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Unnötige Schmerzen und Einschränkungen durch Nervenleiden

Abstract zum Vortrag von Dr. med. Ralph Achim Bierwirth, Tagungspräsident, Pressesprecher der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), stellvertretender Vorsitzender im Bundesvorstand der AND e.V. und Leitender Arzt des Ambulanten Diabetes-Zentrums am Elisabeth-Krankenhaus, Essen, im Rahmen der Pressekonferenz zur Veranstaltung: AND-Symposium für Praktische Diabetologie/Herbsttagung-DDG am 2. November 2006 in Berlin.

Wie lassen sich neuropathische Erkrankungen frühzeitig diagnostizieren?

AND-Symposium für Praktische Diabetologie/Herbsttagung-DDG 2006

Dr. med. Ralph Achim Bierwirth Mindestens jeder vierte Diabetiker ist von der distal-symmetrischen Polyneuropathie (DSP) betroffen, die unter Ausbildung von einerseits teils quälenden neuropathischen Schmerzen (Schlafstörungen, Leistungsminderung) und andererseits schmerzlosen Fußulzera mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität einhergeht. Die Prävalenz der DSP liegt bei circa 30 % und die der schmerzhaften Neuropathie liegt bei circa 16 %.

Die DSP wird in ihrer klinischen Bedeutung weiterhin von ärztlicher Seite unterschätzt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie (Kennedy, Diabetes Care 2005, 28) zeigt, dass behandelnde Ärzte nur in 31 % bzw. 66 % ihrer Patienten eine milde bzw. schwere Polyneuropathie diagnostiziert hatten, ohne dass ein Unterschied zwischen Allgemeinärzten und Endokrinologen bestanden hätte.

Objektive Marker der DSP wie herabgesetzte Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und Vibrationswahrnehmung wurden kürzlich als unabhängige Prädiktoren einer erhöhten Mortalität bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern erkannt.

Die Therapie der DSP umfasst mehrere Ansätze:

  1. kausale Therapie mit dem Ziel einer normnahen Blutzuckereinstellung
  2. pathogenetisch begründbare Therapie: Unter diesen Therapieansätzen kommt evidenzbasiert im klinischen Alltag bislang lediglich die Alphaliponsäure in Betracht. Durch diese Antioxidanzientherapie wird die Bildung von freien Sauerstoffradikalen reduziert, die zu erhöhtem oxidativen Stress führen können.
  3. Schmerztherapien: Bei neuropathischen Schmerzen stehen vor allem Antidepressiva, Antikonvulsiva, schwache und als Ultimo ratio starke Opoide sowie physikalische Maßnahmen zur Verfügung.
    An Antidepressiva werden Amitriptylin, Imipramin und Clomipramin jeweils mit 25 mg bis 150 mg pro Tag empfohlen.
    Das Therapiearsenal wurde zuletzt durch den dualen selektiven Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor (SSNRI) Duloxetin und durch das Antikonvulsivum Pregabalin, einen spezifischen Blocker einer Kalziumkanal-Untereinheit, bereichert.
    Duloxetin hat in einer Dosis von 60 mg bis 120 mg pro Tag (3  Studien) eine Responder-Rate von 50 %, definiert als Schmerzreduktion von > 50 %. Häufigste Nebenwirkungen sind Übelkeit (16,7 %), Somnolenz (20,2 %) und Schwindel (9,6 %). Im Gegensatz zu trizyklischen Antidepressiva führt Duloxetin nicht zur einer Gewichtszunahme, besonders günstig bei übergewichtigen Diabetikern.
    Pregabalin zeigt in sechs Studien ebenfalls eine vergleichbare Responder-Rate von 50 % bei einer Dosierung von 600 mg pro Tag (39b% bei 300 mg). Häufigste Nebenwirkungen sind Schwindel (22 %), Somnolenz (12,1 %), periphere Ödeme (10 %), Gewichtszunahme (5,4 %). Die Studienlage für Pregabalin bei diabetischer Neuropathie ist im Vergleich zum Gabapentin deutlich solider und die Dosistitration erheblich einfacher. Gabapentin wird in der Praxis häufig unterdosiert, denn in den Studien lag die Dosierung bei meist 3600b mg pro Tag Gabapentin.
    Nichtpharmakologische Therapieoptionen in der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) oder die frequenzmodulierte elektromagnetische Nervenstimulationb (FREMS) sollten stets berücksichtigt werden, da sie praktisch frei von Nebenwirkungen sind.

Die Kunst der effektiven Schmerztherapie besteht in einer möglichst guten Schmerzlinderung bei gleichzeitig minimalen Nebenwirkungen. Auch das Vermeiden von weiteren Risikofaktoren und Komplikationen (zum Beispiel diabetisches Fußsyndrom) ist ein letztes wichtiges Therapieziel.

Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung steht am Anfang einer adäquaten Therapie mit dem Ziel, die Lebensqualität der Betroffenen dauerhaft zu lindern.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Dr. med. Ralph Achim Bierwirth
Bildquelle: Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 02.11.2006 nach oben

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