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Der stille Killer bei Diabetes - die autonome Neuropathie

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. med. Dan Ziegler, Stv. Direktor am Institut für Klinische Diabetologie des Deutschen Diabetes-Zentrums der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, im Rahmen einer Pressekonferenz von WÖRWAG Pharma anlässlich des Diabetes Kongresses 2014, 49. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), am 28. Mai 2014 in Berlin.

Eine oft vergessene Komplikation des Diabetes mellitus

Prof. Dr. med. Dan Ziegler Die autonomen diabetischen Neuropathien (ADN) wurden als klinische Entität erstmals im Jahr 1945 durch Rundless beschrieben. Sie wurden vielfach als "stumme" oder "vergessene" Komplikationen des Diabetes bezeichnet, da sie erst relativ spät im Verlauf des Diabetes mit schweren Symptomen einhergehen. Prinzipiell kann jedes autonom innervierte Organ von einer Funktionsstörung des peripheren autonomen Nervensystems betroffen sein.

Die ADN manifestiert sich durch mannigfaltige Funktionsstörungen mit bevorzugter Beteiligung des kardiovaskulären Systems sowie des Gastrointestinal- und Urogenitaltraktes. Die Beteiligung des autonomen Nervensystems weist auf eine ungünstige Prognose hin. Sie kann zu schwerwiegenden psychischen und physischen Beeinträchtigungen, wie orthostatischer Hypotonie, Stuhlinkontinenz oder Blasenlähmung sowie zu erektiler Dysfunktion, führen. Die kardiovaskuläre autonome diabetische Neuropathie (KADN) kann lebensbedrohliche Komplikationen mit erhöhter Sterblichkeit, wie den stummen Myokardinfarkt oder plötzlichen Tod, zur Folge haben.

Verdachtssymptome sind Ruhetachykardie, Orthostasesymptomatik, dyspeptische Symptome, postprandiale Hypoglykämien, Obstipation, Diarrhoe, Blasenfunktionsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, gestörte Hypoglykämiewahrnehmung, Schweißsekretionsstörungen und anderweitig nicht begründete Blutglukoseschwankungen.

Die Prävalenz der durch reduzierte Herzfrequenzvariabilität (HRV) nachgewiesenen KADN beträgt ca. 20 %. Neue Daten aus der KORA-Studie weisen darauf hin, dass die Prävalenz der pathologisch reduzierten HRV bereits bei Prädiabetes (gestörte Nüchternglukose/Glukosetoleranz) auf 13 % im Vergleich zu 6 % bei normaler Glukosetoleranz (NGT) ansteigt. Entsprechend den Empfehlungen der Konsensuskonferenz von Toronto sind zur Diagnose und Verlaufskontrolle mindestens zwei autonome Reflextests zur Erfassung einer KADN erforderlich. Die Basisdiagnostik der KADN sollte bei symptomatischen Patienten und bei Indikationsstellung für eine Therapie mit trizyklischen Antidepressiva erfolgen. Eine brauchbare Screeningmethode für die diabetische Gastroparese ist der 13C-Oktansäure-Atemtest.

Bei der medikamentösen Therapie der, mit Hilfe von physikalischen Maßnahmen nicht zu beherrschenden, orthostatischen Hypotonie hat sich der α-Rezeptorenagonist Midodrin als effektiv erwiesen. Bei manifester Gastroparese bietet sich die Therapie mit prokinetisch wirksamen Substanzen (Metoclopramid, Domperidon, Erythromycin) an. Wenn die diabetische Diarrhoe durch eine bakterielle Fehlbesiedlung bedingt oder erschwert wird, ist die Behandlung mit Breitbandantibiotika indiziert. Medikamentös kommen zur Erleichterung der Blasenentleerung Parasympathomimetika wie Carbachol infrage. Die Basistherapie der erektilen Dysfunktion besteht in der Bedarfseinnahme von Phosphodiesterase 5 (PDE 5)-Hemmern.

Zusammenfassend hat ein Zitat von Paul Kassander über die Gastroparese aus dem Jahr 1958, im Prinzip stellvertretend für die übrigen Manifestationen, nach wie vor seine Gültigkeit: "I believe that this syndrome is more often overlooked than diagnosed." Daraus ergibt sich, dass in der Praxis an die Möglichkeit einer ADN überhaupt gedacht wird und diese in einem frühen, einer Sekundärprävention zugänglichen, Stadium nachzuweisen, da klinisch symptomatische Stadien in der Regel aufgrund limitierter Wirksamkeit bzw. häufiger Nebenwirkungen der verfügbaren Substanzen schwierig zu behandeln sind.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Prof. Dr. med. Dan Ziegler
Bildquelle: WÖRWAG Pharma

zuletzt bearbeitet: 05.07.2014 nach oben

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