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Auswirkungen des Krieges auf die Versorgung chronisch Kranker im Irak

Prof. Joachim Gardemann für das Diabetes-Portal DiabSite

Prof. Dr. med. Joachim Gardemann
Professor Gardemann

Prof. Dr. med. Joachim Gardemann, Jahrgang 1955, gehört bereits seit 1994 zur "Personalreserve" des Deutschen Roten Kreuzes. Als Kinderarzt und Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem zur Gesundheitssituation von Flüchtlingen, Flüchtlingskindern und Migranten, nimmt er regelmäßig an Einsätzen der internationalen humanitären Nothilfe teil. Hilfseinsätze mit der Internationalen Rotkreuzföderation führten ihn mehrfach nach Afrika und auf den Balkan. An der Fachhochschule Münster baut der Gesundheitswissenschaftler und Vater eines sechsjährigen Diabetikers ein Kompetenzzentrum für Humanitäre Hilfe auf.

Die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Dr. Gro Harlem Brundland, hat am 8. April 2003 nochmals deutlich auf die gesundheitlichen Folgen des Irak-Krieges für die Zivilbevölkerung im Land hingewiesen: Mehr als zwei Jahrzehnte Krieg und Sanktionen haben den Gesundheitszustand der irakischen Bevölkerung auch schon vor Beginn der neuen Kriegshandlungen schwer beeinträchtigt. Die Kindersterblichkeit ist dort mittlerweile doppelt so hoch wie 1990, eins von acht Kindern im Irak stirbt vor seinem fünften Lebensjahr. Fast die Hälfte der 24 Millionen Iraker sind Kinder, tödlich gefährdet jetzt besonders durch Durchfälle, Atemwegserkrankungen und eine aktuelle Masernepidemie.

Neben den Kindern gehören aber auch alte Menschen, Behinderte und chronisch Kranke bei kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder zu den Hauptleidtragenden. Diese ebenfalls stark gefährdeten Bevölkerungsgruppen werden leider aber oft von der Medienberichterstattung vernachlässigt. Chronisch Kranke sind auf Nachschub von Medikamenten und auf regelmäßige Besuche in Gesundheitseinrichtungen angewiesen. Im Krieg bleibt oft der Nachschub aus und auch das zivile Personal wird zum Sanitätsdienst abgezogen. Trinkwasserversorgung und Elektrizität sind nicht mehr gewährleistet, Kühlschränke, Wärmebettchen und Inhaliergeräte bleiben funktionslos.

Das schlimme Schicksal der Bombenopfer und Verbrannten, das Leid der Soldaten und der Hungertod der Kinder werden in den Medien verbreitet, rufen berechtigte Anteilnahme und Hilfsbereitschaft hervor. Das Schicksal der Krebspatienten ohne Schmerzmittel, der Anfallskranken ohne Medikamentenschutz, der Dialysepflichtigen ohne künstliche Niere und auch das der Diabetiker ohne Insulin bleibt aber weithin unerwähnt.

Diabetes im Irak

Angaben über die Diabeteshäufigkeit im Irak sind nur schwer zu erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation geht für die arabischen Länder von einer überraschend großen geschätzten Diabeteshäufigkeit zwischen 6 und 16 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die arabische Studiengruppe Diabetes (AGSD) hat für das Nachbarland Syrien eine Aufstellung zur Diabetessituation herausgegeben. Danach beläuft sich in Nord- und Ostsyrien die Diabeteshäufigkeit auf über 9 Prozent der Bevölkerung, wobei keine Einteilung in die Diabetestypen vorliegt. Durchschnittliche Werte für glykiertes Hämoglobin als Messgröße der diabetischen Stoffwechselkontrolle (HbA1c) in der syrischen Universitätsklinik von Aleppo werden mit sehr hohen 9,3% angegeben, schwerwiegende Spätfolgen sind offenbar in der Region sehr häufig. Vom Ziel der hiesigen Aufklärungskampagne zum Langzeitblutzucker-Wert "HbA1c - gesünder unter 7" ist man dort also noch sehr weit entfernt.

Überträgt man mit aller Vorsicht die vorhandenen Daten aus den arabischen Ländern auf die Bevölkerung des Irak und rechnet man selbst die niedrigsten Schätzungen auf dieses Land um, so sind im Irak wenigstens eine Million Diabetespatienten zu erwarten. Wenn auch nur weniger als ein Zehntel dieser Diabetiker insulinpflichtig ist und Zugang zu einer entsprechenden Therapie erhalten hat, so sind diese Zehntausende jetzt aktuell ohne Nachschub und Betreuung, ohne Teststreifen, Traubenzucker und Glucagon, ohne Kanülen, Spritzen und Insulin. Wahrscheinlich ist die Zahl der Betroffenen noch deutlich höher.

Eine große Zahl der irakischen Diabetiker wird auch ohne den aktuellen Krieg aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Lage des Landes zuvor kaum eine moderne Insulintherapie erhalten haben. Der Krieg verschärft jedoch die Verknappung der Mittel des Gesundheitswesens noch weiter und entzieht immer den Schwächsten in der Gesellschaft Schutz und Fürsorge.

Humanitäre Hilfe

Neben der akuten Nothilfe, der Versorgung von Kriegsopfern und Flüchtlingen, besteht eine vorrangige Aufgabe der humanitären Hilfe in einem möglichst schnellen Wiederaufbau der Versorgungsstrukturen und des Gesundheitswesens im Irak.

Die Weltgesundheitsorganisation geht hierfür von einem Finanzbedarf von zunächst 325 Millionen US-Dollar alleine für die Sicherstellung von Ernährung, Wasserversorgung und Gesundheitsversorgung für die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen dort aus: "Diese bedeutende Investition ist erforderlich, um die gesundheitliche Versorgung sicherzustellen, einerseits für Menschen, die während der Kampfhandlungen verletzt wurden und andererseits für diejenigen, deren Gesundheit aufgrund zerstörter Infrastruktur leidet.

In den kommenden Monaten werden wir weitere Finanzmittel benötigen, um das öffentliche Gesundheitswesen dort wieder aufzubauen, wo es am dringendsten gebraucht und am stärksten zerstört wurde", so die Generaldirektorin am 29. März 2003.

Nicht zuletzt die Diabetiker im Irak warten so verzweifelt auf Hilfe aus dem Ausland.

Prof. Dr. med. Joachim Gardemann, 09.04.2003

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Quellen

Text- Bildquelle: Prof. Joachim Gardemann

zuletzt bearbeitet: 09.04.2003 nach oben

Wir danken Herrn Prof. Gardemann für seinen interessanten Beitrag, der gleichzeitig informieren und zu Spenden aufrufen soll.

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Dr. phil. Axel Hirsch

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