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Von der (Non-)Compliance zur Eigenverantwortung in der hausärztlichen Betreuung der Typ-2-Diabetiker

Elmauer Gespräche 2006

Eigenverantwortung aus Sicht der Hausärzte: Chancen, Probleme, Forderungen

Vortrag von Dr. med. Diethard Sturm, Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirotherapie, Hohenstein-Ernstthal, im Rahmen der "Elmauer Gespräche 2006" - eine Informationsveranstaltung für Fachjournalisten von der Firma Roche Diagnostics

Voraussetzungen für richtiges aktives Mitwirken des Patienten sind Wissen, Verstehen und Können und nicht zuletzt Wollen. Dabei möchten wir uns von dem Begriff der Compliance lösen, denn er bezeichnet eine Unterordnung des Patienten. Übereinkunft auf gleicher Augenhöhe: der Patienten mit seinem Vorsprung beim Wissen um die psychosoziale Betroffenheit und der Arzt mit seiner höheren medizinischen Kompetenz bilden ein erfolgreiches Gespann.

Wissen allein ändert kaum Verhalten. Leitlinien verändern ärztliches Verhalten nur, wenn Instrumente zur Implementierung wie Strukturverträge, DMP oder integrierter Versorgung, wirken. Und so entsteht Akzeptanz für notwendige Veränderungen im Verhalten auch beim Patienten erst durch Emotionen.

Selbsterfahrenes Wissen erhöht die Akzeptanz. Ebenfalls der Vergleich beim ärztlichen Verhalten: eine wiederholte Befragung bei Ärzten zeigt, dass erst durch die persönliche Erfahrung eine Veränderung der Verordnungsweise entsteht.

Wie können wir das beim Patienten umsetzen? In den Sprechstunden wird viel gesprochen, viel erklärt, viel ermahnt, aber Patient kann gar nicht alles in dieser Dichte und in dieser Situation aufnehmen, und vieles ist auch bald verdrängt.

Der Diabetes-Pass war ein erster Schritt in die Richtung, dem Betroffenen seine Werte mitzugeben, damit er eventuell mal reinschauen und mit anderen darüber sprechen konnte. Einen komplexeren Ansatz, nicht nur auf den Diabetes beschränkt, stellt "Mein Arztbuch" dar. Neben den aktuellen Daten ist die medizinische Krankengeschichte niedergelegt, im Gegensatz zur e-card jederzeit und ohne Hilfsmittel einsehbar. Aber diese Instrumente geben noch wenig Hinweise über die Wertigkeit, geben keine Anleitung zum Handeln. Formal ist auch das Protokoll der DMP. Es gibt keine Handlungshinweise.

Der Weg wäre fortzusetzen mit dem Protokoll einer jeden Konsultation, automatisch, d.h. ohne zusätzlichen Aufwand des Arztes, ausdruckbar aus der hausärztlichen elektronischen Patientenakte "HELPAK".

Wie können wir Selbsterfahrung herstellen?

Die Selbstmessung, also die Herstellung von Messergebnissen mit dem Erleben der Folge eigenen Handelns zeigt bessere Wirkung, wie uns die ROSSO-Studie zeigt. Der grundsätzliche Zwang zur Wirtschaftlichkeit gebietet, die Teststreifen angeleitet in einem Schulungsprogramm anzuwenden. Das muss am Beginn der Karriere passieren, also bei der Erstdiagnostik, da hier kann unter dem Eindruck der oft sehr stark emotional beeindruckenden Situation eine Verhaltensänderung leichter erreicht werd3en, als unter der Erfahrung: Schlechte Werte tun ja gar nicht weh, ist ja alles nicht so schlimm: weiter so.
Für insulinpflichtige Typ 2 Diabetiker wurde eben von TEWES et al. im Deutschen Ärzteblatt eine Untersuchung vorgelegt, die diese Effekte belegt. Nicht vor der Injektion messen, sondern postprandial, und die Beziehung zum Verhalten herstellen.

In besonderer Weise spricht auch das Protokoll der Risikostratifizierung mit "Mellibase" die Patienten an. Zum Mitnehmen erhält der Patient einen Ausdruck der Berechnung seines Risikos, aber auch zugleich die Chancen zur Verbesserung dargestellt. Bei den Folgeberechnungen wird die Entwicklung des Risikos, die Fortschritte und die verbleibenden Reserven dargestellt. Lediglich die Lipidwerte gehen über den Datenumfang hinaus, der ohnehin für die DMP dokumentiert wird. Mit dieser Rückkopplung erhält die Dokumentation einen guten Nutzen. Die Therapievereinbarung hat eine zuverlässige Grundlage, der Patient kann in der Tat entscheiden, auf welche Weise und mit welcher Energie er entsprechend seiner aktuellen sozialen Situation sein Leben mit der Krankheit in Einklang bringt. Diese Möglichkeit zur Selbstbeteiligung sollte jeder Mensch erhalten, unabhängig von seiner sozialen Lage.

zuletzt bearbeitet: 20.02.2006 nach oben

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