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Diabetes und Straßenverkehr

Die Hypoglykämiewahrnehmung beeinflusst Einschätzung der eigenen Fahrfähigkeit

aus: Der Diabetologe, Band 4, Heft 1, Januar 2008, S. 43f

Hypoglykämien bergen immer auch ein hohes Gefährdungspotential. Besonders im Straßenverkehr können durch Unterzuckerungen bedingte Wahrnehmungsstörungen, Verlangsamung der Reaktionsgeschwindigkeit oder Koordinationsstörungen zu Fehlentscheidungen und Unfällen führen. Dies ist auch ein Grund für Einschränkungen der Fahrerlaubnis bei insulinbehandelten Diabetespatienten, z.B. in Bezug auf den Erwerb eines Personenbeförderungsscheines oder das Führen von Kfz mit mehr als 3,5 t, im deutschen Fahrerlaubnisrecht.

Untersuchungen der Arbeitsgruppe um D. Cox haben in den letzten Jahren die Diskussion um die Fahrsicherheit insulinpflichtiger Diabetespatienten neu entfacht. In den Studien, welche die Fahrleistungen von Diabetespatienten während einer experimentell induzierten Hypoglykämie in einem Fahrsimulator untersuchten, entschieden sich 38-47% der Probanden trotz eines Blutzuckerwertes von 40 bis 50 mg/l (2,2 bis 2,8 mmol/l) für eine "Weiterfahrt".

Eine holländische Arbeitsgruppe um A. Stork hat in einer Replikationsstudie ebenfalls unter Verwendung eines Fahrsimulators untersucht, inwieweit sich niederländische Diabetespatienten, bei denen im Vergleich zur amerikanischen Stichprobe generell ein besserer Schulungsstand vorausgesetzt werden kann, während einer experimentell induzierten Hypoglykämie für oder gegen eine "Weiterfahrt" im Fahrsimulator entschieden.

Methodik

An dieser Studie nahmen 45 Patienten mit Typ-1-Diabetes, von denen 24 eine normale und 21 eine eingeschränkte Hypoglykämiewahrnehmung aufwiesen, und 20 Patienten mit Typ-2-Diabetes teil. Probanden mit Typ-1-Diabetes und eingeschränkter Hypoglykämiewahrnehmung waren etwas älter (40 vs. 35 J.), hatten eine längere Diabetesdauer (19,5 vs. 14,8 J.) und einen niedrigeren HbA1c-Wert (7,8 % vs. 8,2 %) als Typ-1-Diabetes-Patienten ohne Hypoglykämieprobleme. Alle 20 Patienten mit Typ-2-Diabetes (Alter 51 Jahre, Diabetesdauer 8,7 Jahre, HbA1c 7,9 %, 60 % Insulintherapie, 40 % ausschließlich OAD) hatten eine normale Hypoglykämiewahrnehmung. Die Studienteilnehmer hatten mit einer durchschnittlichen Kilometerleistung von 21.000 bis 25.000 km pro Jahr eine gute Fahrpraxis und besaßen ihre Fahrerlaubnis im Durchschnitt zwischen 15 und 28 Jahre.

Die Blutglukosemanipulation erfolgte mittels einer Glukose Clamp Technik. Zunächst wurde die Glukose bei etwa 90 mg/dl (5,0 mmol/l) stabilisiert. Während dieser euglykämischen Phase wurde zum ersten Mal eine Autofahrt im Fahrsimulator simuliert. Danach wurde der Blutzucker mittels der Glukose Clamp Technik auf 50 mg/dl (2,8 mmol/l) abgesenkt und auf diesem Niveau stabilisiert. Während dieser experimentell induzierten hypoglykämischen Phase wurde wiederum eine Autofahrt simuliert. Den Probanden wurde der aktuelle Blutzucker nicht mitgeteilt. Gleichzeitig wurden sie zum einen gefragt, ob sie ihren Blutzucker als niedrig einschätzten (Antwortmöglichkeiten: "ja", "vielleicht", "nein"). Zum zweiten wurden sie gefragt, ob sie im Augenblick Autofahren würden (Antwortmöglichkeiten: "ja", "vielleicht", "nein - zunächst Blutzuckermessen", "nicht Autofahren").

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Ergebnisse

Von den 24 Probanden mit Typ-1-Diabetes und normaler Hypoglykämiewahrnehmung verneinte kein Teilnehmer die Frage, ob ein niedriger Blutzucker vorlag. 15 (62,2 %) Patienten erklärten, dass sie sich hypoglykämisch fühlten ("ja") und 9 (37,5 %) sagten, dass ihr Blutzucker möglicherweise niedrig sei ("vielleicht"). Von den 15 Typ-1-Diabetespatienten, welche einen niedrigen Blutzucker sicher bemerkten, gab keiner an, dass er jetzt Auto fahren würde; lediglich ein Teilnehmer erklärte, dass er "vielleicht Autofahren" würde. Von den 9 Patienten, welche erklärten, dass ihr Blutzucker "vielleicht niedrig" sei, sagten alle, dass sie jetzt ihren "Blutzucker messen" oder "kein Autofahren" würden; keiner antwortete, dass er "vielleicht" oder auf jeden Fall Autofahren würde. Interessanterweise beantwortete keiner der Studienteilnehmer mit einer eingeschränkten Hypoglykämiewahrnehmung die Frage, ob sie gegenwärtig ihren Blutzucker als niedrig einschätzen würden, eindeutig mit "ja". Von diesen 21 Patienten erklärten 8 (38 %), dass ihr Blutzucker möglicherweise niedrig sei. Keiner, der diesen Verdacht äußerte, entschied sich dafür mit dem Auto zu fahren; alle entschieden sich entweder den Blutzucker zu messen bzw. nicht Auto zu fahren. Die anderen 13 der 21 Typ-1-Diabetesprobanden (62 %) mit eingeschränkter Hypoglykämiewahrnehmung verneinten die Frage, ob der Blutzucker aktuell niedrig sei. Von diesen 13 Studienteilnehmern entschieden sich im Fahrsimulator immerhin 9 dafür Auto zu fahren.

Bei den Probanden mit Typ-2-Diabetes ergab sich ein ähnliches Bild. Von den 20 Teilnehmern bemerkten 11 eindeutig die induzierte niedrige Blutglukose und keiner entschied sich dafür Auto zu fahren. Die übrigen 9 Patienten berichteten, dass ihr Blutzucker möglicherweise niedrig sei. Von diesen bejahten immerhin 5 Probanden die Frage, ob sie im Augenblick Autofahren bzw. vielleicht Autofahren würden.

Beim Typ-2-Diabetes gibt ein größerer Teil der Patienten an, auch bei einem möglicherweise niedrigen Blutzucker noch weiter Auto zu fahren. Dies zeigt m.E. ein gewisses Schulungsdefizit von Patienten mit Typ-2-Diabetes hinsichtlich der von Hypoglykämien ausgehenden Risiken und Gefahren an. Auch wenn schwere Hypoglykämien absolut gesehen beim Typ-2-Diabetes deutlich seltener sind als beim Typ-1-Diabetes, sollte daher in Schulungen für Typ-2-Diabetespatienten die von Hypoglykämien ausgehende Gefährdung im Straßenverkehr thematisiert werden.

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Schlussfolgerung für die Praxis

Diese niederländische Studie zeigt, dass sich die übergroße Mehrzahl aller Typ-1- und Typ-2-Diabetespatienten im Straßenverkehr verantwortlich verhält. Keiner der Studienteilnehmer, der angibt, dass sein Blutzucker aktuell eindeutig niedrig sei, würde weiter Autofahren. Lediglich bei Patienten, die ihre Unterzuckerung nicht eindeutig bemerkten, gibt ein recht hoher Anteil an, dass sie im Augenblick Autofahren würden. Dieser Teilgruppe kann mit Maßnahmen zur Verbesserung der Hypoglykämiewahrnehmung (z.B. Teilnahme an Hypoglykämiewahrnehmungstrainings wie HyPOS oder BGAT) geholfen werden. Diese Daten deuten aber auch darauf hin, dass es besonders bei Typ-2-Diabetespatienten noch Schulungsbedarf hinsichtlich der Gefährlichkeit von Hypoglykämien im Straßenverkehr gibt.

Anders als die amerikanischen Studien der Arbeitsgruppe um Cox zeigen diese Ergebnisse von Diabetespatienten aus den Niederlanden, welche wahrscheinlich hinsichtlich Schulungsstand und Blutzuckerselbstkontrolle eher mit deutschen Patienten vergleichbar sind, ein verantwortliches Verhalten der Diabetespatienten im Straßenverkehr. Typ-1-Diabetespatienten mit Hypoglykämieproblemen sollte präventiv ein Schulungsprogramm zur Verbesserung ihrer Unterzuckerwahrnehmung angeboten werden. Typ-2-Diabetespatienten sollten im Rahmen ihrer Diabetikerschulung ausdrücklicher auf die Auswirkungen von Unterzuckerungen auf die Fahrleistung und die damit verbundene Gefährdung im Straßenverkehr hingewiesen werden.

Einschränkend muss man natürlich vor einer vorschnellen Verallgemeinerung solcher "Labordaten" warnen. Allerdings zeigen auch so genannte harte Endpunktstudien keine erhöhte Unfallhäufigkeit von Diabetespatienten infolge von Hypoglykämien. Solche Real-Life Ergebnisse können als eine Bestätigung dieser eher günstigen Ergebnisse aufgefasst werden.

PD Dr. Norbert Hermanns

Quellen

N. Hermanns, Forschungsinstitut der Diabetes Akademie Mergentheim, Bad Mergentheim.
in: Der Diabetologe
Nach: Stork AD, van Haeften TW, Veneman TF (2007)
The decision not to drive during hypoglycemia in patients with type 1 diabetes and type 2 diabetes according to hypoglycemia awareness. Diabetes Care 30:2822-2826

zuletzt bearbeitet: 13.02.2008 nach oben

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