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Bonus durch Fitnessnachweis ein gutes Modell?

Pressemitteilung: Nachricht von transkript.de

Mit gesetzlichen Regelungen dafür sorgen, dass Fortschritte auch für Diabetiker möglich bleiben

Christoph Schmallenbach (PRO) und Jan Korte (KONTRA) Mit einem Bonus für gesundheitsbewusste Lebensführung will die Generali Deutschland ein Zeichen setzen. Andere sehen den Zugriff auf Gesundheitsdaten mit Sorge.

Pro: Christoph Schmallenbach, COO, CIO und Arbeitsdirektor Generali Deutschland Holding AG

Der Anteil der gesundheitsbewussten Menschen wächst nicht nur in Deutschland kontinuierlich. Viele Kunden erwarten daher heute von ihrer Versicherung eine risikogerechte Einordnung und Berücksichtigung ihres Verhaltens. Gesundheitsbewusstes Verhalten wiederum mit Bonuspunkten und Prämien zu belohnen, liefert zusätzlich einen Anreiz, sich tatsächlich zu bewegen und gesund zu ernähren. Die Generali-Gruppe beabsichtigt daher, in einer Kooperation Produkte mit dem international anerkannten "Vitality"-Gesundheitsprogramm anzubieten. Das Programm steht allen offen, auch Personen, die Vorerkrankungen haben. Alle Teilnehmer haben dieselben Startvoraussetzungen und erhalten stets die gleichen Punkte für die gleichen Aktivitäten.

Der sensible und vertrauenswürdige Umgang mit personenbezogenen Daten gehört zu den Kernkompetenzen eines Versicherers und ist für uns eine "Conditio sine qua non". Die Speicherung und Verarbeitung der Daten entspricht den besonders hohen deutschen Datenschutzanforderungen: Maßgebend sind das Bundesdatenschutzgesetz sowie der Code of Conduct der Versicherungsunternehmen, der für die Versicherungsbranche bindende Datenschutzanforderungen beinhaltet, die nochmals über die deutschen Regularien hinausgehen. Hierzu gehören auch: Transparenz, Erfordernis der Datenerhebung und Datensparsamkeit. Alle erhobenen Daten sind zweckgebunden. Details - welche Daten für "Vitality" genau abgefragt, über welchen Weg diese ermittelt und wo die Daten gespeichert werden - werden derzeit im Rahmen der Produktentwicklung geklärt.

Trotz risikogerechter Zuordnung bleibt die Gruppe als Versicherten-Kollektiv stets groß genug, um eine Streuung des Risikos zu erreichen. Versicherer erheben seit jeher Daten über die Risiken verschiedener Gruppen. Sterbetafeln, nach denen beispielsweise Lebensversicherungen berechnet werden, sind seit über 100 Jahren bei Versicherern im Einsatz. Die risikogerechte Tarifierung ist eines der Grundmerkmale der privaten Versicherungswirtschaft, zumal Kunden erwarten, dass die eigene Risikosituation Auswirkungen auf den Preis ihrer Versicherung hat. Dies gilt bereits heute für die Krankenversicherung, Kfz-Versicherung, Gebäudeversicherung und andere. Dieses Prinzip bleibt bei "Vitality"-Produkten erhalten.

Kontra: Jan Korte, MDB, Stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion DIE LINKE

Wenn Menschen etwas für Ihren Körper tun und sich gesund ernähren können, ist das positiv für ihr Wohlbefinden. Dass Krankenkassen das fördern, liegt in ihrem eigenen Interesse, denn mit gesunden Menschen verdienen sie Geld. Tarife mit einer Gesundheitsüberwachung durch Apps zu verbinden halte ich aber für extrem problematisch: Zum einen, weil diese Modelle die Gesundheitsproblematik individualisieren und zur weiteren Entsolidarisierung beitragen. Zum anderen, weil die Daten unserer Körper zu den persönlichsten zählen, die es überhaupt gibt.

Wer sich auf derartige Versicherungsmodelle einlässt, akzeptiert eine unterschwellige Fremdbestimmung - für ein paar Euro im Monat. Jedem und jeder Versicherten sollte die persönliche Freiheit mehr wert sein. Vor allem kann man nicht ausschließen, dass die preisgegebenen Daten einem irgendwann auf die Füße fallen. Die Gesundheitsdaten können dabei nicht isoliert betrachtet werden: Auch zum Beispiel GPS-, Fahrzeug-, Geräte- und Kommunikationsdaten wecken Verwertungsinteressen bei Unternehmen. Und schon heute können wir nicht frei darüber entscheiden, welche dieser Daten wir preisgeben wollen und welche nicht. Das bedarf dringend einer gesetzlichen Regelung. Gerade im Bereich Gesundheit müssen wir sicherstellen, dass Datenhunger nicht das enorme Potential neuer digitaler Anwendungen für die medizinische Behandlung und Versorgung zerstört. Wenn zum Beispiel Diabetiker sich zukünftig über intelligente Kontaktlinsen mit Smartphone-Verbindung einstellen könnten, wäre das ein massiver Gewinn an Lebensqualität. Aber nur wenn ausgeschlossen ist, dass Betroffene für die Nutzung solcher Hilfsmittel ihre Daten preisgeben müssen.

Die 24/7-Protokollierung und Verwendung unserer Körper- und Gesundheitsdaten - und darauf laufen Vorhaben wie von Generali hinaus – reduziert den Menschen auf eine in Echtzeit kontrollierte Maschine. Ich finde das befremdlich, auch wenn ich es den Krankenversicherern nicht einmal vorwerfen kann, denn das ist mehr oder weniger ihr Job. Die Frage ist aber, wo wir als Gesellschaft der Monetarisierung unserer privaten Daten - und damit unserer Lebensführung - Grenzen setzen wollen. Das sollten wir hier tun. Jedenfalls möchte ich nicht in einer Welt leben, in der die Selbstbestimmung abhängig davon ist, welchen Versicherungstarif man sich leisten kann.

Bildunterschrift: v.l.n.r. Christoph Schmallenbach, COO/CIO und Arbeitsdirektor Generali Deutschland Holding AG; Jan Korte, MDB, Stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion DIE LINKE
Bildquelle: Generali Deutschland Holding AG für PRO und TRIALON/Thomas Kläber für KONTRA.

zuletzt bearbeitet: 27.03.2015 nach oben

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