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Innovationen in der Medizin

Abstract zum Vortrag von Prof. Dr. Florian Steger, Direktor des Instituts für Gechichte und Ethik in der Medizin, Halle, im Rahmen des Roche Diabetes Mediendialogs 2012.

Paradigmen wechseln langsam

rof. Dr. Florian Steger In meinem einführenden Impulsvortrag werde ich in einem medizinhistorischen Rückblick auf die Frage eingehen, wie innovativ Medizin wirklich ist. Es geht also um die Doppelfrage, wie leicht bzw. wie schwer es wissenschaftliche Fortschritte in der (praktizierten) Medizin gehabt haben.

Medizinhistorisch sind lange Wege der Umsetzung einer auch gehaltvollen und innovativen Idee in die Praxis mit zahlreichen Irrungen und Wirrungen zu beschreiben. Kann also das Selbstbild der immer innovationsfreudigen, dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichteten und streng objektiven Medizin, besonders der praktizierten Medizin, der medizinhistorischen Realität standhalten?

Ich werde dieser Frage an vier Beispielen nachgehen, die von der Frühen Neuzeit, auch wenn hier noch von einem anderen Fortschrittsgedanken auszugehen ist, bis in die Gegenwart reichen. Das erste Beispiel ist der Anatomiegeschichte des 16. Jahrhunderts entnommen, als die überzeugten alten Autoritäten (Galen) infrage gestellt und durch autoptische Erkenntnisse an der humanen Leiche (Andreas Vesal) neues Wissen vom Körper des Menschen generiert wurde. Es war keineswegs so, dass die Autopsie Argument genug war, um von den alten Vorstellungen abzulassen, vielmehr sind langwierige Prozesse mit massiver Kritik (Jacobus Sylvius, Francesco dal Pozzo) zu beschreiben, bis von diesen durch die Autopsie als falsch überführten Vorstellungen abgelassen wurde.

Das zweite Beispiel handelt von der Bakteriologiegeschichte der zweiten Hälfte des 19. bzw. ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als sich, obgleich 1858 mit Rudolf Virchow eine naturwissenschaftliche Orientierung in der Medizin Einzug nahm, die Theorie von der Ansteckung durch Stoffe/Keime (Kontagien) lange Zeit gegen die dominierenden alten Krankheitstheorien (Miasmen), Gift entstehe außerhalb des Kranken, aus Fäulnis entstandene Unreinheiten der Luft seien für Seuchen verantwortlich nicht durchsetzen konnte.

Auf die Beschreibung der Prionhypothese von einem nukleinsäurefreien infektiösen Agens durch Stanley Prusiner im Jahr 1982 möchte ich kurz im dritten Beispiel eingehen. Obwohl über viele Jahre zahlreiche Anhaltspunkte für nukleinsäurefreie Erreger in der Diskussion waren, wurde Prusiners Hypothese anfangs mit großer Skepsis begegnet. Doch wurde die Innovation dieser Idee 1997 mit dem Nobelpreis für Prusiner bestätigt. Mit der Entdeckung des Helicobacter pylori als Ursache des gastroduodenalen Ulcus durch Marshall und Warren im Jahr 1983 möchte ich abschließend noch einmal - ebenfalls kurz - zeigen, wie skeptisch innovative Ideen in der Medizin aufgenommen wurden. Obgleich durch die hohe weltweite Prävalenz von Helicobacter pylori ein enormer Handlungsdruck bestand, der hierdurch verursachten chronischen bakteriellen Infektion zu begegnen, hielt man zunächst an der alten Theorie der Übersäuerung fest. Schließlich wurden Marschall und Warren 2005 für diese innovative Erkenntnis in der Medizin mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Alle vier Beispiele können zeigen, wie schwierig es gute, richtige und später zum Teil als außerordentlich wegweisend erachtete Ideen auf dem Weg zur Umsetzung in der Praxis hatten. Insofern kann die These, Fortschritt habe es in der Medizin leicht, vor allem dann, wenn innovative Ideen in der praktizierten Medizin zur Anwendung gebracht werden sollen, nicht aufrechterhalten werden. Innovation hat es vielmehr recht schwer, wenn innovative Ideen in der Medizin zur Anwendung kommen sollen - und das unabhängig von Qualität und Innovationskraft einer Idee.

Bildunterschrift: Prof. Dr. Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Martin-Luther-Universität Halle
Bildquelle: Roche Diagnostics GmbH

zuletzt bearbeitet: 28.02.2012 nach oben

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