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Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes

Interview mit Dr. med. Bernd Kulzer im Rahmen einer Pressekonferenz der Bayer Vital GmbH zur 46. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) am 1. Juni 2011 in Leipzig.

Vorurteile durch Erfahrungen ersetzen

Dr. Bernhard Kulzer Im Interview erklärt Dr. Bernhard Kulzer, Psychologe am Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim, warum eine bevorstehende Insulintherapie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes oft Ängste weckt und wie sie ihnen begegnen können.

Frage:
Herr Dr. Kulzer, mit der Umstellung auf Insulin kann die Blutzuckereinstellung verbessert und das Risiko für Folgeerkrankungen reduziert werden – eigentlich doch gute Aussichten für Menschen mit Typ-2-Diabetes. Warum hat trotzdem jeder Dritte Bedenken vor Insulin, wie die Umfrage auf www.diabsite.de zeigt?
Kulzer:
Diabetes ist eine tückische Erkrankung: Sie ist gefährlich, macht aber keine Schmerzen. Deshalb fühlen sich viele Menschen nicht krank, solange sie "nur" Tabletten nehmen oder Diät halten. Mit dem täglichen Spritzen wird es plötzlich ernst. Die Umstellung auf Insulin ist endgültig und viele Menschen fürchten diese lebenslange Entscheidung. Aus internationalen Studien wissen wir, dass unmittelbar vor der Umstellung auf Insulin sehr viele Patienten diese oder ähnliche Ängste und Sorgen haben.
Frage:
Wie wichtig ist eine positive Haltung für den Erfolg der Insulintherapie?
Kulzer:
Eine optimistische Grundhaltung gegenüber dem Diabetes und der notwendigen täglichen Behandlung ist sehr hilfreich. Wer die Insulintherapie nicht nur als eine Belastung ansieht, sondern auch deren Vorteile erkennt, hat in der Regel mehr Erfolg. Das äußert sich zum Beispiel in besseren Blutzuckerwerten und die steigern wiederum die Motivation. Umgekehrt wird ein Patient mit einer negativen Einstellung die Therapie eher halbherzig umsetzen. Wenn der Erfolg dann ausbleibt, demotiviert das zusätzlich. Ein gefährlicher Teufelskreis.
Frage:
Welche konkreten Vorteile hat Insulin gegenüber einer Therapie mit Tabletten?
Kulzer:
In der Regel werden mit der Insulintherapie die Blutzuckerwerte und der Langzeitwert (HbA1c) besser. Und das ist sehr wichtig, um langfristig Folge- und Begleiterkrankungen zu vermeiden. Darüber hinaus erleben viele Menschen die Flexibilität, die sie durch das Insulin erlangen, als sehr positiv. Selbst Naschen ist wieder möglich, ohne jedes Mal schlechte Werte zu riskieren. Insgesamt kann der Tagesablauf freier gestaltet werden, die Spontanität kehrt zurück. Das alles kann die Lebensqualität verbessern. Häufig höre ich: "Endlich bestimmt nicht mehr der Diabetes mein Leben, sondern umgekehrt."
Frage:
Was können die Patienten tun, wenn sie Angst vor Insulin haben?
Kulzer:
Die Ängste vieler Patienten vor der Umstellung auf die Insulintherapie sind eher vage. Der beste Weg, um sie zu überwinden, ist, eigene Erfahrungen mit der Insulintherapie zu machen. Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass sich schon nach kurzer Zeit die meisten Bedenken auflösen. Wichtig ist, die gängigen Vorurteile durch eigene Urteile zu ersetzen. Hierbei kann die Teilnahme an einer Diabetesschulung sehr hilfreich sein, denn Wissen verleiht Sicherheit. Entscheidend ist auch, dass die Ängste der Patienten ernst genommen und offen mit ihnen besprochen werden.
Frage:
Was fürchten die Menschen am häufigsten und sind die Sorgen berechtigt?
Kulzer:
An vorderster Stelle steht die Angst vor Gewichtszunahme und Unterzuckerungen. Tatsächlich nehmen Patienten unter Insulin durchschnittlich drei bis fünf Kilogramm zu und auch das Risiko für Unterzuckerungen steigt. Doch dies sind keine automatischen Konsequenzen der Insulintherapie. Patienten, die beispielsweise eine Ernährungsberatung in Anspruch nehmen, können der Gewichtszunahme gezielt vorbeugen. Und in speziellen Wahrnehmungstrainings können Menschen mit Diabetes auch lernen, wie sie die Anzeichen für eine Unterzuckerung frühzeitig erkennen und gegensteuern können. Außerdem tragen regelmäßige Blutzuckerkontrollen dazu bei, Stoffwechselentgleisungen zu verhindern.
Frage:
Warum fällt vielen die Vorstellung, mit Insulin therapiert zu werden, dennoch schwer?
Kulzer:
Das könnte daran liegen, dass die Erkrankung hierzulande noch häufig tabuisiert und Menschen, die Insulin spritzen, manchmal das Gefühl haben, stigmatisiert zu werden. Nicht umsonst gibt es sehr wenig prominente Diabetiker, die sich in der Öffentlichkeit outen. Mit dem Wechsel von Tabletten zur Spritze wird eine diskrete Krankheit eher öffentlich und für andere sichtbar. Das scheuen viele Menschen.

Das Interview mit Dr. Bernd Kulzer stellte die Bayer Vital GmbH im Rahmen einer Pressekonferenz zur 46. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) am 25. Mai 2011 in Leipzig vor.

Bildunterschrift: Dr. Bernhard Kulzer
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 01.06.2011 nach oben

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