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Die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Diabetes heute

Dr. Axel Hirsch, Prof. Dr. Manfred Dreyer, Dr. Hans-Ulrich Clever und Dr. Falk Kunigk für das Diabetes-Portal DiabSite

Vier Ärzte aus der Abteilung Diabetes und Stoffwechselerkrankungen im Krankenhaus Bethanien haben diesen Artikel bereits im Januar 2000 geschrieben. Doch bis heute hat er für das Selbstbewusstsein der Diabetiker und die Aufklärung der Umwelt nichts an Bedeutung verloren. Noch immer unterstellen unwissende Angehörige und Arbeitgeber den Diabetikern eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit oder sehen in ihnen gar Todeskandidaten.

Menschen mit Diabetes galten lange Zeit als krank und behindert. Vor dem Jahr 1922, als dem ersten Betroffenen, dem 14jährigen Kanadier Leonard Thompson, Insulin gespritzt werden konnte, waren junge Diabetiker tatsächlich Todeskandidaten. Mit der Einführung des Insulins waren sie gerettet. Durch die regelmäßige Insulingabe ließ sich der Blutzucker normalisieren. Man wusste aber anfangs nicht genau, was man den Betroffenen zum Erhalt der Gesundheit in der Lebensführung erlauben konnte und verbieten sollte. So entstanden viele, zum Teil überflüssige Einschränkungen, vor allem in der Ernährung, die bis heute nachwirken.

Menschen mit Diabetes wurden lange Zeit alle 1-2 Jahre zu mehrwöchigen Kuraufenthalten geschickt, um ihren Diabetes dort "einstellen" zu lassen. Die Therapie verlangte die genaue Einhaltung eines Tagesplans und regelmäßiger Pausen für Zwischenmahlzeiten. Gleichzeitig war man noch nicht in der Lage, den Blutzucker ausreichend zu normalisieren, so dass sich im Laufe der Zeit die sogenannten "Spätfolgen" des Diabetes häufig einstellten. Menschen mit Diabetes waren dadurch auf vielfältige Weise behindert, so dass sie als schwerbehindert eingestuft wurden. Die Betroffenen waren tatsächlich weniger einsetzbar, hatten im Arbeitsleben einen besonderen Status und mussten durch Folgeerkrankungen früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Trotzdem haben Diabetiker auch schon zu dieser Zeit große Lebensleistungen erbracht, ohne dass dies immer bekannt wurde.

Der Mensch mit Diabetes wurde früher als ein Mensch gesehen, um den man sich ständig fürsorglich kümmern musste, damit er einigermaßen normal leben konnte. Aus Unkenntnis traute man den Betroffenen nicht zu, die Therapie im Alltag selbst in die Hand zu nehmen. Man glaubte, jede Veränderung der Insulintherapie müsse vom Arzt entschieden und verantwortet werden. Dadurch waren die Betroffenen natürlich häufiger als andere Menschen in ärztlicher Behandlung und von Ärzten sehr abhängig.

Heute hat sich dies Bild radikal gewandelt: Man bringt den Betroffenen in einer Diabetesschulung bei, wie sie selbst ihre Therapie steuern können. Für die Selbsttherapie brauchen die Betroffenen täglich etwa 20 Minuten, wobei der größte Teil der notwendigen Kontrollen des Blutzuckers in der Freizeit stattfindet. Der Diabetiker wird dadurch quasi sein eigener Arzt, der nur bei besonderen Problemen den Mediziner als seinen "Oberarzt" aufsucht. Krankenhauseinweisungen kann der Betroffene oft selbst vermeiden. Wenn Diabetiker heute, meist nicht wegen des Diabetes, ins Krankenhaus gehen, wird in der Regel die Selbsttherapie des Diabetikers so akzeptiert, wie er sie gelernt hat. Der Gesundheitszustand von Diabetikern hat sich dadurch dramatisch verbessert: Weil sie fast alle schwierigen Situationen selbst steuern können, sind sie nicht häufiger krank als andere Menschen. Weil sie besonders auf sich achten, sind Menschen mit Diabetes häufig sehr zuverlässig und einsatzfreudig. Durch die gute Stoffwechsellage vieler Betroffener kommt es heute sehr viel seltener zu diabetesbedingten Folgeerkrankungen als früher. Durch die moderne Diabetesbehandlung sind Diabetiker heute keine "Invaliden" mehr.

Ein gut informierter Diabetiker kann fast alle Berufe ergreifen, leistet ebenso viel wie Menschen ohne Diabetes, ist nicht häufiger krank, und arbeitet wie andere bis zum Rentenalter. Dies bezeugen allein viele bekannte Persönlichkeiten mit zum Teil sehr langer Diabetesdauer: Franz Josef Strauß, Herbert Wehner, Ella Fitzgerald. In allen Berufen arbeiten Menschen mit Diabetes, ob als Schauspieler, Köche, Ärzte oder Sportler. Verwehrt sind ihnen bisher noch das Führen von Verkehrsmitteln wie Bussen, Eisenbahnen und Flugzeugen. Von vielen Betroffenen weiß die Öffentlichkeit gar nicht, dass sie seit langem Diabetes haben.

Die neueren Entwicklungen in der Diabetesbehandlung und Diabetesschulung sind vielen Menschen trotz vieler Berichte in den Medien verständlicherweise nicht bekannt, viele glauben, dass die früheren Verbote und Einschränkungen auch heute noch Gültigkeit hätten. Menschen mit Diabetes können heute weitgehend normal leben: eine fröhliche Kindheit durchleben, alles lernen, fast alle Berufe ausüben, an allen sportlichen Wettkämpfen teilnehmen, sich wie andere Menschen ernähren, gesunde Kinder bekommen. Diese Veränderungen zeigen sich inzwischen auch in gesellschaftlichen Veränderungen in der Bewertung der Leistungsmöglichkeiten von Menschen mit Diabetes.

Betroffene werden in den öffentlichen Dienst eingestellt, werden verbeamtet, bekleiden verantwortungsvolle Aufgaben in Wirtschaft und Politik. Im Einzelfall dürfen verantwortungsbewusste Diabetiker sogar Berufe ausüben, in denen eine Waffe zu tragen ist oder in denen gefährliche Situationen zu bestehen sind. Diabetiker, die einen Antrag auf Schwerbehinderung stellen, werden heute in der Regel nur dann als schwerbehindert eingestuft, wenn erhebliche zusätzliche Erkrankungen vorliegen.

Diabetiker müssen bei Bewerbungen heute den Diabetes nicht angeben, außer wenn sie schwerbehindert sind. Die Frage nach dem Diabetes bei der Einstellung ist unzulässig. Bei der Neuordnung des Führerscheinrechts wird zukünftig die Anfrage nach dem Diabetes beim Antrag auf Fahrerlaubnis entfallen, weil der Diabetes selbst kein Risiko bedeutet, wenn er richtig behandelt wird. Es wird diskutiert, ob im Einzelfall Diabetikern erlaubt werden kann, Lastwagen zu fahren und Personen zu befördern. Sportarten, die bisher verboten waren, wie z. B. Tauchen oder alpines Bergsteigen, gelten heute bei richtiger Unterweisung als erlaubt. Beim New York Marathon läuft immer eine Gruppe Diabetiker mit, zu denselben Bedingungen wie andere Teilnehmer.

Es hängt vom Einzelnen ab, inwieweit er moderne Therapiemöglichkeiten für sich nutzt. Immer mehr Betroffene können und wollen mit Hilfe von Diabetesschulungen ihr Leben wieder normalisieren. Sie wehren sich zu recht dagegen, aufgrund von Informationsmängeln oder Vorurteilen diskriminiert zu werden. Sie gewinnen Prozesse gegen Arbeitgeber, die ihnen Rechte vorenthalten. Es ist zu hoffen, dass diese Veränderungen in der Behandlung des Diabetes und in der Leistungsfähigkeit der Betroffenen auch in der Öffentlichkeit immer bekannter werden. Dies wird um so eher gelingen, je mehr Menschen mit Diabetes sich in der Öffentlichkeit zu ihrem Diabetes bekennen.

Krankenhaus Bethanien (25.01.2000) -
Abt. Diabetes und Stoffwechselerkrankungen,
Dr. Axel Hirsch, Prof. Dr. Manfred Dreyer,
Dr. Hans-Ulrich Clever, Dr. Falk Kunigk

Quelle

Das Autoren-Team

zuletzt bearbeitet: 31.08.2001 nach oben

Wir danken dem Ärzteteam aus dem Krankenhaus Bethanien für diesen ermutigenden Beitrag und hoffen, dass Diabetiker/innen die Chance ergreifen, Vorurteilen der schlecht informierten Öffentlichkeit entgegenzuwirken!

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Dr. phil. Axel Hirsch

Dr. phil. Axel Hirsch

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