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Deutschland und der nationale Diabetesplan

Abstract zum Vortrag von PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der AG Psychologie und Verhaltensmedizin der DDG und Geschäftsführer des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM), im Rahmen der Pressekonferenz zur 46. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) am 3. Juni 2011 in Leipzig.

Aktueller Stand

Bereits 2002 wurde von der WHO gemeinsam mit der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) ein "Call for Action Statement" verabschiedet, in dem die Regierungen aufgefordert wurden, nationale Programme zur Primärprävention des Diabetes zu entwickeln. Auch in der UN-Resolution "unite for diabetes" (UN-Resolution 61/225), die vor einer weltweiten Bedrohung durch eine Diabetes-Pandemie warnt, werden alle Mitgliedstaaten auffordert, nationale Maßnahmen zur Diabetes-Prävention sowie zur Behandlung und Versorgung von Diabetespatienten zu entwickeln.

In der "Declaration of Diabetes" (EU-Resolution P6_TA(2006)0185) fordert auch die EU nachdrücklich alle Mitgliedsländer auf, nationale Diabetespläne zu entwickeln. Diese Empfehlung wurde bereits in zahlreichen Ländern in und außerhalb der EU umgesetzt: Bisher allerdings noch nicht in Deutschland.

Daher haben die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und diabetesDE die Bundesregierung aufgefordert, baldmöglichst auch in Deutschland einen "Nationalen Diabetesplan" zu entwickeln. Der ehemalige Gesundheitsminister Dr. Rösler regte an, diesen nach dem Vorbild des "Nationalen Krebsplans" zu initiieren. In dem "Nationalen Diabetesplan" sollen die wichtigsten Organisationen, Institutionen und Patientenverbände eingebunden werden, die für die Prävention, Versorgung und Forschung bei Diabetes in Deutschland verantwortlich sind.

Dieser Vorschlag wurde von der DDG und diabetesDE begrüßt. In einem ersten Schritt wurden die wichtigsten Handlungsfelder und Ziele eines "Nationalen Diabetesplans" definiert, die vorrangig in der ersten Phase des "Nationalen Diabetesplans" bearbeitet werden sollen. Diese wurden bereits mit anderen Verbänden, Organisationen diskutiert und werden anlässlich der 46. DDG-Jahrestagung vorgestellt.

Handlungsfeld 1: Primäre Prävention des Diabetes

Diabetes ist mit circa sieben Millionen betroffenen Menschen schon heute eine der häufigsten Volkskrankheiten in Deutschland. Die Zahl der Neuerkrankungen steigt konstant – jeden Tag erkranken in Deutschland über 700 Personen neu an Typ-2-Diabetes, pro Jahr circa 270.000 Menschen. Bereits heute ist in Deutschland fast jeder Dritte über 70-Jährige Diabetiker. Zudem beginnt der Typ-2-Diabetes immer früher, immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche betroffen.

Durch diese deutlich steigenden Neuerkrankungsraten sind immer mehr Personen und deren Angehörige von individuellem Leid betroffen und auch das Gesundheitssystem steht hierdurch vor einer großen Herausforderung, da die Behandlung des Diabetes und der Folgekomplikationen schon bald ohne Leistungsbegrenzungen und Qualitätseinbußen nicht mehr finanzierbar ist. Für die Prävention des Typ-2-Diabetes ist gleichermaßen ein "Populationsansatz" ("Verhältnisprävention"), als auch ein "Hochrisikoansatz" ("Verhaltensprävention") notwendig.

Trotz einer großen Anzahl empirischer Daten zur Effektivität und der Effizienz von Maßnahmen zur Prävention des Typ-2-Diabetes, gibt es bisher keine systematischen Ansätze, wie diese in Deutschland umgesetzt werden können: Dies gilt es unbedingt zu verbessern.

Handlungsfeld 2: Früherkennung des Typ-2-Diabetes

Ergebnisse aus bevölkerungsbasierten Erhebungen (KORA-Studie) deuten darauf hin, dass auch in Deutschland die Zahl unentdeckter Diabetiker sehr hoch ist. Sowohl in der Altergruppe der 35- bis 59-jährigen als auch in der Gruppe der 55- bis 74-jährigen Personen kommt nach den vorliegenden Zahlen auf einen diagnostizierten Diabetesfall ein unentdeckter. Damit ist die Gesamtzahl aller Menschen mit Diabetes in Deutschland deutlich höher als angenommen.

Zusätzlich leiden 11 Prozent (35 bis 59 Jahre) beziehungsweise 16 Prozent (55 bis 74 Jahre) an der Vorstufe eines Diabetes (Prädiabetes). Personen mit einem unentdeckten Diabetes haben ein deutlich erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko. Es sollte daher ein wichtiges Ziel des "Nationalen Diabetesplans" sein, die Früherkennung von Typ-2-Diabetikern zu verbessern, da eine gute Diabeteseinstellung schon zu Beginn der Erkrankung deutliche Vorteile erbringt.

Handlungsfeld 3: Epidemiologie, Diabetesregister

Trotz der hohen individuellen und gesellschaftlichen Belastung durch die Erkrankung Diabetes liegen für die deutsche Bevölkerung nur wenige, verlässliche Daten zur Häufigkeit des Diabetes und Praediabetes vor. Diese wären jedoch zur Planung und Steuerung von gezielten Maßnahmen zur Diabetes-Prävention und besseren Versorgung von Diabetespatienten eine unabdingbare Voraussetzung. Auch fehlen systematische Daten zur Behandlung des Diabetes in Deutschland und deren Ergebnisse.

Erforderlich wäre daher der Aufbau von epidemiologischen und klinischen Diabetesregistern. Durch die verlaufsbegleitende, sektorenübergreifende Dokumentation sollen diese Register auch zur Darstellung der diabetologischen Versorgungsqualität, zur Qualitätsberichterstattung sowie zur Schaffung von Qualitätstransparenz in der diabetologischen Versorgung beitragen.

Handlungsfeld 4: Versorgungsforschung, Versorgungsstrukturen und Qualitätssicherung

Trotz erster guter Ansätze gibt es in Deutschland massive Defizite der diabetologischen Versorgungsforschung, die eine wichtige Voraussetzung für die Verbesserung der Versorgung und Etablierung von effektiven und effizienten Qualitätssicherungsmaßnahmen darstellt. Für die Sicherstellung einer effektiven wie auch effizienten diabetologischen Versorgung von Menschen mit Diabetes sind zudem dringend neue, sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen zwischen den unterschiedlichen ambulanten und stationären Leistungsanbietern zu entwickeln und zu erproben.

Der Aufbau von Maßnahmen der vergleichenden Qualitätssicherung erlaubt es Patienten, Ärzten und Krankenkassen zudem, Unterschiede in der Qualität der Versorgung zu erkennen.

Handlungsfeld 5: Patienteninformation, -schulung und -empowerment

Die Stärkung der Rolle der Patienten ist ein weiteres wichtiges Handlungsfeld für eine Verbesserung der Versorgungssituation, da der Patient im Rahmen der Therapie eine bedeutsame Rolle einnimmt. Hierbei spielt das Angebot einer strukturierten Schulung von Patienten eine wichtige Rolle. Allerdings ist der Anteil nicht geschulter Patienten trotz verbesserter Rahmenbedingungen durch die Disease-Management-Programme noch immer hoch, die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes reduziert, psychische Erkrankungen wie Depressionen treten im Zusammenhang mit Diabetes etwa doppelt so häufig auf wie in der Normalbevölkerung.

Im Rahmen des "Nationalen Diabetesplans" sollen daher Maßnahmen entwickelt werden, um Patienten eine gezielte Unterstützung zu geben, auf der Basis selbstbestimmter Entscheidungen besser mit dem Diabetes und dessen Folgen umzugehen sowie soziale Folgen der Erkrankung zu vermeiden.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

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zuletzt bearbeitet: 03.06.2011 nach oben

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