{"id":1107,"date":"2006-10-02T12:01:14","date_gmt":"2006-10-02T10:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diabsite.de\/diabetes-weblog\/2006\/10\/02\/iqwig-g-ba-und-bmg-haben-die-suppe-angerichtet-diabetiker-durfen-sie-nun-ausloffeln\/"},"modified":"2007-04-23T13:49:48","modified_gmt":"2007-04-23T11:49:48","slug":"iqwig-g-ba-und-bmg-haben-die-suppe-angerichtet-diabetiker-durfen-sie-nun-ausloffeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diabsite.de\/diabetes-weblog\/2006\/10\/02\/iqwig-g-ba-und-bmg-haben-die-suppe-angerichtet-diabetiker-durfen-sie-nun-ausloffeln\/","title":{"rendered":"IQWiG, G-BA und BMG haben die Suppe angerichtet&nbsp;&#8211; Diabetiker d\u00fcrfen sie nun ausl\u00f6ffeln"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussionen um die Verordnungsf\u00e4higkeit kurzwirksamer Insulinanaloga f\u00fcr Typ-2-Diabetiker haben viele von Ihnen in den letzten Monaten auf dem Diabetes-Portal DiabSite verfolgt. Wir haben dem umstrittenen Thema sogar eine eigene Seite mit Links zu <a href=\"https:\/\/www.diabsite.de\/aktuelles\/nachrichten\/dateien\/060206-diskussion.html\" target=\"_blank\">Stellungnahmen und Diskussionsbeitr\u00e4gen<\/a> gewidmet. <\/p>\n<p>Nun hat das Bundesministerium f\u00fcr Gesundheit (BMG) den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom 18. Juli 2006 angenommen. Am 28.&nbsp;September 2006 wurde der Beschluss \u00fcber die entsprechende \u00c4nderung der Arzneimittel-Richtlinie (AMR) im Bundesanzeiger ver\u00f6ffentlicht. Seit dem 29. September ist er offiziell in Kraft. Den genauen und vollst\u00e4ndigen Wortlaut des <a href=\"http:\/\/www.g-ba.de\/downloads\/39-261-313\/2006-07-18-AMR-Insulinanaloga_BAnz.pdf\" target=\"_blank\">Beschlusses<\/a> (Pdf) k\u00f6nnen Sie auf dem Server des G-BA nachlesen.<\/p>\n<h3>Was hei\u00dft das?<\/h3>\n<p>Die folgenden kurzwirksamen Analoginsuline d\u00fcrfen bei Diabetes Typ 2 ab sofort nur noch in wenigen begr\u00fcndeten Ausnahmef\u00e4llen zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden:<\/p>\n<p>&#8211; Insulin Aspart (NovoRapid<sup>&reg;<\/sup>)<br \/>\n&#8211; Insulin Glulisin (Apidra<sup>&reg;<\/sup>)<br \/>\n&#8211; Insulin Lispro (Humalog<sup>&reg;<\/sup>)<\/p>\n<h3>Was bedeutet das f\u00fcr die betroffenen Typ-2-Diabetiker?<\/h3>\n<p>Wenn sie in den kommenden Wochen und Tagen zu ihrem Arzt gehen, um sich den Quartalsbedarf an Insulin verordnen zu lassen, m\u00fcssen sie erst einmal mit l\u00e4ngeren Wartezeiten rechnen. Schlie\u00dflich muss der Arzt vielen Patienten erkl\u00e4ren, dass sie ihr gewohntes Insulin nicht mehr bekommen. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie davon ausgehen, dass der Arzt auch sie von ihrem gewohnten kurzwirksamen Analogon auf ein Humaninsulin umstellen wird \u2013 es sei denn, sie gelten als &#8222;Ausnahmefall&#8220;. <\/p>\n<h3>Was k\u00f6nnen die Patienten tun?<\/h3>\n<p>Es hilft leider wenig, sich beim Arzt zu beschweren. Denn der darf gesetzlich Versicherten mit Typ-2-Diabetes ab sofort keine kurzwirksamen Analoginsuline mehr verschreiben. Sollten Patienten jedoch fr\u00fcher schon einmal ein Humaninsulin gespritzt haben und aus dieser Zeit noch Blutzuckertageb\u00fccher besitzen, die belegen, dass sie damit keine gute Stoffwechseleinstellung erreichen konnten, k\u00f6nnen sie gemeinsam mit dem Arzt versuchen, eine Ausnahmeregelung zu bewirken. Ist dies nicht m\u00f6glich, sollten sie zumindest im Rahmen einer Schulung auf die neue Therapie vorbereitet werden.<\/p>\n<p>Wer beim Insulinanalogon bleiben will und es sich leisten kann, hat die M\u00f6glichkeit, sich dieses auf einem Privatrezept verordnen lassen. Zumindest so lange, bis die voraussichtlich kommende Festbetragsregelung durch alle Gremien gegangen ist. Das kann jedoch, wenn es denn kommt, einige Monate oder sogar bis Ende 2007 dauern. Ab dann m\u00fcssten sie lediglich die Differenz zwischen dem von der Kasse \u00fcbernommenen Festbetrag und den tats\u00e4chlichen Kosten f\u00fcr das Analogon zahlen.<\/p>\n<p>Wichtig ist, dass Typ-2-Diabetiker, die auf ein neues Humaninsulin umgestellt werden, Folgendes mit ihrem Arzt besprechen und beachten:<\/p>\n<p>&#8211; Humaninsuline haben eine l\u00e4ngere Wirkungsdauer (je nach Insulinmenge bis zu 5&nbsp;Stunden) als die kurzwirksamen Insulinanaloga.<br \/>\n&#8211; Somit besteht die Gefahr, in eine noch andauernde Insulinwirkung hinein zu spritzen und damit eine schwere Unterzuckerung zu riskieren.<br \/>\n&#8211; Gegebenenfalls sollten Sie mit Ihrem Diabetes-Team \u00fcber sinnvolle Zwischenmahlzeiten sprechen. M\u00f6glicherweise m\u00fcssen Sie kurzfristig (wieder) auf f\u00fcnf oder mehr Mahlzeiten pro Tag eingestellt werden.<br \/>\n&#8211; F\u00fcr den Fall einer Unterzuckerung brauchen Sie nach der Umstellung voraussichtlich wesentlich mehr so genannte &#8222;Not-BEs&#8220;. Sie sollten also immer reichlich schnell und langsam wirksame Kohlenhydrate mit sich f\u00fchren.<br \/>\n&#8211; H\u00e4ufigere Blutzuckermessungen k\u00f6nnen vor unerw\u00fcnschten Unterzuckerungen sch\u00fctzen. Mit anderen Worten: Testen, testen, testen!<br \/>\n&#8211; Unterzuckerungsgefahren drohen nun auch vermehrt bei k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4ten (Dazu geh\u00f6rt nicht nur Sport. Auch schwere Hausarbeit, Gartenarbeit und das Toben mit dem Enkel sind eine k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t!). Hierbei sind h\u00e4ufigere Blutzuckermessungen ganz besonders wichtig.<br \/>\n&#8211; Je nach gemessenem Blutzuckerwert k\u00f6nnte ein Abstand zwischen Insulingabe und Essen sinnvoll sein.<br \/>\n&#8211; Diabetiker, die beruflich oder privat ein Auto nutzen, sollten mit ihrem Arzt unbedingt \u00fcber ein m\u00f6gliches Fahrverbot w\u00e4hrend der Therapieumstellung sprechen.<br \/>\n&#8211; Patienten, die kein Humaninsulin wollen, k\u00f6nnten auch regelm\u00e4\u00dfig in Berlin (BMG), Siegburg (G-BA) oder K\u00f6ln (IQWiG, Institut f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) demonstrieren, damit bald alle Diabetiker wieder eine optimale Insulintherapie&nbsp;&#8211; auch mit Analoga&nbsp;&#8211; bekommen.<\/p>\n<h3>Was k\u00f6nnen \u00c4rzte tun?<\/h3>\n<p>Sie d\u00fcrfen den meisten Typ-2-Diabetikern keine Insulinanaloga mehr verordnen, k\u00f6nnten aber vielleicht versuchen, f\u00fcr bestimmte Patienten eine \u00dcbergangsregelung zu bewirken. Au\u00dferdem sollten sie allen Patienten, die in die Ausnahmeregelung fallen, weiterhin Analoga verschreiben. Meines Erachtens k\u00f6nnten sie mit viel Zivilcourage den Beschluss auch ignorieren und abwarten, ob die Kassen sehr viele Regressanspr\u00fcche bearbeiten k\u00f6nnen. Aber dieses Szenario ist mit gro\u00dfen Risiken f\u00fcr die \u00c4rzte verbunden.<\/p>\n<h3>Welche Ausnahmeregelungen gibt es?<\/h3>\n<p>Das ist leider bislang nirgendwo eindeutig definiert. Im Beschluss hei\u00dft es hierzu: Kurzwirksame Insulinanaloga sind nicht verordnungsf\u00e4hig, solange sie mit Mehrkosten im Vergleich zu kurzwirksamem Humaninsulin verbunden sind. Das angestrebte Behandlungsziel ist mit Humaninsulin ebenso zweckm\u00e4\u00dfig, aber kosteng\u00fcnstiger zu erreichen. F\u00fcr die Bestimmung der Mehrkosten sind die der zust\u00e4ndigen Krankenkasse tats\u00e4chlich entstehenden Kosten ma\u00dfgeblich.\u201c<\/p>\n<p>Danach k\u00f6nnten Ihnen weiterhin Insulinanaloga verordnet werden, wenn<\/p>\n<p>&#8211; Ihre Behandlung mit Analoga billiger ist als es eine Behandlung mit Humaninsulin w\u00e4re. Wichtig dabei: Die Analoga sind zwar teurer, jedoch ben\u00f6tigen die meisten Patienten davon deutlich weniger als von einem Humaninsulin.<br \/>\n&#8211; Ihr Behandlungsziel mit der Gabe von Humaninsulin nicht zu erreichen ist. Unklar bleibt jedoch, wer dieses Behandlungsziel festlegt.<\/p>\n<p>Ganz klar unter die Ausnahmeregelung fallen Diabetiker, die auf Humaninsulin allergisch reagieren.<\/p>\n<h3>Unser Kommentar:<\/h3>\n<p>G-BA, IQWiG und BMG haben unter dem Druck der Kassenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss die Umsetzung des Beschlusses zur Verordnung von kurzwirksamen Insulinanaloga f\u00fcr Menschen mit Diabetes Typ&nbsp;2 beschleunigt. Alle pragmatischen Vorschl\u00e4ge, eine L\u00f6sung im Sinne der Diabetiker zu finden&nbsp;&#8211; beispielsweise eine \u00dcbergangsl\u00f6sung bis zur Entscheidung \u00fcber eine Festbetragsregelung f\u00fcr Analoginsuline&nbsp;&#8211; wurden abgelehnt. <\/p>\n<p>Durch die schnelle Ver\u00f6ffentlichung des Beschlusses im Bundesanzeiger gibt es offensichtlich bis heute keine konkreten Handlungsanweisungen f\u00fcr den Umgang mit der Entscheidung in der Praxis. Weder sind die im G-BA-Beschluss erw\u00e4hnten Ausnahmeregelungen eindeutig definiert, noch gibt es einen Hinweis auf eine \u00dcbergangsregelung, damit die behandelnden \u00c4rzte ihre Patienten ausreichend auf die Therapieumstellung vorbereiten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>In den kommenden Wochen droht somit in Deutschland ein Therapiechaos f\u00fcr insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker. Die Sparhardliner, wie beispielsweise der Kassenvertreter im G-BA, haben gesiegt. Die Konsequenzen sind nicht absehbar&nbsp;&#8211; weder f\u00fcr die betroffenen Diabetiker, noch f\u00fcr die Krankenkassen. Denn auf diese k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise eine regelrechte Kostenlawine zurollen durch umgestellte Typ-2-Diabetiker, die mit schweren Unterzuckerungen station\u00e4r behandelt werden m\u00fcssen oder langfristig durch eine schlechtere Stoffwechseleinstellung mit teuren Sp\u00e4tfolgen hohe Kosten verursachen.<\/p>\n<p>Zudem war es dem IQWiG offenbar wichtiger, ein Exempel zu statuieren als sich auf praktikable Vorschl\u00e4ge zum Wohle der Patienten einzulassen. Nachdem n\u00e4mlich die Nutzenbewertung f\u00fcr Typ-2- und Typ-1-Diabetiker getrennt vorgenommen wurde, ist eine schnelle Festbetragsregelung f\u00fcr Insulinanaloga juristisch erst nach Abschluss des Verfahrens f\u00fcr Typ-1-Diabetiker, also fr\u00fchestens im 1. oder 2.&nbsp;Quartal 2007, m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Leider gibt es somit zum jetzigen Zeitpunkt weitaus mehr offene Fragen als Antworten. Aber wir werden Sie selbstverst\u00e4ndlich auf dem Laufenden halten, sobald uns aktuelle und hoffentlich gesicherte Informationen vorliegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussionen um die Verordnungsf\u00e4higkeit kurzwirksamer Insulinanaloga f\u00fcr Typ-2-Diabetiker haben viele von Ihnen in den letzten Monaten auf dem Diabetes-Portal DiabSite verfolgt. Wir haben dem umstrittenen Thema sogar eine eigene Seite mit Links zu Stellungnahmen und Diskussionsbeitr\u00e4gen gewidmet. 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