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Nationale Diabetes-Strategie

Abstract zum Vortrag von Prof. Dr. med. Thomas Danne im Rahmen der Pressekonferenz zur 4. DDG-Herbsttagung am 4. November 2010 in Berlin.

Wie verbessern wir die Versorgung der Patienten in Deutschland?

Professor Dr. Thomas Danne Es wird immer deutlicher, dass das Gesundheitssystem allein die Diabetes-Epidemie nicht bewältigen kann. Hierfür brauchen wir eine große gesamtgesellschaftliche Anstrengung: Ein großes Indikationsfeld wie Diabetes braucht eine nationale Strategie. Diese bindet die (Eigen-)Interessen von Patienten, Ärzten, Forschern, Bürgern, Beratern etc. ein und macht die dringende Priorisierung dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe möglich.

Bislang haben 13 von 27 EU-Ländern einen von Parlament oder Regierung verabschiedeten nationalen Diabetes-Aktionsplan. Deutschland hat diesen noch nicht. Die Bundesregierung ist aufgefordert, eine solche nationale Diabetes-Strategie zu entwickeln. Zum Beispiel Holland: dort hat das Gesundheitsministerium die Entwicklung eines nationalen Diabetes-Plans veranlasst. Fünf Handlungsfelder wurden umrissen:

Wie könnte so etwas in Deutschland aussehen?

Prävention

Damit die Diabetes-Behandlung in Deutschland bezahlbar bleibt, müssen wir uns – egal wie wir die Zahlen zur Zunahme von Diabetes-Patienten interpretieren – verstärkt um Prävention kümmern. Wir wissen aber, dass der Lebensstil, wenn er einmal erworben wurde, nur extrem schwierig zu ändern ist. Darum muss die Prävention im frühen Kindesalter einsetzen, wo die entscheidenden Prägungen für den Lebensstil stattfinden.

Diese Lebensstileinstellung muss natürlich durch ein entsprechendes Umfeld gestützt werden. Dies kann nur gelingen mit einer massiven Information und Aufklärung über Diabetes und auf der anderen Seite dem Angebot eines Lebensumfelds besonders für junge Menschen, in dem ausreichende Bewegung und gesunde Ernährung realistischerweise möglich sind.

Zu den realistischen Faktoren zählen gerade bei Jugendlichen auch psychosoziale Faktoren. Wenn es unter Gleichaltrigen "chic" ist, sich von Fast Food und Limonade zu ernähren, ist es für den Einzelnen schwer, sich diesem Sog zu entziehen. Die Antiraucherkampagne hat gezeigt, wie schwierig es ist, einen gesellschaftlichen Trend umzukehren, sie hat aber auch demonstriert, dass dies möglich ist, wenn viele Kräfte mobilisiert werden und man einen langen Atem hat, Widerstände zu überwinden.

Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass bereits bei vierjährigen Kindern im Kindergartenalter einer Entwicklung von Übergewicht effektiver vorgebeugt werden kann, als bei fünfjährigen. Ein klares Signal an die Politik bereits in diesem Alter nachhaltig zu investieren, obwohl die Präventionsbemühungen erst viel später Früchte tragen werden. Nur wenn es uns gelingt, in der Primärprävention erfolgreich zu sein und die Zahl der Erkrankungen langfristig zu reduzieren, werden wir die Kosten für eine gute Versorgung der Erkrankten auf die Dauer aufbringen können.

Stärkung der Rolle des Patienten

Transparenz, Wettbewerb und Innovation sind kein Widerspruch zu Solidarität und Patientenorientierung. Auch damit die erforderlichen Steuerungsmaßnahmen im Gesundheitswesen vermittelbar sind, ist eine starke Patientenvertretung in diesem Prozess unabdingbar. Dabei können alle beteiligten Seiten profitieren. Weit über die Hälfte der durchschnittlichen Kosten eines insulinbehandelten Menschen mit Diabetes entstehen durch die Behandlung der Folgeerkrankungen.

Mit Kostendämpfung begründete Maßnahmen, die das Erreichen der Therapieziele infrage stellen, sind also in mehrfacher Hinsicht kontraproduktiv. Eine effektive Betroffenenvertretung muss dabei sowohl bei der strategischen Ressourcenplanung (Gemeinsamer Bundesausschuss etc.) als auch in der folgenden Vermittlung von Entscheidungen ein unverzichtbarer Partner werden.

Qualität, Organisation und Wissenstransfer

Eine Transparenz von Strukturen und Behandlungsergebnissen kann dabei allen nutzen: den Behandlern als Ansporn für kontinuierliche Verbesserung, den Patienten als Instrument, die geeignete Praxis zu finden, und den Kostenträgern, um finanzielle Anreize zu schaffen, die direkt den Patienten zu Gute kommen.

Ressourcensteuerung und Kosten

Der Kostendruck im Gesundheitswesen führt auch im internationalen Vergleich zu bedenklichen Einschränkungen für Diabetes-Patienten in Deutschland - mit weitreichenden Signalen bis in die Forschungslandschaft. Schon heute hat Deutschland eine Sonderrolle in der Erstattungsfähigkeit von Diabetes-Medikamenten in Europa. Ohne Frage müssen wir uns für eine kosteneffiziente, evidenzbasierte Behandlung der Betroffenen einsetzen.

Dieses muss aber auch ausreichend Raum für Forschung und Fortschritt bieten. Eine frühe und gute Einstellung des Diabetes macht also auch für Kostenträger Sinn und eine übermäßige Reglementierung von wichtigen Bestandteilen der Diabetes-Behandlung wie Schulung oder Blutzuckerselbstmessung führt nur sehr kurzfristig zu einer Kostenreduktion.

Wir brauchen ein Signal, dass sich in Deutschland Investitionen für Innovationen lohnen, und der medizinische Fortschritt auch für den Kassenpatienten verfügbar gemacht wird. Bereits heute gibt es eindrucksvolle Belege, wie sich die Arzneimittelversorgung GKV-Versicherter und privat versicherter Patienten mit Diabetes unterscheiden.

Informationstechnologie

Für alle die oben genannten Prozesse werden die heutigen Möglichkeiten der Informationstechnologie zu wenig genutzt. Einer elektronischen Patientenakte stehen noch zu viele Ärzte und Patienten skeptisch gegenüber. Dabei würde ein breiter Einsatz nicht nur die Patientensicherheit wesentlich erhöhen und kostenträchtige Doppeluntersuchungen verhindern. Ohne einen breiten Einsatz von Informationstechnologie würde die Messbarkeit des Erfolgs einer nationalen Diabetes-Strategie sehr schwierig und somit die politische Umsetzbarkeit, dafür entsprechende Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Fazit

Wir brauchen neben einem nationalen Krebsplan auch eine nationale Diabetes-Strategie mit klaren Messbarkeiten, was als Erfolg zählt, mit einem Plan, wie diese Erfolge zu erreichen sind und mit einer Berücksichtigung der Dimensionen von Wirtschaftlichkeit, medizinischer Wirksamkeit, Nutzen, Solidarität und Eigenverantwortung. Dann wird man auch in den kommenden Jahren als Diabetes-Betroffener oder -Profi gerne im deutschen Gesundheitssystem aktiv sein.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Thomas Danne, Präsident DDG, Vorstandsvorsitzender diabetesDE, Chefarzt Kinderkrankenhaus auf der Bult, Hannover.
Bildquelle: Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 04.11.2010 nach oben

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