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Erfahrungen mit Humaninsulinen

Im Februar 2008 beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie zur Verordnungsfähigkeit von kurzwirksamen Insulinanaloga bei Typ-1-Diabetes. Diese Insuline sollen künftig nur noch in Ausnahmefällen, oder wenn ihr Preis den der Humaninsuline nicht überschreitet, zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnet werden. Bestätigt das Bundesministerium für Gesundheit diesen Vorschlag, müssen außerdem alle neu entdeckten Typ-1-Diabetiker auf Humaninsuline eingestellt werden. Erst wenn dieser Versuch scheitert, darf der Arzt auf ein Analogon umstellen.

Humaninsuline aus der Sicht von Diabetikern

Welche Vor- und Nachteile Humaninsuline im Alltag mit Diabetes bieten - das wollte DiabSite von Betroffenen, Eltern von Kindern mit Diabetes und Ärzten wissen und bat um Einsendung von persönlichen Erfahrungsberichten mit Humaninsulin.

Mein Wechsel zum modernen Basalinsulin

Als ich im September 2004 erstmals von den ach so genialen Vorzügen eines neuen Basalinsulins hörte, wurde ich neugierig. In den Vorstellungen der Problemfälle erkannte ich mich teilweise wieder. Sollte dieses Insulinanaloga auch etwas für mich sein? Ich wollte es herausfinden und trotz der Bedenken die immer mal wieder geäußert werden ausprobieren.

Bisher spritze ich ein NPH-Insulin. Der letzte HbA1c-Wert vor der Umstellung war 6,5 Prozent. Allerdings hatte ich häufig schwere Unterzuckerungen (Hypos) und mittags meist zu wenig Basalinsulin. Das neue Insulinanalogon wirkt mindestens 12 Stunden, wodurch das Insulinloch mittags entfällt. So spritze ich heute nahezu im 12-Stunden-Rhythmus, der allerdings am Wochenende schon mal aus dem Takt gerät. Das führte früher schnell zu Blutzuckerwerten über 200mg/dl (11,1 mg/l). Mit dem Analogon hat das keine großen Auswirkungen mehr.

Auch meine Empfindlichkeit für Hypos hat sich positiv verändert. Die Symptome sind schon bei Werten zwischen 60 (3,3) und 70 mg/dl (3,9 mmol/l) zu merken und nicht erst, wenn man nur noch essen kann, bis das Gefühl der Unterzuckerung vorbei ist und dabei oft übers Ziel hinaus schießt. Mit dem neuen Basalinsulin kann ich auch einmal ein Mittagessen ausfallen lassen, ohne dass mein Blutzucker Kapriolen schlägt.

Zwar habe ich meinen recht guten Langzeitblutzuckerwert durch das Analoginsulin nicht verbessern können, trotzdem ist es für mich ein Gewinn.
B. Neikes, Typ-1-Diabetiker aus Raesfeld (07.04.08).

Zurück in die Steinzeit

Seit mittlerweile 37 Jahren bin ich Typ-1-Diabetikerin und kann mich noch sehr gut an die starren Spritz- und Ess-Vorgaben erinnern, die mir meine Kindheit und Jugend und auch die Anfänge der Berufstätigkeit nicht immer leicht gemacht haben. Auch die Blutzuckerwerte waren nicht so, wie sie sein sollten. Seit September 1999 benutze ich ein kurzwirksames Analoginsulin, seit September 2000 bereits ein langwirksames Analoginsulin.

Heute kann ich es mir nicht mehr vorstellen, auf mein Kurzanalogon verzichten zu müssen. Die Flexibilität in der Lebensführung ist dadurch wesentlich größer geworden. Auf überraschende Vorkommnisse im Allgemeinen, längere Sitzungen im Büro, sportliche Aktivitäten oder Erkrankungen, die sich in aller Regel auch auf den Diabetes auswirken, und selbst auf Operationen kann ich viel gezielter und individueller reagieren. Insulinanaloga ermöglichen mir als Typ-1-Diabetikerin eine Lebensführung, die weitgehend der von "Nicht-Diabetikern" entspricht.

Und gibt es nicht unendlich viele politische Deklarationen, Absichtserklärungen und Zusicherungen, die gerade dieses immer wieder versprochen haben?
F. Bartsch, Typ-1-Diabetikerin aus Mainz (07.04.08).

Dick durch Humaninsuline

Bis vor drei Wochen habe ich Humaninsuline gespritzt und dadurch sehr stark zugenommen. Weil mich diese ständige Gewichtszunahme so gestört hat, habe ich manchmal einfach nicht gespritzt. Meine Blutzuckerwerte waren entsprechend, und ich habe mich ständig unwohl gefühlt. Aber ich wollte schließlich nicht immer der Insulinwirkung "hinterher essen" müssen und noch dicker werden.

Jetzt bekomme ich zwei Analoginsuline mit denen es mir viel besser geht. Ich kann mein Gewicht halten und fühle mich einfach leichter und aktiver.
S. Paatsch, Typ-1-Diabetikerin aus Hintertux, Österreich (07.04.08).

Bessere Lebensqualität - mehr Leistungsfähigkeit

Ich nutze seit neun Jahren ein Insulinanalogon, weil ich Humaninsuline nicht gut vertragen habe. Meine postprandialen Blutzuckerwerte (Werte nach dem Essen, Anm. d. Red.) waren viel zulange hoch und insbesondere nachts, wenn bei höheren Insulingaben die Wirkung zu lange anhielt, gab es oft Hypos (Unterzuckerungen).

Wenn die Politiker uns Typ-1-Diabetikern gerne in die Frührente oder Arbeitslosigkeit schicken wollen, dann nur weiter so! Ohne die modernen Insuline werden nämlich Frührentner und Arbeitslose produziert. Denn Diabetiker haben sowieso schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Nichtdiabetiker - wenn sie dann noch weniger Leistung bringen und das Insulin genaue Essenszeiten fordert, sind sie schnell arbeitslos. Das bringt der Volkswirtschaft weit mehr Schaden als etwas teurere Insuline für die 300.000 Typ-1-Diabetiker in Deutschland. Nur leider haben wir nicht so eine große Lobby wie die 4 bis 6 Millionen Typ-2-Diabetiker.

Wird die Industrie für uns auch Rabattverträge machen, oder lohnt sich der Aufwand für die wenigen Typ-1-Diabetiker nicht?
A. Dernbach, Typ-1-Diabetikerin aus Erding (05.04.08).

Der Spritz-Ess-Abstand

Ich wurde anfangs auf Humaninsulin eingestellt. Damit kam ich im Großen und Ganzen auch gut zurecht. Allerdings finde ich das Humaninsulin zu unflexibel. Besonders störend war für mich immer, dass ich rechtzeitig wissen sollte, wie viel ich nachher essen werde, damit ich rechtzeitig spritzen konnte, um dem Spritz-Ess-Abstand gerecht zu werden. Dann kam es schon mal vor, dass ich ein tolles Essen gekocht hatte, aber feststellen musste, dass mein Zuckerwert zu hoch ist. Dann musste ich meine Familie allein essen lassen und abwarten, bis das Insulin wirkt und das Essen kalt ist. In der Firma war die Pause auch häufig zu kurz, um rechtzeitig zu spritzen, da musste es einfach immer schnell gehen. Also wurde gefastet, wenn der Wert zu hoch war.

Jetzt bin ich auf Analoginsulin eingestellt. Meist spritze ich sogar erst nach der Mahlzeit. Dann weiß ich, wie viel ich gegessen habe und kann genau dosieren. Das ist richtig flexibel. Ich kann essen, soviel ich will und nicht, für wieviel ich vorhin gespritzt habe. Auch spontane Mahlzeiten sind möglich, z. B. wenn ich unterwegs bin.

Ein weiterer erheblicher Vorteil ist für mich die schnellere Korrektur des BZ-Wertes. Das Analoginsulin reagiert ja fast sofort. Ist der Wert hoch, so kann ich mich darauf verlassen, dass das Analoginsulin gleich zur Verfügung steht. Seit ich Analoginsulin benutze, isst meine Familie nicht mehr ohne mich, denn die Wartezeiten entfallen.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass ich wieder zu Humaninsulin greifen müsste. Das wäre für mich ein richtiger Rückschritt.
U. Fritsch, Typ-1-Diabetikerin aus Konz (01.04.08).

Schichtdienst ohne Analoginsuline unmöglich

Vor fast 14 Jahren wurde ich Diabetikerin. Mein Einstieg in die Diabetes-Therapie fing mit Tabletten an. Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, bis festgestellt wurde, dass ich einen späten Typ-1-Diabetes, sprich LADA habe. Nach kurzer Zeit wurde ich dann auf ein Humaninsulin eingestellt.

In meinem Beruf als Krankenschwester (ich arbeitete im Schichtdienst) kam ich mit dem Humaninsulin gar nicht zurecht. Als Krankenschwester oder Pfleger kann man von geregelten Pausen und Essenszeiten nur träumen. Einen festen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten, ist meistens unmöglich. Der Schichtdienst tat sein Übriges und trug dazu bei, dass meine Blutzuckerwerte großen Schwankungen unterlagen. Ich war in meiner Arbeitsleistung stark eingeschränkt und fühlte mich oft schlapp und krank.

Auf Grund dessen wurde ich auf ein Analoginsulin und eine Insulinpumpe umgestellt. Seitdem geht es mir wieder richtig gut. Ich bin endlich so leistungsfähig wie früher und kann gut als Krankenschwester arbeiten.
B. Ruben, Typ-1-Diabetikerin aus Berlin (30.03.08).

Disziplin ist nicht leicht einzuhalten

Ich bin Student. Am Anfang war viel Neugierde dabei - meine Betroffenheit als Typ-1-Diabetiker hat mich zunächst nicht gestört. So habe ich gleich angefangen, nicht nur meine Blutzuckermessungen, Insulingaben und Kohlenhydrateinheiten in einem Tagebuch zu dokumentieren, sondern im Computer auch die Nahrungsmittel, den Blutdruck und mein Gewicht aufzuzeichnen.

Um vom festen Spritzschema wegzukommen, war der Lernaufwand von Anfang an enorm - zuerst das Internet, dann ein ganzes Buch für Typ-1-Betroffene. Jetzt nehme ich an einer Schulung teil, die ich eigentlich nicht mehr brauche, weil ich alles darin schon weiß.

Niemand hatte mir zunächst erklärt, wie man die richtige Dosis für Basal-Insulin ermittelt. Oder auch, wie ich die Multiplikationsfaktoren für den Bolus zu den unterschiedlichen Tageszeiten ermitteln kann. Nur die Zielwerte von 80 - 120 mg/dl (4,4 - 6,7 mmol/l) Blutzucker waren mir bekannt. Den morgendlichen Blutzuckeranstieg kann ich nicht verhindern, aber zum Glück bleibt meine Nacht ohne Unterzuckerungen, da ich auch weiß, wie ich sehr umsichtig dosieren kann.

Da jede Mahlzeit anders wirkt, hatte ich mit dem Normalinsulin als Bolusgabe trotzdem - sehr oft - viel zu hohe Werte. Ein Vorplanen der Insulineinheiten ist nur selten überhaupt möglich, denn erst wenn ich die Kantine/Mensa betrete, kann ich sehen, was es gibt und wieviel ich spritzen muss. Das Spritzen muss ich unauffällig in aller Öffentlichkeit tun oder eben kurz danach. Nicht einfach, das zeitlich und "gesund" auf die Reihe zu kriegen.

Das kurzwirksame Insulin war eine Rettung - plötzlich hatte ich Werte unter 200 ml/dl (11,1 mmol/l) nach einer großen Mahlzeit. Aber auch das hat seine Tücken, wenn man sich gesund und ballaststoffreich ernährt - oder aber fettreich: Die Wirkung des kurzwirksamen Insulins läßt nach, bevor alle Kohlenhydrate verarbeitet sind und Nachspritzen ist oft erforderlich. Von diesem teuren Insulin brauche ich erheblich mehr als vom normalen. Weil ich das Kostenargument der Kassen verstehen kann - und da ich häufiges Nachspritzen vermeiden möchte, habe ich mir etwas Neues ausgedacht.

Noch bin ich nicht so weit, aber ich strebe an, drei Insuline einsetzen zu können - langwirkendes, normales und kurzwirkendes - letzteres nur nach Bedarf. Kein Arzt empfiehlt mir das, aber ich glaube, damit als Student mit sehr unregelmäßigen Tages-, Wochen- und Monatsabläufen die beste Einstellung erreichen zu können.

Zu allen Problemen gesellt sich auch das der Disziplin - wenn beim Essen ein Film läuft, kann es schon mal sein, dass das vergessene Spritzen erst zwei Stunden nach Beginn der Mahlzeit bemerkt wird. Und wenn gleich nach der 1/2 Stunde Mittagspause die nächste Vorlesung beginnt - wann soll ich spritzen? Und wie gehe ich mit der Nacht um, wenn mein Messgerät mir - todmüde um 0:00 Uhr - 180 mg/dl (10 mmol/l) anzeigt? Da heißt es aufbleiben und korrigieren. Ohne ein kurzwirksames Insulin zerstört es die Nacht oder die Gefäße.

Noch weiß ich nicht, was mir die Mediziner sagen - aber wenn man drei Insuline parallel verwenden darf und sie dann noch nachprüfbar wirken können - ich werde es gern versuchen.

Meine Hoffnung gilt auch der fernen Zukunft, wenn akkubetriebene Geräte messen und spritzen können. Da ich sehr sorgfältig mit der Krankheit umgehe und mich auch weiterbilde, brauche jeden Tag fast zwei Stunden, mit ihr zu leben.
F. Meyer, Typ-1-Diabetiker aus Hamburg (28.03.08).

Autor: hu; zuletzt bearbeitet: 07.04.2008 nach oben

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