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"Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?"

Neues von der bundesweiten Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie

Frau mit Fuß am Ohr "Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?" ist das Motto der Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie, deren Startschuss im Mai vergangenen Jahres fiel. Seitdem reist die Informationstour quer durch Deutschland und informiert in Einkaufszentren und auf Gesundheitsmessen über diabetesbedingte Nervenschädigungen, um die Früherkennung und die rechtzeitige Therapie zu fördern. Gestern zogen die Initiatoren bei einer Pressekonferenz anlässlich der 49. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin ein vorläufiges Resümee: Im vergangenen Jahr wurden in 17 Städten über 700 Fuß-Checks durchgeführt. Deren Ergebnisse zeigen, dass bei etwa jedem zweiten Untersuchten ein Verdacht auf eine diabetische Neuropathie vorlag. "Viele der Untersuchten wussten zuvor nichts von dieser Erkrankung. Diese Daten unterstreichen, wie wichtig die Aufklärung zu diesem Thema ist", erklärte Professor Dan Ziegler, Düsseldorf, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Aufklärungsinitiative.

Die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats präsentierten aktuelle Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung zum Thema "diabetische Neuropathie". Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, erste Warnsignale dieser diabetischen Folgeerkrankung zu erkennen und ernst zu nehmen. Denn Kribbeln, Brennen, Schmerzen, Taubheitsgefühle oder ein vermindertes Empfindungsvermögen in den Füßen können Anzeichen einer diabetischen Neuropathie sein. Wer frühzeitig handelt, kann dem Voranschreiten der Nervenschädigung entgegenwirken und schwerwiegende Komplikationen vermeiden.

Die diabetische Neuropathie: unterschätzt, unterdiagnostiziert und folgenschwer

Zentrales Element der bundesweiten Aufklärungsinitiative "Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?" sind der einzigartige Barfuß-Parcours und die bei den Aktionstagen in Einkaufszentren und auf Gesundheitsmessen in ganz Deutschland vorgenommen Fuß-Checks. Hierbei untersuchen Podologen die Füße, überprüfen die Fußpulse und analysieren die Temperatur-, Druck- und Vibrations-wahrnehmung an den Füßen. So können sie feststellen, ob bei den Untersuchten ein Verdacht auf eine Neuropathie besteht.

Im ersten Jahr der Aufklärungsinitiative wurden über 700 Menschen in 17 Städten untersucht. "Die Ergebnisse zeigen, dass etwa bei der Hälfte der Untersuchten Anzeichen einer diabetischen Neuropathie vorliegen", erklärte Prof. Dr. med. Oliver Schnell, München. Die Auswertung ergab außerdem, dass mehr als zwei Drittel der Menschen mit Verdacht auf Neuropathie nicht wussten, dass sie an einer Nervenstörung leiden.

Ähnliche Ergebnisse zeigt eine aktuelle Auswertung von Daten der KORA-F4-Studie: 77 % Prozent der Patienten mit einem bekannten Diabetes und einer Neuropathie wussten nichts von ihrer Nervenerkrankung.[1] Unter den Neuropathie-Patienten mit neu diagnostiziertem Diabetes war der Anteil noch höher.

Auf die Füße hören: Neue Aspekte zur Diagnose der peripheren diabetischen Neuropathie

"Die Relevanz der peripheren diabetischen Neuropathie erfordert ein frühzeitig beginnendes Screening auf diese Komplikation des Diabetes mellitus", betonte Prof. Dr. med. Ralf Lobmann, Stuttgart, in seinem Vortrag. Aufgrund der Pathogenese des Diabetes und der oft schon vor dem Zeitpunkt der Diagnose der Erkrankung einsetzenden mikrovaskulären Störungen (Störung an kleinen Gefäßen, die u. a. die Nerven mitversorgen) treten diese Probleme bereits häufig zum Zeitpunkt der Diagnose des Diabetes mit auf. In den Disease Management Programmen und im Diabetes-Pass sind deshalb regelmäßige Untersuchungen zur Sensibilität und weitere Diagnostik einer peripheren Neuropathie vorgesehen.

Neben der Anamnese des Patienten und der klinischen Untersuchung der unteren Extremität gehört der Ausschluss von gefäßbedingten Veränderungen beim Diabetiker zum notwendigen Repertoire. Einfache klinische Tests bilden das Basisprogramm für die Diagnostik einer sensomotorischen Neuropathie: Die Testung der Sehnenreflexe, insbesondere der Achillessehnenreflexe, die Messung des Vibrationsempfindens mit der 128 Hz-Stimmgabel nach Rydel-Seiffer sowie das Testen des Druck- und Berührungsempfindens mit dem 10 g Monofilament. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch entsprechend evaluierte Fragebögen.

"Eine frühzeitige Diagnostik ermöglicht die Einleitung spezifischer Therapiemaßnahmen, bevor der 'point of no return' hinsichtlich des Nervenschadens aufgrund der Hyperglykämie erreicht ist", so Lobmann abschließend.

Neuropathie beim Diabetiker = Diabetische Neuropathie?

"Naturgemäß denken viele, wenn sich bei Patienten mit bekanntem Diabetes eine Neuropathie entwickelt, vornehmlich an Diabetes als Ursache", erläuterte Prof. Dr. med. Karlheinz Reiners, Würzburg. Weltweit sei Diabetes mellitus die häufigste, aber nicht die einzige bedeutsame Ursache für die Entwicklung einer Neuropathie. Obwohl erste Merkmale einer Neuropathie mit sensitiven Untersuchungsverfahren bereits im prädiabetischen Stadium der pathologischen Glukosetoleranz erkennbar sind, korrelieren in den meisten Fällen Zeitpunkt und Schwere einer diabetischen Neuropathie mit der Diabetesdauer und einer unzureichenden Stoffwechselführung.

Demzufolge finden sich klinisch relevante Ausprägungen einer diabetischen Neuropathie bevorzugt in der zweiten Lebenshälfte. "In dieser Altersgruppe sind jedoch auch Neuropathien anderer Genese mit differenzierter Therapie-Notwendigkeit gehäuft anzutreffen, so dass die diabetische Neuropathie eine Ausschluss-Diagnose darstellt", erklärte Reiners.

Hilfreich bei der Entscheidung, ob bei Menschen mit Diabetes eine nicht-diabetische Neuropathie-Ursache alternativ oder zusätzlich zum Diabetes bedacht und behandelt werde seien sogenannte "red flags", so Reiners weiter.

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Die autonome Neuropathie - der stille Killer

"Lange galten die autonomen diabetischen Neuropathien als stumme oder vergessene Komplikationen des Diabetes, da sie erst relativ spät im Verlauf des Diabetes mit schweren Symptomen einhergehen." Mit diesen Worten leitete Prof. Dr. med. Dan Ziegler, Düsseldorf, seinen Vortrag ein. Der Diabetes-Experte hob hervor, dass nahezu jedes autonom innervierte Organ von einer Funktionsstörung des peripheren autonomen Nervensystems betroffen sein kann. Die autonome diabetische Neuropathie (ADN) manifestiert sich durch vielfältige Funktionsstörungen mit bevorzugter Beteiligung des kardiovaskulären Systems sowie des Gastrointestinal- und Urogenitaltraktes. Die Prävalenz der durch reduzierte Herzfrequenzvariabilität (HRV) nachgewiesenen kardialen autonomen diabetischen Neuropathie (KADN) beträgt ca. 20 %.[2]

Die KORA-Studie hat gezeigt, dass Patienten mit KADN ein um 58 % erhöhtes Mortalitätsrisiko innerhalb von 9 Jahren gegenüber denen ohne KADN aufweisen.[3] Neue Daten der KORA-Studie weisen darauf hin, dass die Prävalenz der pathologisch reduzierten HRV bereits bei Prädiabetes (gestörte Nüchternglukose/Glukosetoleranz) auf 13 % im Vergleich zu 6 % bei normaler Glukosetoleranz ansteigt.[4] Entsprechend den Empfehlungen des Toronto Consensus Panel on Diabetic Neuropathy sind zur Diagnose und Verlaufskontrolle mindestens zwei autonome Reflextests zur Erfassung einer KADN erforderlich. "Die Basisdiagnostik der KADN sollte bei symptomatischen Patienten und bei Indikationsstellung für eine Therapie mit trizyklischen Antidepressiva erfolgen", erklärte Ziegler.

Er betonte, dass es in der Praxis wichtig sei, an die Möglichkeit einer ADN überhaupt zu denken, um diese in einem frühen, einer Sekundärprävention zugänglichen Stadium nachzuweisen. Denn klinisch symptomatische Stadien sind in der Regel aufgrund limitierter Wirksamkeit bzw. häufiger Nebenwirkungen der verfügbaren Substanzen schwierig zu behandeln.

Wenn’s in den Füßen kribbelt, sind auch die Muskeln betroffen. Praktische Tipps für Patienten

Neuropathien sind fortschreitende Funktionsstörungen peripherer Nerven, die alle Fasertypen (motorisch, sensibel und vegetativ) betreffen. "Die häufigste Form der diabetischen Nervenschädigung ist die distal-symmetrische sensomotorische Polyneuropathie, deren motorische Komponente ("Fußmuskelschwund") in der Regel übersehen wird", sagte Prof. Dr. med. Kristian Rett, Frankfurt. Wenn eine diabetische Neuropathie symptomatisch geworden ist, liegt häufig bereits ein fortgeschrittenes Erkrankungsstadium mit dann begrenzten therapeutischen Möglichkeiten vor. Daher ist eine möglichst frühzeitige Diagnose anzustreben.

"Der wichtigste Ernährungstipp im Hinblick auf die Polyneuropathie-Behandlung ist die Vermeidung von Blutzuckerspitzen, also die Reduktion raffinierter und Betonung komplexer Kohlenhydrate. Ein weiterer Tipp zur Behandlung ist die Öffnung des Pentosephosphatwegs mittels des Vitamins B1", erklärte Rett. Über diesen Stoffwechselweg wird überschüssiger Zucker zu unschädlichen Substanzen abgebaut. Das Schlüsselenzym Transketolase, das den Zucker in diesen Pfad schleust, benötigt für seine Aktivität Vitamin B1. Auch Reiners hob hervor, dass - in therapeutischer Hinsicht - ein Vitamin-B1-Mangel bei der diabetischen Neuropathie einen wichtigen pathogenetischen Faktor darstelle.

Daher wird z. B. das Benfotiamin, eine besser bioverfügbare Vorstufe des Vitamins B1, zur Therapie der diabetischen Neuropathie angewendet. Es ist eine Therapie-Option im Rahmen des "Drei-Säulen-Schemas", das meist parallel anzuwendende Behandlungsstrategien beinhaltet.

Danach steht die erste Säule der Therapie für eine individuell angepasste, optimale Diabeteseinstellung. Die zweite Säule hat zum Ziel, krankmachende Stoffwechselwege auszuschalten, die in der Folge Nerven und Gefäße schädigen können. Hier steht z. B. die Vitamin-B1-Vorstufe Benfotiamin zur Verfügung. Die vitaminähnliche Substanz aktiviert das Enzym Transketolase und kann so die Bildung der aggressiven Zuckerabbauprodukte (AGEs, Advanced Glycation Endproducts), die durch die Überzuckerung des Blutes vermehrt entstehen, hemmen. Dadurch kann Benfotiamin bei regelmäßiger Einnahme Nerven und Blutgefäße vor Schädigungen schützen und die Symptome der diabetischen Neuropathie lindern.

Als dritte Säule der Therapie gilt die rein symptomatische Therapie, die neuropathische Schmerzen medikamentös behandelt und so die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann, aber auch potenzielle Nebenwirkungen hat.

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Über die Aufklärungsinitiative "Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?"

Mit der Aufklärungsinitiative "Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?" informieren WÖRWAG Pharma und die Deutsche Diabetes-Stiftung (DDS) zusammen mit renommierten Experten über die diabetische Neuropathie, um Früherkennung und rechtzeitige Therapie zu fördern und Komplikationen, wie das diabetische Fußsyndrom, zu verhindern. Die Initiative wurde im Mai 2013 ins Leben gerufen. Seitdem hat sie mit ihrer Informationstour 18 Stopps in 17 Städten gemacht: Elf Tourstopps fanden in Einkaufszentren statt, sieben bei Diabetes- und Gesundheitsmessen.

Der Aufklärungsinitiative steht ein Kreis hochkarätiger wissenschaftlicher Experten der Diabetologie und Neurologie beratend zur Seite, der die Aktivitäten unterstützt und begleitet:

Die bundesweite Info-Tour: Barfuß-Parcours, Gratis-Fuß-Check und fachliche Beratung

Spannende Aktionen rund um das Thema Fußgesundheit laden die Menschen mit Diabetes und Interessierte zum Mitmachen ein. So können sie beispielsweise auf einem Barfuß-Parcours das eigene Gespür in den Füßen auf die Probe stellen. Gibt es Anzeichen von Empfindungsstörungen, besteht vor Ort die Möglichkeit, von einem Podologen einen kostenlosen Fuß-Check durchführen zu lassen. Hierbei werden Temperatur-, Druck- und Vibrationswahrnehmung untersucht. Im Rahmen von Expertenvorträgen erhalten die Standbesucher außerdem vielfältige Tipps von der richtigen Fußpflege bis hin zum Tragen des richtigen Schuhwerks.

Weitere Informationen finden Interessierte zur Aufklärungsinitiative und zu den Tourstopps 2014 unter www.hoerensieaufihrefuesse.de.

Quellen

  1. Bongaerts BWC et al. Diabetes Care 2013;36:1141-46.
  2. Ziegler D et al. Diabete Metab. 1993;19 (1 PT 2):143-51.
  3. Ziegler D et al. Diabetes Care 2008; 31:556-561.
  4. Ziegler D et al. Diabetes 2013;62,Suppl 1:A13.

Bildunterschrift: Frau mit Fuß am Ohr
Bildquelle: Aufklärungsinitiative "Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?"

zuletzt bearbeitet: 29.05.2014 nach oben

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