwechsel hin zur Verhältnisprävention empfehle. Hier müsste die Politik handeln, indem sie z. B. der Lebensmittelindustrie Einhalt gebietet: Denn diese bringe ein Überangebot zu fetthaltiger, zu zucker- und zu salzreicher Lebensmittel zu kleinen Preisen unter die Leute und bewerbe insbesondere ungesunde Lebensmittel mit Kindern als Zielgruppe, kritisiert Wabitsch.

"Auch im Hinblick auf die Finanzierung von Adipositastherapien werden die Patienten alleingelassen - der entsprechende Paragraf zur "Ergänzenden Rehabilitation" im SGB V ist ein "Kann-Paragraph" - Krankenkassen können sich entscheiden, eine Adipositastherapie zu finanzieren - oder nicht. Für extrem Adipöse, die in der Regel auch schwer krank sind, ist ein chirurgischer Eingriff noch die einzige Möglichkeit, um aus dem bedrohlichen Gewichtsdilemma herauszukommen. Ihnen diesen Eingriff zu verweigern, wie es in Deutschland tagtäglich vorkommt, ist unethisch“, schließt DAG-Präsident Wabitsch.

zuletzt bearbeitet: 16.05.2015 nach oben

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