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Die meisten Amputationen in Deutschland sind Folge von Diabetes

Warum gibt es so viele vermeidbare Amputationen?

Aus Anlass des Europäischen Diabetes Kongresses vom 1. - 5. Oktober in Berlin weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) auf die erschreckend hohe Zahl von Amputationen in Deutschland hin. Von den 60.000 Amputationen jährlich sind ca. 40.000 die Folge von Diabetes. Damit liegt Deutschland bei der Amputationsrate international im oberen Bereich. Experten gehen davon aus, dass ca. 80 % davon vermeidbar wären. Voraussetzung dafür wäre eine optimale Blutzuckereinstellung, die frühzeitige Behandlung des diabetischen Fußsyndroms und eine bessere Vernetzung der verschiedenen ärztlichen und nichtärztlichen Spezialisten im ambulanten und stationären Sektor.

Von den ca. 40.000 Amputationen als Folge des diabetischen Fußsyndroms erfolgen ungefähr die Hälfte oberhalb des Sprunggelenkes. Diese sogenannten "Majoramputationen" stellen eine deutlich stärkere Beeinträchtigung als Amputationen unterhalb des Sprunggelenkes dar. Die Aussichten dieser Patienten sind schlecht: Innerhalb von vier Jahren werden mehr als die Hälfte der bereits einseitig amputierten Patienten auch auf der Gegenseite amputiert.

Wie kann die Situation verbessert werden?

Entscheidend ist eine fach- und sektorenübergreifende Struktur, die ärztliche Spezialisten wie Diabetologen, Gefäßchirurgen, Radiologen oder Orthopäden sowie Diabetesberater, Wundassistenten, Ernährungsberater, Podologen oder Orthopädie-Schuhmacher miteinander vernetzt - und zwar in einem vor- und nachstationären Verbund. Wichtig ist es, in spezialisierten Einrichtungen die personelle und räumliche Ausstattung auf diese Patienten auszurichten. Dazu gehört auch, Standards und Qualitätsprozeduren einzuhalten und die Behandlungsqualität regelmäßig zu überprüfen.

"Wir wissen heute, dass in spezialisierten Einrichtungen deutlich bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen sind", bestätigt Professor Dr. Ralf Lobmann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß in der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft zertifiziert seit fast zehn Jahren Kliniken und Praxen für die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms. Seitdem gibt es dort eine konstant niedrige Rate von unter vier Prozent der hohen (oberhalb des Sprunggelenkes) Amputationen. Diese Ergebnisse haben auch dazu geführt, dass das Versorgungsmodell der DDG exemplarisch in die nationale Versorgungsleitlinie aufgenommen wurde.

Was ist der diabetische Fuß und wie häufig ist er?

Beim diabetischen Fußsyndrom bestehen Wunden am Fuß, die bei verzögerter oder unzureichender Therapie zur Amputation der gesamten Extremität führen können.

Zur Entstehung des diabetischen Fußsyndroms tragen die diabetische Neuropathie (Nervenschädigung) sowie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) wesentlich bei. Diabetiker leiden dreimal häufiger an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit als Nicht-Diabetiker.

Etwa ein Viertel der über sechs Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland erleidet im Laufe ihrer Erkrankung ein diabetisches Fußsyndrom. Ca. 270.000 Diabetespatienten in Deutschland leiden aktuell an einer Fußwunde. Die Sterblichkeitsrate von Diabetikern mit einem diabetischen Fußsyndrom ist mehr als doppelt so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung.

Leben mit dem diabetischen Fuß

Die Lebensqualität der Patienten wird durch eine Fußwunde signifikant eingeschränkt. Es vergeht oft sehr viel Zeit zwischen dem Auftreten einer Fußwunde und der erstmaligen Vorstellung des betroffenen Patienten bei einem Spezialisten. Auch nach Abheilung treten Fußwunden immer wieder auf: Während des ersten Jahres erleiden 1/3 der Patienten erneut eine Fußwunde, innerhalb von fünf Jahren sind 70 % der Patienten wieder betroffen. Sobald bei Patienten mit Diabetes eine entsprechende Erkrankung an den Füßen auftritt, sollten sie in einer spezialisierten Einrichtung behandelt werden.

Die "AG Diabetischer Fuß" der DDG

Die AG Diabetischer Fuß kämpft national für eine flächendeckende interdisziplinäre Versorgungs-struktur für Menschen mit diabetischem Fußsyndrom in Deutschland. Im Auftrag der DDG zertifiziert die AG Fuß Fußbehandlungseinrichtungen im Rahmen eines Qualitätsmanagementverfahrens. 269 Einrichtungen sind 2012 bereits zertifiziert und stehen mit ihrer Kompetenz für eine optimale Versorgung der betroffenen Patienten.

Die "Diabetic Foot Study Group" (DFSG)

Die "Diabetic Foot Study Group" ist der internationale Zusammenschluss von Experten auf dem Gebiet des Diabetischen Fußes zur Erforschung der Ursachen und Optimierung der Behandlungsoptionen. Anlässlich der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes findet diesjährig der Kongress der "Diabetic Foot Study Group" in Potsdam statt. Die "Diabetic Foot Study Group" hat sich vorgenommen die diabetesbedingten Amputationen - weltweit und auch in weniger entwickelten Regionen - zu reduzieren.

Quellen

  • Rümenapf G, Dentz J, Nagel N, Morbach S. Neue Konzepte zur interdisziplinären Versorgung von Patienten mit neuroischämischem diabetischem Fußsyndrom (DFS). Gefäßchirurgie 2012;17:327-333
  • Karrer S. Diabetisches Fußsyndrom. Hautarzt 2011;62:493-503
  • Mittlmeier T, Haar P. Der infizierte diabetische Fuß. Unfallchirurg 2011;114:227-235
  • Morbach S, Müller E, Reike H, Risse A, Rümenapf G, Spraul M. Diabetisches Fußsydrom. Diabetologie 2009;4:S 157-S 165.

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zuletzt bearbeitet: 28.09.2012 nach oben

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