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Weltdiabetestag 2006 - Bedeutung, Hintergrundinformationen und Aktionen

Das Diabetes-Portal DiabSite im Gespräch mit Prof. Dr. Eberhard Standl

Professor Dr. Eberhard Standl Professor Dr. Eberhard Standl, Diabetologe DDG, außerplanmäßiger Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und Vorsitzender der Forschergruppe Diabetes in München, ist seit 10 Jahren Chefarzt im Städtisch-Akademischen Lehrkrankenhaus München-Schwabing. Seine Spezialgebiete sind Diabetes und Gefäßerkrankungen sowie kardiovaskuläre Komplikationen bei Diabetes. Für seine Verdienste um die Diabetologie erhielt Standl bereits zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2006 die Albert-Renold-Plakette der EASD (European Association for the Study of Diabetes). Der Herausgeber unzähliger Zeitschriften engagiert sich unermüdlich Engagement in vielen medizinischen Fachgesellschaften und anderen Organisationen. Standl, Vizepräsident der Internationalen Diabetes-Föderation und der EASD, ist seit Januar 2003 auch Präsident der Deutschen Diabetes-Union. Damit obliegt ihm die Organisation der Zentralveranstaltung zum Weltdiabetestag in Deutschland.
Anlässlich des Weltdiabetestages 2006 beleuchtet Professor Dr. Eberhard Standl das Motto des Aktionstags, informiert über Hintergründe und berichtet exklusiv für das Diabetes-Portal DiabSite über Defizite in der Diabetiker-Versorgung.

DiabSite:
Herr Professor Standl, am 14. November ist Weltdiabetestag. Welche Bedeutung hat dieser Tag und warum wird er weltweit am 14. November begangen?
Standl:
Der Weltdiabetestag wurde 1991 von der Internationalen Diabetes-Föderation angesichts der weltweit rasant wachsenden Zahl von Diabetikern ins Leben gerufen. Mit diesem internationalen Aktionstag wollen wir das öffentliche Interesse auf die Ursachen, die Symptome und die Behandlung des Diabetes mellitus lenken. Das Datum für den Weltdiabetestag ist der 14. November, der Geburtstag von Frederick G. Banting, der gemeinsam mit Charles Herbert Best 1921 das lebenswichtige Hormon Insulin entdeckte, dem seither Millionen Diabetiker ihr Leben verdanken. Doch dieser Tag ist in über 150 Ländern der Erde nicht nur ein Gedenktag, sondern vor allem ein Aktionstag, an dem es um die großen Fragen rund um den Diabetes und natürlich auch, um zu verbessernde Potenziale für die Menschen mit Diabetes geht.
DiabSite:
Die International Diabetes Federation vergibt jedes Jahr ein eigenes Thema für die Aktionen zum World Diabetes Day. Wie lautet das Motto für den Weltdiabetestag 2006?
Standl:
In diesem Jahr steht die Kampagne unter dem Motto "Gute Versorgung für jeden". Keiner soll also von einer optimalen Diabetikerversorgung ausgeschlossen werden. Doch leider gibt es in diesem Bereich noch immer Defizite.
DiabSite:
Welche Menschen mit Diabetes sind in Deutschland besonders benachteiligt?
Standl:
Wenn man an Deutschland denkt, so sind zum Beispiel Migranten in mehrfacher Hinsicht, aber auch Menschen mit sozialer Problematik oder Aidskranke benachteiligt. Es gibt viele Gruppen, die wir am Weltdiabetestag fokussieren, weil für sie besondere Konzepte erarbeitet und angeboten werden müssen. Ich denke vor allem an türkische Diabetes-Patienten - und hier insbesondere an die Frauen - die ja oft aufgrund von Sprachproblemen die angebotenen Diabetes-Informationen kaum aufnehmen können. Die haben natürlich Riesenprobleme. Sie brauchen unbedingt Ernährungsempfehlungen, Hinweise zur Blutzuckerselbstkontrolle und Therapieanpassung etc. auf Türkisch und müssten eigentlich auch vieles praktisch gezeigt bekommen, damit sie die Steuerung des Diabetes selbst in die Hand nehmen können. Dann möchte ich einmal das Schlagwort Hartz-IV-Empfänger nennen - eine Gruppe, in der es sehr viele Diabetiker gibt, die sich nicht alles leisten können. Hier müssen wir nach Strategien suchen, wie man diese Menschen mit Diabetes trotzdem gut versorgen kann. Außerdem gibt es Diabetiker mit zusätzlichen Krankheiten, die eine Diabetesbetreuung von vornherein schwierig machen. Da könnte man das Beispiel von Kindern mit Down-Syndrom nehmen, die sehr häufig auch einen Diabetes haben. Für Benachteilungen in der Diabetes-Versorgung spielen viele soziale, aber auch rein medizinische Aspekte eine Rolle.
DiabSite:
Und was ist mit denen, die durch das aktuelle politische Geschehen benachteiligt werden? Ich nenne hier einmal die Aspekte "Gesundheitsreform" und "Insulinanaloga".
Standl:
Diabetes ist natürlich eine sehr häufige Krankheit, die hohe Kosten im Gesundheitssystem verursacht. Da gibt es zum einen die Kosten, die wirklich dem Diabetes zuzuordnen sind, hinzu kommen die Kosten für die Behandlung von Spätkomplikationen.
DiabSite:
Bedeuten Diabetiker wirklich so einen so hohen Kostenfaktor für das Gesundheitswesen?
Standl:
Ja. Das hat einmal mit der Zahl zu tun, die irgendwo bei 6,5 Millionen liegt, aber auch mit der Vielzahl von Folgeschäden. Und das meiste Geld wird leider für Folgeschäden ausgegeben. Das liegt auch daran, dass die Präventionskultur in Deutschland wenig ausgeprägt und dringend reformierungsbedürftig ist. Die enormen Gesundheitskosten für Diabetiker lenken das Augenmerk der Politik auf den Diabetes, der die Volkswirtschaft natürlich interessieren muss. Und deshalb sind in letzter Zeit viele Interessengruppen auf den Plan gekommen, die die Versorgung für Diabetiker möglichst kostengünstig machen möchten. Dabei kommen die Patienten jedoch in hohem Maße zu kurz. Wenn ich zum Beispiel an die kurzwirksamen Insulinanaloga denke: Der normale Mensch mit Diabetes kann nicht verstehen, warum plötzlich das, was ihm fünf Jahre gut geholfen hat, jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen soll. Und der mögliche Spargewinn ist ja minimal - vor allem, wenn man die Kosten der Umstellung auf ein anderes Insulin mitrechnet, die ja zusätzliche Ressourcen verschlingt.
Insofern finde ich als Präsident der Deutschen Diabetes-Union die Rabattregelungen durchaus konstruktiv - auch wenn durch die verschiedenen Einzelverträge, die jetzt große Krankenkassen mit Insulinherstellern geschlossen haben, erst einmal eine chaotisch-konstruktive Situation entstanden ist. Doch immerhin sind Analoginsuline dadurch für rund ein Drittel der Versicherten (mindestens 15 Millionen aus der gesetzlichen Versicherung und rund 10 Millionen privat versicherte) weiterhin verordnungsfähig. Und eine Zwei-Klassen-Medizin - das wollen wir alle nicht. Ich bin jedenfalls guter Hoffnung, dass - wenn auch über einen etwas chaotischen Umweg - die Sache wieder ins Lot kommt.
DiabSite:
Eine "Gute Versorgung für jeden" scheitert vor allem in ländlichen Regionen oft am Mangel diabetologisch versierter Ärzte. Was gedenken Sie dagegen zu tun?
Standl:
Bevor wir etwas dagegen tun können, müssen wir erst einmal konkrete Zahlen der Diabetiker und über die Qualität ihrer Versorgung haben. Darum kümmert sich gerade das Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus (NAFDM), das eine Ausgründung der Deutschen Diabetes-Union ist. Schaut man sich zum Beispiel die bisher von anderer Seite veröffentlichten Zahlen zum Erfolg der DMPs für Typ-2-Diabetiker an, könnte man annehmen, wir hätten unglaublich gesunde Diabetiker, die zu 97 Prozent keine Spätkomplikationen und meist auch keinen hohen Blutdruck haben. Angesichts der Tatsache, dass dies in der Praxis ganz anders aussieht, muss die Frage erlaubt sein: Wie repräsentativ sind diese Daten? Das Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus will diese Wissenslücke schließen, damit unter anderem für politische Entscheidungen objektive Kriterien gelten, die auf möglichst gesicherter Daten basieren.
DiabSite:
Herr Professor Standl, als Präsident der Deutschen Diabetes-Union haben Sie die bundesweite Hauptveranstaltung zum Weltdiabetestag organisiert. Welche der von Ihnen genannten Defizite in der Diabetikerversorgung wollen Sie am Aktionstag in den Fokus stellen?
Standl:
Im Mittelpunkt des Aktionstages, der am 14. November 2006 im Berliner Congress Center am Alexanderplatz stattfindet, steht der Diabetes bei besonderen Patientengruppen. Dazu gehören Kinder, Migranten, Obdachlose, Aidskranke, Behinderte und so weiter. Wir werden an diesem Tag Workshops durchführen und Hilfsbedürftige in zehn verschiedenen Sprachen über Diabetes informieren. Außerdem wird es Schulungsmaterial in türkischer und russischer Sprache geben, damit viele von diesem Angebot profitieren. Unabhängig davon sollen aber nicht nur die Menschen mit Diabetes ins Berliner Congress Center kommen, sondern eigentlich ist jeder eingeladen, der sich interessiert und über das Neueste auf dem Gebiet der Diabetologie informiert werden will.
DiabSite:
Sind darüber hinaus weitere Aktionen zum Weltdiabetestag geplant?
Standl:
Natürlich gibt es neben dieser zentralen Veranstaltung deutschlandweit viele weitere Aktionen, beispielsweise von Apotheken, Selbsthilfegruppen und Ärzten. Außerdem plant das Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus für das nächste Jahr eine große Awareness-Kampagne, mit der wir noch einmal das Augenmerk auf das Problem des Diabetes und seine bestmögliche Versorgung lenken.
DiabSite:
Neuerdings tritt der Typ-2-Diabetes auch immer häufiger bereits bei Kindern und Jugendlichen auf. Könnten junge Menschen mit dem so genannten "Alterszucker" besser versorgt werden?
Standl:
Richtig. Der Typ-2-Diabetes tritt in einem immer jüngeren Lebensalter auf und sogar schon bei Kindern und Jugendlichen. Dies trifft vor allem für ethnische Minderheiten oder Einwanderungspopulationen zu. Da diese Gruppen oft in Parallelgesellschaften leben, muss hier frühzeitig - beispielweise über die ausländischsprachigen Zeitungen - in den wichtigsten Sprachen über Diabetes informiert werden. Wie die Informationen ausgearbeitet und am besten vermittelt werden können, auch darüber wird am Weltdiabetestag 2006 diskutiert. Das ist eine große Herausforderung für die Zukunft.
DiabSite:
Herr Professor Standl, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autor: hu; zuletzt bearbeitet: 13.11.2006 nach oben

Bildunterschrift: Prof. Dr. Eberhard Standl
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

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