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60 Jahre Diabetes - Eine Festrede

Foto: Maria Fleischmann. Bis zur Entdeckung des Insulins bedeutete die Diagnose Typ-1-Diabetes, dass der Patient nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Auch in den folgenden Jahrzehnten erreichten nur wenige Diabetiker das Rentenalter, weil Medikamente und Therapie noch unausgereift waren.
Bei Maria Fleischmann wurde der Diabetes mellitus 1944 festgestellt. Wenn es im Krieg das lebenswichtige Insulin nicht gab, musste die junge Diabetikerin hungern. An Blutzuckerselbstkontrolle, intensivierte Insulintherapie oder gar Insulinpumpen dachte damals noch niemand. Aber Frau Fleischmann, auch heute noch voller Lebenskraft, Humor und Tatendrang, hat es geschafft: In diesem Jahr feierte sie ein Jubiläum der besonderen Art: 60 Jahre Diabetes! Politisch im Vorstand des Ortsverbands aktiv, sozial im Katholischen Frauenbund und im Deutschen Diabetikerbund engagiert, kümmert sie sich "ganz nebenbei" um eine große Familie. Für ihre drei Kinder, acht Enkelkinder und drei Urenkel ist sie immer da. Wie sie das schafft? Mit viel Herz und Gottvertrauen!

Kriegs- und Nachkriegszeit

Denjenigen, die wissen wollen wie ein Leben mit Diabetes über 60 Jahre aussieht, erzähle ich meine Geschichte im Zeitraffer. Mein Name ist Maria Fleischmann. Am 15. Mai 1944 erfuhr meine Mutter, dass ich Diabetes habe. Das war damals eine schlimme Zeit. Es gab fast kein Insulin und kaum irgendwo eine Spritze. Aber ich hatte Glück, denn mein Vater war in einer Sanitätskompanie, und er besorgte mir eine Spritze. Nur dadurch konnte ich aus der Klinik entlassen werden.

Das Insulin wurde auf Wegen organisiert, die heute unvorstellbar sind. Wir bekamen es manchmal im Tausch gegen einen Stallhasen oder durch die guten Beziehungen unseres Pfarrers in die Schweiz.

Die Entdeckung des Insulins lag gerade einmal 20 Jahre zurück. An eine Blutzuckerselbstkontrolle war noch überhaupt nicht zu denken. So gab es in den Zeiten von Hunger und Insulinmangel oft Monate, in denen ich zwischen Klinik und Zuhause hin und her pendelte. Selbst meinen 11. Geburtstag musste ich in der Klinik verbringen. Ich erinnere mich dennoch mit Freude an diesen Tag, denn als Geschenk bekam ich eine große Schüssel Heidelbeeren. Diabetiker durften Obst damals ohne eine Anrechnung auf den strengen Diätplan essen. Hunger hatte ich immer.

Mit Hilfe meiner Mutter, die sehr streng mit mir war, überstand ich die ersten, schlimmen Jahre.

In der Schule, die anderen Kinder merkten oft gar nicht, dass ich Diabetes habe, fehlte ich oft. 1952, nach der Mittleren Reife und in der Zeit der großen Arbeitslosigkeit, fand ich eine Lehrstelle im Büro. Ich war noch ein Teenager und das schöne Leben mit Ausgehen und Tanzen konnte endlich beginnen.

Nach manch durchtanzter Nacht war nicht mehr einzuschätzen wie hoch der Blutzucker war. Also spritzte ich Insulin. Wenn sich dann ein leichter Unterzucker einstellte, wusste ich wieder wo ich stand und konnte essen und trinken. Ja, ein Doktor hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn der erfahren hätte, was ich oft getrunken und gegessen habe. Ich war weiß Gott keine Idealpatientin, wie der behandelnde Professor einmal feststellte.

Kurz vor der Prüfung zum Industriekaufmann stürzte ich im Betrieb die Treppe hinunter und holte mir eine Gehirnerschütterung an einem Gummibaum. Mit einer Verzögerung von einem halben Jahr bestand ich meinen Abschluss mit Auszeichnung.

Familiengründung und Hausbau

In dieser Zeit lernte ich meinen späteren Mann kennen. Pfingsten 1955 wurde trotz des Widerstandes beider Eltern Verlobung und ein Jahr später die Hochzeit gefeiert. Kurz darauf war ich in Umständen. Mit dem Zucker ging es während der Schwangerschaft ganz gut, obwohl ich heute denke, dass ich so manches Mal in Ohnmacht gefallen wäre, wenn ich meine Blutzuckerwerte gewusst hätte. Aber so lebte ich glücklicher, und mit der Hilfe von Chefarzt Schmidt kam 1957 unsere erste Tochter zur Welt.

Anfang der 60er Jahre wurde unser Traum vom eigenen Haus wahr. Zum Richtfest erblickte nach einer schweren Schwangerschaft, bei der Chefarzt Schmidt sein großes Können zeigte, der erste Sohn das Licht der Welt. Voller Stolz fragte ich meinem Mann: "Richtfest und Stammhalter, was willst Du mehr?". Es folgten schöne Jahre in denen wir oft bis tief in die Nacht mit Freunden zusammensaßen und tranken und aßen. Das ging auch ohne Selbstkontrolle mit dem Diabetes ganz gut.

1967 war ich erneut schwanger. Das war nicht geplant, aber ohne Pille passierte es eben. Trotz der Proteste aller Ärzte kam unser Nesthäkchen gesund zur Welt. Mein dritter Kaiserschnitt und meine dritte Schwangerschaft mit Diabetes und ohne Selbstkontrolle. Für heutige Verhältnisse ist das unvorstellbar. Ganz spurlos ging es dann doch nicht an mir vorbei. 1970 hatte ich einen Nervenzusammenbruch und es dauerte bis ich wieder die Alte war.

Engagement für den Diabetes

1973 wurde ich eine frohe und junge Großmutter: Der Nachfolger von Chefarzt Schmidt verstand herzlich wenig vom Diabetes und so kamen viele Diabetiker rat- und hilfesuchend zu mir. Ich wiederum suchte Hilfe beim Deutschen Diabetiker Bund (DDB) und gründete den Vorläufer einer Selbsthilfegruppe.

Ein junger Arzt eröffnete seine Praxis in Forchheim, und ich merkte sofort, dass er etwas vom Diabetes verstand. Solche Ärzte waren damals rar. Herr Müller-Kengelbach wurde für die nächsten 25 Jahre mein Hausarzt. Kein "Gott in Weiß", vielmehr ein "Kumpel in Weiß".

Therapieveränderungen und Blutzucker-Selbstkontrolle

Mitte der 70er Jahre spielte der Blutzucker mal wieder verrückt. Mein Hausarzt drängte, dass er wieder in Ordnung kommen müsse. Das war damals nur in einer Klinik möglich. Er schickte mich in die weit entfernte Diabetesklinik in Bad Oeynhausen, aber ich habe es nicht bereut. Mit täglich vier Spritzen und Selbstkontrolle mit Spontan-Urin gab es keine nächtlichen Schocks mehr und eine größere Unabhängigkeit. Das waren Zeiten!

1980 wurde mir - und darauf war ich schon stolz - die Medaille "Sieg über den Diabetes" verliehen. Zwei weitere Enkelkinder und unsere Silberhochzeit folgten.

1982 begann ich mit der Blutzuckerselbstkontrolle, und vom 22. November 1983 stammt mein erster HBA1-Wert. Mein Hausarzt freute sich, denn nun konnten seine Diabetiker ihn nicht mehr mittels "Blitz-Diäten" beschummeln. Der Langzeitblutzucker zählt.
Zwei Jahre später bekam ich meine erste Insulinpumpe, obwohl der Doktor anfangs meinte, ich sei zu alt dafür. Das war eine gewaltige Umstellung nach 40 Jahren Spritze. Fast drei Monate kämpfte ich mit der komplizierten Pumpe und mit mir. Heute würde ich die Insulinpumpe nicht wieder hergeben!

Wie nah Freude und Trauer oft beieinander liegen

Mitte der 80er Jahre wurde in Forchheim der Bezirksverband des Deutschen Diabetiker Bundes gegründet.
In der Nacht vor der Hochzeit meines Sohnes am 17. August 1991 hatte ich einen heftigen Unterzucker. Meinem Mann und meiner jüngsten Tochter gelang es, mich wieder auf die Beine zu stellen. Gott sei Dank gibt es Glucagon! Am Hochzeitstag hat keiner etwas gemerkt.

Ein Jahr später ging ich wieder in die Klinik nach Bad Oeynhausen. Fanden sich bei mir Spätkomplikationen? Konnte ich meinen 60. Geburtstag 1993 fröhlich begehen? Bei der Schlussbesprechung sagte mir Prof. Petzold: "Sie können feiern. Es ist alles in Ordnung!". Ich nahm erneut an einer Meditation mit Bergwandern teil. Wir bestiegen einen 2000er. Im selben Jahr feierten wir groß "10 Jahre DDB-Bezirksverband Forchheim".

1994 musste ich mich auf eine neue Insulinpumpe umstellen. Ja, beim Diabetes lernt man nie aus! Kurz darauf ging ein Traum in Erfüllung: 15 Tage mit dem Diabetesexpress durch Schweden und Norwegen. Nach sechs Tagen versagte meine Pumpe und ich musste wieder spritzen. In dieser Zeit merkte ich, wie viel mir die Pumpe bedeutet.

1998 war eine zweite Staroperation am Auge fällig. Sie brachte nicht den erhofften Erfolg, was nicht spurlos an mir vorüber ging. Zumal die Sehkraft immer schlechter wurde. Dennoch habe ich mich in den kommenden zwei Jahren intensiv um eine Diabetespraxis in Forchheim bemüht, was 2000 endlich von Erfolg gekrönt war.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts machten wir den ersten Anlauf für eine Eltern-Kind-Gruppe im DDB-Forchheim. Jetzt gibt es diese für Eltern und Kinder so wichtige Gruppe Dank des großen Engagements von Frau Danigel.

Das Jahr 2001 brachte Freude und Trauer: Die Hochzeit unserer jüngsten Tochter, die Geburt des 7. Enkelkindes und die Ehrenbrosche der Stadt Forchheim für die Arbeit mit den Diabetikern und den Frauen in Burk.

Im September des Jahres schloss mein Mann ganz plötzlich für immer die Augen. Das war sehr hart für mich, denn er hat 45 Jahre mit mir und meinem Diabetes gelebt. Er war immer für mich da. Von einem Tag auf den anderen änderte sich das ganze Leben! Später habe ich zweimal für längere Zeit bewusstlos mit einer Unterzuckerung in der Wohnung gelegen. Zwar bin ich immer wieder mit kleinen Blessuren aufgewacht, aber seither ruft mein Sohn mich jeden Abend an.

Aber das Leben geht weiter: Mit einem großen Diabetikertag wurde im Jahre 2003 "20 Jahre Diabetes-SHG Forchheim" gefeiert. Mir wurde die 1. Ehrenurkunde des DDB verliehen. An meinem 70. Geburtstag war wieder etwas los im Hause Fleischmann!

Das vorerst letzte freudige Ereignis war das 8. Enkelkind, das im Mai 2004 auf die Welt kam. Im Krankenhaus wurde ich durchgecheckt und bei der Entlassung fragte ich Herrn Prof. Belohlavek, ob ich meine 60 Jahre Diabetes denn feiern könne. Er antwortete: "Wir feiern, Frau Fleischmann".

So bin ich dem Herrgott dankbar, dass es mir nach 60 - nicht immer leichten - Jahren mit Diabetes noch so gut geht. Es haben sich zwar einige Wehwehchen eingestellt, aber ich bin ja auch schon über 70 Jahre alt.

Ich danke meiner Mutter und Chefarzt Schmidt, die leider nicht mehr unter uns sind, aber denen es zu verdanken ist, dass es mir noch so gut geht und ich drei gesunde Kinder habe. Vor allem danke ich meinem Mann, der 45 Jahr mit mir und meinem Diabetes gelebt hat, was gewiss nicht immer einfach war. Er kann heute nicht mehr mit uns feiern, aber vielleicht schaut er uns von oben schmunzelnd zu.

Ich danke meinem früheren Hausarzt und Prof. Belohlavek, der immer mit Rat und Tat zur Seite steht und sehr viel Zeit für den Deutschen Diabetiker Bund opfert und allen, die mir helfen und geholfen haben. Unseren jungen Leuten sage ich: "Habt Mut und schaut, dass auch ihr einmal 60 Jahre Diabetes feiern könnt. Ihr seht, es ist möglich!".

Vor allem danke ich dem Herrgott, der mich hoffentlich auch die kommenden Jahre genießen lässt. Denn ich lebe trotz der Wehwehchen und als Single noch gerne!

Maria Fleischmann
Typ-1-Diabetikerin mit Erfahrung

zuletzt bearbeitet: 20.10.2004 nach oben

Herzlichen Dank für Ihre Diab-Story und die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!

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