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Diabetes und Depression - eine fatale Kombination

Abstract zum Vortrag von PD Dr. med. habil. Rainer Lundershausen im Rahmen der Pressekonferenz zur 4. DDG-Herbsttagung am 4. November 2010 in Berlin.

Über die Wechselbeziehungen zwischen diesen Erkrankungen

PD Dr. Rainer Lundershausen In einem Editorial der renommierten Zeitschrift "Diabetes Care" beschreibt Marc Peyrot die Brisanz des Themas so: "depression: a quiet killer by any name" (Depression: In jedem Fall ein stiller Killer). Dieser markante Satz basiert auf einem entscheidenden Ergebnis aktueller Studien, nämlich der Tatsache, dass Menschen mit Diabetes und Depression früher sterben.

Eine Metaanalyse von 42 Querschnittsuntersuchungen hat gezeigt, dass Diabetes-Patienten circa doppelt so häufig an depressiven Störungen erkranken wie Nichtdiabetiker. Weitere Studien aus jüngster Zeit haben eine auf das Doppelte erhöhte kardiovaskuläre Mortalitätsrate (Sterberate) bei Diabetikern festgestellt. Diabetische Folgeerkrankungen sind folglich positiv mit dem Vorkommen von Depressionen assoziiert.

Andererseits haben Patienten mit affektiven (psychischen) Störungen auch ein erhöhtes Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Hier hat eine Metaanalyse von 13 Studien eine Risikoerhöhung um 60 Prozent ergeben. Insofern ist eine depressive Störung auch ein Prädiktor (Risikofaktor) für eine diabetische Entwicklung.

Der epidemiologisch unstrittige Zusammenhang von Diabetes und Depression wirft die Frage nach gemeinsamen Ursachen und wechselseitigen Beeinflussungen auf. So haben Untersuchungen gezeigt, dass bestimmte Genkonstellationen sowohl für diabetische als auch für depressive Erkrankungen prädisponieren. Hormonelle Regulationsphänomene, die durch Depressionen im Hypothalamus ausgelöst und über die Hypophysen-Nebennierenachse fortgeleitet werden, können zur erhöhten Cortisolausschüttung führen.

Depressionen aktivieren nicht selten das Immunsystem und fördern die Expression von Entzündungsmediatoren, die heute als Marker der Insulinresistenz anerkannt sind. Chronische Erkrankungen, so auch der Diabetes, bergen ein erhöhtes Depressionspotenzial in sich. Eine unmittelbare Auswirkung der Hyperglykämie spielt eine eher zu vernachlässigende Rolle. Vielmehr ist nicht selten die Anpassung an eine lebenslange Erkrankung mit teils aufwendiger Selbsttherapie gestört. Der psychosoziale Stress beeinflusst den Lebensstil, das Selbstbehandlungsverhalten und die Stoffwechseleinstellung. Depressionen erschweren die Motivation zur Lebensstilmodifikation und zur Durchführung bestimmter Therapiemaßnahmen.

Entscheidend für die Lebensqualität und die Prognose der Patienten ist das frühzeitige Erkennen einer Depressivität und die Einleitung einer adäquaten Behandlung.

Zur Diagnosestellung - auch in der Hausarztpraxis – eignen sich validierte Sreening-Fragebögen, wie der WHO-5 oder die Allgemeine Depressionsskala. Auch existieren Fragebögen, die stärker auf diabetesspezifische Belastungen abstellen. Die Praxisleitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft sieht ein regelmäßiges Depressions-Screening einmal im Jahr vor.

Bei leichten Störungen kann eine psychosomatische Basisbehandlung mit entlastender Gesprächsführung, vorübergehender beruflicher und familiärer Entpflichtung sowie die Teilnahme an Schulungs- und Bewegungsprogrammen erfolgreich sein. Ist kurzfristig keine Besserung zu erzielen, sollte eine fachspezifische Psycho- und/oder antidepressive Pharmakotherapie eingeleitet werden.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Privatdozent Dr. med. habil. Rainer Lundershausen, Tagungspräsident DDG/diabetesDE, Pressesprecher DDG, niedergelassener Diabetologe, Erfurt.
Bildquelle: Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 04.11.2010 nach oben

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