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Kompetenznetz Adipositas

Abstract zum Vortrag von Prof. Dr. med. Hans Hauner im Rahmen der Pressekonferenz zur 4. DDG-Herbsttagung am 04.11.2010 in Berlin.

Wie vernetzen wir Wissenschaft und Praxis zum Wohle der Patienten?

Professor Dr. med. Hans Hauner Obwohl Adipositas von der WHO und anderen internationalen Gremien längst als chronische Krankheit definiert und wegen ihrer epidemischen Verbreitung als eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Bevölkerung in vielen Schwellen- und Industrieländern betrachtet wird, wird sie im deutschen Gesundheitssystem nicht als Krankheit anerkannt. Dementsprechend übernehmen die Krankenkassen im Regelfall - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keine Kosten für Prävention und Therapie. Diese Bewertung ist inakzeptabel, da Adipositas heute die bei weitem wichtigste ernährungsbedingte Krankheit mit unterschiedlichsten Konsequenzen für die Gesundheit der Betroffenen darstellt. So ist Adipositas, insbesondere bei stammbetonter Fettverteilung, der wichtigste und potenteste Risikofaktor für Typ-2-Diabetes.

Diese Situation hat auch zur Folge, dass die Betroffenen wegen ihres hohen Leidensdrucks Angebote außerhalb des Gesundheitssystems suchen und dabei allzu häufig Opfer unseriöser Anbieter werden. Auf der Ebene des Medizinbetriebs mangelt es wegen der fehlenden Finanzierung überhaupt an guten Behandlungsangeboten, die zudem nur an wenigen Orten verfügbar sind. Auch die für Forschungszwecke bereitgestellten Ressourcen waren lange Zeit minimal und erlaubten keine größeren Aktivitäten.

Erfreulicherweise fördert das BMBF im Rahmen seiner "Roadmap"-Aktivität seit 2008 die Etablierung eines krankheitsbezogenen Netzwerks (KKN) Adipositas, an dem die meisten wissenschaftlich tätigen Gruppen in Deutschland beteiligt sind. Damit soll erstmals eines der drängendsten Gesundheitsprobleme in Deutschland angegangen werden. Ziel ist neben einer Stärkung und Vernetzung der Wissenschaft auch die rasche Translation neuer Erkenntnisse in die praktische Versorgungs- und Präventionsmedizin. Es entspricht den Grundsätzen des Ministeriums, dass damit neben dem reinen Erkenntnisgewinn auch ein Nutzen für den Bürger resultiert.

In der ersten dreijährigen Förderperiode werden überwiegend experimentelle Projekte, aber auch eine Reihe klinisch relevanter Forschungsvorhaben gefördert. Ein sehr wichtiger Schritt ist die Entwicklung einer gemeinsamen Methodenplattform, die die verschiedenen Expertisen zusammenbringt, die beispielsweise auch für die Durchführung klinischer Studien benötigt werden.

Für die nächste Förderperiode ist vorgesehen, größere vernetzte klinische Studien durchzuführen, um damit wichtige versorgungsrelevante Fragestellungen zu bearbeiten. Dazu zählen etwa Ernährung in der Schwangerschaft und im Säuglingsalter, die Betreuung morbid adipöser (krankhaft übergewichtiger, Anm. d. Red.) Jugendlicher, die Prüfung neuer psychologischer Konzepte sowie Studien zu den Ergebnissen und Risiken der bariatrischen Chirurgie. Damit entwickelt sich ein Kompetenznetzwerk zu diesem zentralen Krankheitsbild, das inzwischen durch weitere Förderprogramme eine kritische Masse erlangt hat und zunehmend auch sehr praxisrelevante Fragen ins Visier nimmt. Eine aktive und erfolgreiche Forschung zum Thema Adipositas wird sicher auch die Wahrnehmung des Themas in der Medizin steigern. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin und leerer Kassen ist es essentiell, dass Therapiekonzepte wissenschaftlich evaluiert werden und einem kontinuierlichen Qualitätsmanagement unterliegen. Auch Fragen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Adipositasprogrammen müssen dabei thematisiert werden.

Das KKN Adipositas und die DAG haben eine strategische Allianz geschlossen, um gemeinsam das Thema Adipositas im Gesundheitssystem und in der Öffentlichkeit besser zu kommunizieren und im ständigen Dialog mit den Entscheidungsträgern im Gesundheitssystem nach neuen Wegen für eine bessere Versorgung von Menschen mit Adipositas zu suchen.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Hans Hauner, Präsident DAG, Sprecher Kompetenznetz Adipositas, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) der TU München.
Bildquelle: Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 04.11.2010 nach oben

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