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Von der Diabetesstrategie zum Diabetesplan

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Stellvertretender Direktor, Medizinische Klinik IV, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, im Rahmen der Pressekonferenz zur 9. Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft am 06. November 2015 in Düsseldorf.

Deutsche Diabetes Gesellschaft fordert verbindliche, gesundheitsförderliche Umgestaltung der Lebenswelten

Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Diabetes nimmt nach wie vor weltweit und in Deutschland dramatisch zu, das zeigen neue globale Daten der Internationalen Diabetes-Föderation (IDF) aus dem Jahr 2015. Die Zunahme ist vor allem durch den sich immer schneller ausbreitenden Typ-2-Diabetes bedingt, in Deutschland beträgt die Zunahme seit Beginn des Jahrtausends etwa 40 Prozent, wobei neben der großen Zahl der mehr als sechs Millionen Betroffenen die hohe Dunkelziffer der ein bis zwei Millionen nicht diagnostizierter Menschen mit Diabetes ganz besonders beunruhigend ist. Zu späte Diagnose und Behandlung tragen erheblich zum Auftreten von Folgekomplikationen bei. Nach wie vor sterben circa 75 Prozent der Menschen mit Diabetes verfrüht an kardiovaskulären Komplikationen; nach wie vor werden in Deutschland jährlich etwa 40.000 Amputationen durchgeführt; und Typ-2-Diabetes ist nach wie vor die häufigste Erkrankung, die zu Nierenversagen und Dialysepflichtigkeit führt.

Bei Typ-2-Diabetes, der durch übergewichtsfördernde Umweltbedingungen ("sedentary lifestyle") und Vererbung mitbedingt ist, sind Lebensstil-Präventionsmaßnahmen für die Mehrzahl der Menschen sinnvoll und notwendig. Das Präventionsgesetz wurde 2015 verabschiedet. Dies ist zwar ein erster Schritt und zeigt, dass mehr Bewusstsein für Krankheitsvermeidung nicht übertragbarer Erkrankungen in der Politik angekommen ist. Dieses Gesetz ist jedoch ein Tropfen auf den heißen Stein vor dem Hintergrund des Problems: Sieben Euro pro Person und Jahr werden nicht viel bewirken können. Auch der im Gesetz verfolgte Schwerpunkt von Eigenverantwortung und Verhaltensprävention wird dem Problem nicht gerecht und erreicht nur die Personen, die ohnehin Gesundheitsbewusstsein haben. Statt der geplanten Gesundheitsförderung in bestimmten Bereichen ist eine verbindliche, gesundheitsförderliche Umgestaltung dieser Lebenswelten notwendig. Auf die ganze Bevölkerung ausgerichtete Maßnahmen der Verhältnisprävention sind viel effektiver und kosteneffizienter und führen dazu, dass der gesunde Lebensstil mit ausreichend Bewegung und gesundem Essen auch tatsächlich zur leichteren und besseren individuellen Wahl wird. Die DDG und diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe plädieren zusammen mit der Deutschen Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten dafür, die folgenden vier verhältnispräventiven Forderungen umzusetzen:

Diese Ziele sind in guter Übereinstimmung mit den "Sustainable development goals" der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die Umsetzung ist leider immer noch nicht geschehen, wobei sich vor allem das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gegen eine höhere Besteuerung von Zucker sperrt und aus unserer Sicht zu sehr die Interessen der Lebensmittelindustrie vertritt. Aus diesem Grund fordern wir, die Zuständigkeit von gesundheitlichem Verbraucherschutz vom BMEL in das Gesundheitsministerium (BMG) zu übertragen. Wir setzen uns ferner für einen Bundesbeauftragten Adipositas und Diabetes ein: Damit soll unterstrichen werden, dass nur eine ressortübergreifende und auch die Bundesländer umfassende Strategie der Dimension der Aufgabe gerecht werden kann. Ziel sollte es sein, diese Position im nächsten Koalitionsvertrag zu verankern. Die dramatischen Ausmaße und die Zunahme der lebensstilbedingten Krankheiten Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und andere verlangen insgesamt nach einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung mit Einbeziehung der Länder und Kommunen, um die bedrohliche Entwicklung zu stoppen. Durch die oben vorgeschlagenen Maßnahmen würden vor allem auch bildungsfernere und sozial schlechter gestellte Schichten mit schlechteren Gesundheitsbedingungen (und höherer Adipositas- und Diabetesprävalenz!) besser erreicht als durch bloße Informationskampagnen.

Der Aufbau eines nationalen Diabetesregisters ist ein weiterer integraler und äußerst wichtiger Bestandteil einer nationalen Diabetesstrategie. In einer ersten Diabetesregisterkonferenz trafen sich im April 2015 die Gründer und Betreiber von bereits bestehenden lokalen und überregionalen Diabetesregistern und Datenbanken mit Vertretern des BMG, des Robert Koch-Instituts und der Kostenträger. Ziel dieses Treffens waren eine Bestandsaufnahme dieser einzelnen Datenquellen und eine Diskussion über eine mögliche Harmonisierung und einen Abgleich, um in Zukunft die Datenlage zu verbessern und zusammenzuführen; weitere Treffen sind in Vorbereitung, DDG und diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe haben dem Projekt eine sehr hohe Priorität eingeräumt und stärken es auch personell. In den nächsten Treffen muss es konkret um Zielsetzungen, Priorisierung von Fragestellungen und Aufgaben, Aufgabenverteilung und Finanzierung des Gesamtprojekts gehen.

In Forschung und Wissenschaft hat sich das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung (DZD) der Helmholtz-Gesellschaft mit seinen fünf Standorten und den assoziierten Schwerpunkteinrichtungen an Universitäten und anderen Instituten sehr gut etabliert und international bereits viel Beachtung erfahren. So sind vier von fünf renommierten Preisen der Europäischen Diabetes-Gesellschaft dieses Jahr deutschen Wissenschaftlern verliehen worden.

Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es noch viel zu tun. In der klinischen Versorgung muss die Diabetesbehandlung auf den verschiedenen Ebenen von der hausärztlichen Versorgung bis hin zur stationären Versorgung sektorenübergreifend besser vernetzt werden. Neben der ärztlichen und medizinischen Versorgung muss auch die Pflege alter Menschen, die ihren Diabetes nicht mehr selbst behandeln können, verbessert werden - und es müssen zusätzliche nichtmedizinische Angebote zur Verbesserung der Behandlung geschaffen werden.

Die klinische und praktische Aus- und Weiterbildung von Ärzten, Pflegenden und anderen mit der Diabetesbetreuung betrauten Berufsgruppen muss sichergestellt und verbessert werden. Derzeit gibt es hier in den Kliniken mit ihren Ausbildungsstätten und an den Universitäten nicht genügend Ausbildungsplätze, sodass ein Nachwuchsmangel droht, falls nicht gegengesteuert wird. Dabei geht es auch darum, junge Menschen zu motivieren, bei der Berufswahl eines medizinischen Berufs einen Diabetesschwerpunkt in Betracht zu ziehen. Ein weiteres wichtiges politisches Handlungsfeld betrifft die Verfügbarkeit und Verordnungsfähigkeit von Diabetesmedikamenten in Deutschland: Durch die gesundheitspolitischen Entwicklungen haben in letzter Zeit Patienten und Behandler zum Teil Einschränkungen in der Therapiewahl und Therapiefreiheit erfahren (zum Beispiel durch das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes/AMNOG). So sind einige neue Medikamente, die in anderen Ländern eingeführt werden konnten, in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen vom Markt zurückgezogen worden. Ein besonders eklatantes jüngstes Beispiel ist die Rücknahme des Basalinsulins Insulin degludec, mit dem circa 40.000 Patienten behandelt worden waren. Wir setzen uns gemeinsam mit anderen medizinischen Fachgesellschaften und Patientenverbänden dafür ein, dass Patienten in Deutschland weiterhin optimal versorgt werden können.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

zuletzt bearbeitet: 27.12.2015 nach oben

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