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Erkältung, Grippe, Vogelgrippe und Diabetes mellitus

Das Diabetes-Portal DiabSite im Gespräch mit Dr. Yvonne Deleré

Dr. Yvonne Deleré Die Bevölkerung und vor allem die Menschen mit Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen sind angesichts der drohenden Grippe-Erkrankungen verunsichert. Nicht genug, dass in der kalten Jahreszeit wieder Husten, Schnupfen und Heiserkeit drohen, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte zudem eine Grippewelle auftreten, und schließlich berichten die Medien täglich vom Näherrücken der Vogelgrippe mit dem gefährlichen H5N1-Virus. Das Diabetes-Portal DiabSite wollte wissen, was es mit so vielen Grippeformen auf sich hat und fragte beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin nach. Dr. Yvonne Deleré (35), Fachärztin für Allgemeinmedizin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Infektionsepidemiologie am RKI und tätig in der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI, stellte sich den Fragen.
Im Interview mit dem Diabetes-Portal DiabSite erklärt Frau Dr. Deleré die Unterschiede der als Grippe bezeichneten Erkrankungen und für wen eine Grippe-Schutzimpfung sinnvoll ist.

DiabSite:
Frau Dr. Deleré, wenn im Winter die Nase läuft, die Glieder schmerzen und der Kopf brummt, denken viele gleich an "Grippe". Aber ist so eine Erkältung wirklich schon eine Grippe? Und warum ist die Vogelgrippe noch einmal etwas ganz anderes?
Deleré:
Einen grippalen Infekt hat jeder von uns schon einmal durchgemacht. Im Vordergrund stehen eine laufende oder verstopfte Nase, eventuell Husten, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und manchmal erhöhte Temperatur oder Fieber. Hervorgerufen wird ein grippaler Infekt durch unterschiedliche Viren (z.B. Rhinoviren, Adenoviren). Die medikamentöse Behandlung erfolgt in der Regel nur symptomatisch, denn der Infekt klingt von selbst wieder ab.
Eine Grippe-Erkrankung (Influenza) reicht von relativ harmlosen bis zu schwersten Verläufen mit tödlichem Ausgang. Die Hauptsymptome sind plötzlich auftretendes hohes Fieber von über 39 Grad Celsius, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, Schweißausbrüche, allgemeine Schwäche, Kopfschmerzen, Halsschmerzen und trockener Reizhusten. Ausgelöst wird die Erkrankung durch Influenza A- und B-Viren. Für Patienten mit einer schon bestehenden Erkrankung, z.B. Diabetes, kann die echte Virusgrippe sehr gefährlich werden.
Die "Vogelgrippe" ist, wie der Name schon sagt, eine Erkrankung des Geflügels, hervorgerufen durch sogenannte Vogel-Influenzaviren. Menschen können in aller Regel nur sehr schwer durch diese Viren infiziert werden. In Asien hat das Vogelgrippevirus H5N1 jedoch bei einigen Menschen nach engem Kontakt mit Geflügel schwere Erkrankungen, auch mit tödlichem Ausgang, verursacht. Die Vogelgrippe kann mit grippeähnlichen Symptomen beginnen. Im weiteren Verlauf können Lungenentzündungen, Magen-Darm-Beschwerden und Schädigungen innerer Organe auftreten.
DiabSite:
Nach einem vielerorts ungewöhnlich sonnigen und warmen Herbst steht mit sinkenden Außentemperaturen nun die Erkältungszeit vor der Tür. Viele Menschen husten und niesen bereits. Sollten Diabetiker sich vor einem grippalen Infekt besonders schützen und welche wirksamen Vorbeugungsmaßnahmen gibt es?
Deleré:
Die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung eines grippalen Infekts ist die Stärkung der Abwehrkräfte. Dazu dienen: Bewegung an frischer Luft, eine gesunde vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung mit entsprechender Trinkmenge, der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten und eine ausreichende Luftfeuchtigkeit in den Räumen zum Schutz vor einer Austrocknung der Schleimhäute. Zudem sollten Infektionsgefährdete den engen Kontakt zu Erkrankten und große Menschenansammlungen vermeiden.
DiabSite:
Soviel zum Thema Erkältung. An einer Grippe, die durch Influenza-Viren ausgelöst wird, sterben auch in Deutschland jedes Jahr einige Tausend Menschen. Sollten sich Diabetiker grundsätzlich gegen Grippe impfen lassen, oder wem empfiehlt die Ständige Impfkommission vor Beginn der Grippezeit in jedem Fall eine Grippeschutzimpfung?
Deleré:
Für Personen über 60 Jahre, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens, wie z.B. chronische Erkrankungen der Luftwege, chronische Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes, wird eine jährliche Grippeimpfung im Herbst empfohlen. Auch medizinisches Personal in Krankenhäusern und in der Altenpflege sollte geimpft werden, damit die von ihnen betreuten Personen nicht angesteckt werden. Weiterhin sollten sich alle Beschäftigten an Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr durch eine Impfung schützen.
DiabSite:
Kann es zwischen Diabetesmedikamenten und dem Grippeimpfstoff zu Wechselwirkungen kommen?
Deleré:
Bei der Grippeimpfung handelt es sich um einen Totimpfstoff. Eine abgeschwächte Form der Erkrankung kann nicht ausgelöst werden. Wechselwirkungen zu einer medikamentösen Therapie sind bei regelhafter Anwendung daher nicht zu erwarten.
DiabSite:
Aktuell sind vielerorts keine Impfstoffe zu bekommen. Was tun? Müssen ältere Menschen und chronisch Kranke wie Diabetiker jetzt sterben? Wann werden wieder ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stehen?
Deleré:
Aufgrund der Diskussion um die Vogelgrippe wollen sich in diesem Jahr nach einer Umfrage deutlich mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen als in den vergangenen Jahren. Die aktuelle Impfung schützt allerdings nicht vor der Vogelgrippe. Damit es nicht zu einem Engpass bei der Impfung der Gruppen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung kommt, empfehlen Paul-Ehrlich-Institut und Robert Koch-Institut, zunächst die Impfung der durch die jährliche Grippewelle besonders gefährdeten Gruppen durchzuführen. Die Impfstoffhersteller haben zugesagt, zeitnah weitere Impfstoffdosen zur Verfügung zu stellen.
DiabSite:
Gibt es neben der Impfung sinnvolle Maßnahmen, sich vor einer Grippe zu schützen?
Deleré:
Die oben erwähnten Maßnahmen zur Stärkung der körpereigenen Abwehr stehen auch hier im Vordergrund und können das Risiko einer Grippeinfektion vermindern. Zudem ist es ratsam, Einwegtaschentücher zu verwenden und auf eine gute Händehygiene zu achten. Außerdem sollten Risikogruppen beim Auftreten einer Grippewelle große Menschenansammlungen vermeiden.
DiabSite:
Frau Deleré, die Meldungen in den Medien sind dieser Tage beängstigend. Neben den Warnungen vor einer drohenden Grippeepidemie berichten alle Nachrichtensender und die Startseiten der Tageszeitungen im Internet über die Vogelgrippe. Sie hat bereits Europa erreicht und rückt Deutschland von Tag zu Tag näher. In Asien sind Menschen an der Vogelgrippe, sprich an dem besonders schlimmen Virus H5N1, erkrankt und sogar gestorben. Wie schätzen Sie die aktuelle Gefahr für Menschen in Deutschland ein, an der Vogelgrippe zu erkranken?
Deleré:
Ein nach Deutschland eingeschlepptes Vogelgrippevirus wäre in erster Linie für das Geflügel eine Bedrohung. Würde die Vogelgrippe auch in Deutschland auftreten, müssten Personen mit engem Kontakt zu kranken Tieren geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen. Für die allgemeine Bevölkerung ist in Deutschland jedoch im Augenblick kein Risiko erkennbar.
DiabSite:
Haben Menschen mit einer Grippeschutzimpfung gleichzeitig einen wirksamen Schutz gegen die Vogelgrippe?
Deleré:
Nein, die normale Grippeimpfung bietet keinen Schutz vor der Vogelgrippe.
DiabSite:
Wenn innerhalb der nächsten Wochen oder Monate ein Impfstoff gegen den Vogelgrippe-Virus H5N1 zur Verfügung steht, kann dieser dann auch Diabetikern gegeben werden?
Deleré:
Diese Situation ist derzeit wirklich theoretisch. Aber sollte ein Impfstoff für Menschen vorliegen und die Gabe empfohlen werden, wird sich seine Anwendung nicht von dem bisherigen Impfstoff unterscheiden und somit auch für chronisch kranke Patienten möglich sein.
DiabSite:
Können gerade chronisch Kranke und ältere Menschen gegebenenfalls zwei Impfungen innerhalb kurzer Zeit verkraften?
Deleré:
Wir setzen uns täglich mit bis zu 200 verschiedenen Mikroorganismen auseinander. Zwei oder mehr Impfungen hintereinander sind für das Immunsystem kein Problem.
DiabSite:
Wie können sich Menschen mit und ohne chronische Erkrankungen darüber hinaus vor der Vogelgrippe schützen?
Deleré:
Für die allgemeine Bevölkerung werden keine besonderen Schutzmaßnahmen empfohlen. Auslandsreisen in Gebiete mit bestätigten Fällen von Influenza A(H5N1), wie es medizinisch korrekt heißt, werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt vom Auswärtigen Amt als unbedenklich angesehen. Der Kontakt mit lebendem oder totem Geflügel, z.B. auf Geflügelmärkten, sollte jedoch vermieden werden.
DiabSite:
Derzeit gibt es überall Informationen zur Vogelgrippe. Wo können sich Interessierte informieren, wenn sie aktuelle und gesicherte Informationen suchen?
Deleré:
Aus Forschung und Wissenschaft stehen in diesen Tagen wirklich fast jeden Tag neue Informationen zur Vogelgrippe bereit. Aktuelle Beiträge rund um Infektionskrankheiten finden interessierte Besucherinnen und Besucher des Diabetes-Portals DiabSite auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts
DiabSite:
Frau Dr. Deleré, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autor: hu; zuletzt bearbeitet: 24.10.2005 nach oben

Bildunterschrift: Dr. Yvonne Deleré
Bildquelle: privat

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