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Screening auf Diabetes und allgemeine 'Gesundheits-Check-ups' ohne viel Nutzen?

Eine kritische Betrachtung

Aktuelle Studien vorgestellt und kommentiert von Prof. Helmut Schatz

Erstens: Auf dem Europäischen Diabeteskongress in Berlin wurden am 4. Oktober 2012 die Daten der ADDITION-Cambridge-Studie vorgestellt, die während ∼10 Jahren keinen Nutzen eines Diabetes-Screenings bei Hochrisiko-Personen auf Diabetes hinsichtlich Tod jeglicher Ursache erbrachte, auch nicht an kardiovaskulärem Tod, Krebs oder Tod aus diabetesbezogenen Ursachen.

Zweitens: Am 2. November 2012 erschien im Deutschen Ärzteblatt ein Kurzbericht mit dem Titel "Zweifel am Sinn von Check-up-Untersuchungen" und berichtete die Ergebnisse einer Cochrane-Analyse von 16 Untersuchungen bei >182.000 Menschen unter 65 Jahren, die sich kerngesund fühlten. Es errechnete sich auch hier kein Nutzen eines Gesundheitsscreenings.

In der ADDITION-Cambridge-Studie wurden >11.000 Patienten von 40-69 Jahren mit erhöhtem Diabetesrisiko überprüft. Dieses wurde durch einen Score ermittelt, in den Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, Behandlung mit Steroiden oder Hochdruckmedikamenten, Rauchen und eine positive Familienanamnese eingingen. Die betreuenden 33 englischen Hausarztpraxen wurden in 3 Gruppen eingeteilt Die erste Gruppe (n=5) führte kein Screening durch, die zweite (n=15) screente und behandelte intensiv nach dem Vorbild der STENO-2-Studie, die dritte Gruppe (n=13) screente und hielt sich in der Therapie an die Britischen Leitlinien. Es wurde zwischen den 3 Gruppen nach knapp 10 Jahren kein signifikanter Unterschied bei den Todesfällen (siehe oben) gefunden.

Die Cochrane-Analyse zum Gesundheitscheck führt aus, dass in vielen Ländern Gesundheitschecks eingeführt wurden, ohne dass diese vorher in ihrer Auswirkung geprüft worden seien. Es läge somit keine Evidenzbasis dafür vor. Während es zu keiner Abnahme der Mortalitätsdaten durch die Check-ups gekommen war, stieg die Zahl der Diagnosen innerhalb von 6 Jahren, um 20 % an.

Kommentar: Eine der Ursachen für das viele Ärzte ernüchternde Resultat über den Nutzen eines Diabetes-Screenings kann in der mit 3 % nur geringen Rate an Diabeteserkrankungen in der untersuchten Kohorte liegen, die aus einer der reicheren Gegenden Englands rekrutiert wurde. Möglicherweise wurde dort ein Diabetes früher auch ohne Screening diagnostiziert.

An der Cochrane-Analyse ist zu kritisieren, dass die untersuchten Studien schon viele Jahre zurückliegen und sowohl die Diagnostik als auch die Therapie nicht den heutigen Standards entsprochen hatten. "Absence of evidence is not evidence of absence" - das gilt auch hier, zumal die Studien veraltet waren. Und der Kalauer, dass "nur gesund ist, wer nicht genügend untersucht wurde", spiegelt sich in dem 20 prozentigen Anstieg an Diagnosen beim Screening wieder. Natürlich muss jeder Arzt bei Risikofaktoren oder Verdacht auf eine mögliche Erkrankung Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Der Kommentator führt selbst in seiner Praxis im Auftrag mehrerer großer Firmen aus der Region regelmäßige Gesundheitskontrollen durch, die die Firmen Mitarbeitern anbieten. Diese werden nicht über die allgemeinen Krankenkassen, sondern von der Firma finanziert. Er wird dies auch jetzt weiter tun.

Quellen

  • R.K. Simmons et al.: Effect of screening for type-2-diabetes on population mortality over ten years: the ADDITION-Cambridge cluster-randomized control trial. 48. Europäischer Diabetes-Kongress Berlin, 4. Oktober 2012. Abstract OP 183. Diabetologia 55, Suppl.1, Oktober 2012, S81
  • Zweifel am Sinn von Check-up-Untersuchungen. Deutsches Ärzteblatt 109, Heft 44, 2. November 2012, Seite A 2158

zuletzt bearbeitet: 02.11.2012 nach oben

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