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Selbsthilfe bei Unterzuckerungen

Dr. phil. Axel Hirsch für das Diabetes-Portal DiabSite

Dr. phil. Axel Hirsch
Dr. phil. Axel Hirsch

Dr. phil. Axel Hirsch, klinischer Psychologe im Diabetes-Team des Krankenhauses Bethanien (Hamburg) und Verhaltenstherapeut, der als Diabetiker aus eigener Erfahrung weiß, dass die seelische Seite bei der Behandlung des Diabetes mellitus oft zu kurz kommt. Psychologische Aspekte der Hypoglykämie und "Empowerment" (der Arzt berät, der Betroffene entscheidet) sind seine Schwerpunktthemen. Publikation u.a.: "Diabetes ist meine Sache. Hilfen zum Umgang mit Angst, Wut und Traurigkeit", Kirchheim-Verlag 1999.

Unterzuckerungen sind unangenehme Begleiter jeder Diabetestherapie mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen. Immer wenn durch die Therapie ein relatives Überangebot an Insulin entsteht, besteht das Risiko einer Unterzuckerung. Die Hauptursachen sind:

  1. es wurde zu viel Insulin gespritzt (Rechenfehler, Unachtsamkeit)
  2. es wurden nach Insulingabe zu wenig Kohlenhydrate gegessen
  3. körperliche Anstrengung wurde nicht durch eine Senkung der Insulindosis oder Erhöhung der Kohlenhydrate kompensiert (auch viele Stunden nach Ende der Anstrengung braucht der Körper weniger Insulin als sonst)
  4. es wurde Alkohol in größeren Mengen getrunken, ohne die Kohlenhydratmenge zu erhöhen.

Jeder Mensch, der seinen Diabetes gut behandeln will, steht vor einem Dilemma: hält er durch regelmäßiges Messen und Korrigieren seine Blutzuckerwerte nahe dem Normalbereich, riskiert er mehr Unterzuckerungen. Will er Unterzuckerungen möglichst vermeiden, wird er das Risiko erhöhter Blutzuckerwerte in Kauf nehmen müssen. Es gibt für dieses Dilemma keine Lösung. Jeder Betroffene muss selbst entscheiden, welchen "Risiko-Mix" er für sich wählt.

Probleme mit Unterzuckerungen entstehen oft dadurch, dass jemand viel dafür tut, die Werte nahe am Normalbereich zu halten. Dabei besteht oft eine starke Angst vor erhöhten Werten. Oft liegen dem übertriebene Warnungen von medizinischer Seite zugrunde. Tatsächlich verschlechtern Blutzuckererhöhungen über wenige Stunden die Stoffwechsellage (HbA1c) kaum. Der Betroffene sollte nur wissen, wie er die erhöhten Werte sicher korrigieren kann (Insulindosis, Zeitpunkt). Zu frühe Insulin-Korrekturen sind häufig die Ursache für Unterzuckerungsprobleme. So ist eine Korrektur des Blutzuckerwerts zwei Stunden nach dem Essen, wenn das vorher gespritzte Insulin noch stark wirkt, häufig problematisch.

Wer auf diese Weise jede Woche mehrere leichte Unterzuckerungen - evtl. auch schwere Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit - hat, erlebt meist eine Verschlechterung der Wahrnehmung von Unterzuckerungen. Er muss dann also erheblich mehr darauf achten, eine Unterzuckerung mit den häufig unangenehmen Folgen für sich selbst, Familie und berufliches Umfeld rechtzeitig zu bemerken und durch Zufuhr schneller Kohlenhydrate zu beenden. Eine genaue Beobachtung und Registrierung der verbliebenen Symptome von Unterzuckerungen kann dabei helfen. Insgesamt sind Veränderungen in den folgenden Bereichen hilfreich, wenn man Unterzuckerungsprobleme verringern will:

  1. Gute Schulung in der Selbsttherapie mit eindeutigen Regeln für Mahlzeiten- und Korrektur-Insulin sowie speziell zur Vorbeugung von nächtlichen Unterzuckerungen
  2. Vermeidung von Unterzuckerungen durch Gelassenheit gegenüber kurzfristigen Blutzuckererhöhungen und durch Vermeiden von Risiken
  3. Ernstnehmen der unangenehmen Konsequenzen von Unterzuckerungen (kein Bagatellisieren) und Selbstverantwortung für die Vermeidung der Probleme
  4. Aufmerksamkeit gegenüber Symptomen
  5. umgehende Zufuhr von 20-30 Gramm schnellwirkenden Kohlenhydraten, falls eine Unterzuckerung nach den Symptomen möglich oder wahrscheinlich ist.

Um diesen Lernprozess zu unterstützen, haben wir ein Tagebuch für Unterzuckerungen entwickelt, mit dessen Hilfe der Betroffene seine Fehler besser erkennen kann. Wer eine Verringerung der Unterzuckerungsprobleme anstrebt, kann mit diesem Tagebuch eine Zeitlang jede Unterzuckerung, die er nicht sofort selbst beenden konnte, protokollieren. Dies wird es ermöglichen, besser zu erkennen, wo die individuellen Fehler liegen, die vermieden werden sollten. Das Protokoll richtet die Aufmerksamkeit auf: Tageszeit und Situation, selbst und von anderen wahrgenommene Symptome, durchgeführte Behandlung, mögliche Ursachen. Ein professioneller Gesprächspartner bei der Analyse der Protokolle ist hilfreich.

Das Tagebuch enthält im ersten Teil eine Darstellung wesentlicher Grundlagen von Unterzuckerungen sowie einen 10-Punkte-Plan zur Vermeidung von schweren Unterzuckerungen.

Dr. phil. Axel Hirsch (Hamburg) und Dr. med. Ramiro Antuña (Gijon), "Tagebuch für Unterzuckerungen. Wie man mit Wissen, Aufmerksamkeit und schneller Selbsthilfe Unterzuckerungen vermeiden kann."

Dr. phil. Axel Hirsch, Krankenhaus Bethanien Hamburg

Quellen

Text- und Bildquelle: Dr. Axel Hirsch

zuletzt bearbeitet: 09.07.2000, aktualisiert 31.05.2011 nach oben

Hinweis der DiabSite-Redaktion

Logo: Stop Hypo Das gedruckte "Tagebuch für Unterzuckerungen" ist nicht mehr verfügbar. Umso mehr freuen wir uns, Ihnen das vollständig überarbeitete Hypoglykämie-Tagebuch im Bereich "Stop Hypo: Unterzuckerungen bei Diabetes" auf dem Diabetes-Portal DiabSite präsentieren zu können. Unser Tipp: Laden Sie sich Ihr persönliche Tagebuch herunter und besprechen Sie mir Ihrem Arzt wie sich so manche Unterzuckerung vermeiden lässt.

Wir danken Herrn Dr. Hirsch für seinen interessanten Beitrag!

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