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Kein Hinweis auf Hirnatrophie durch Übergewicht

Studie zum Verlust an Hirnmasse durch Adipositas undifferenziert

Auf "spiegel online" (Medizin, 26.8.09) wird unter der Überschrift "Übergewicht kann Gehirnschwund auslösen" eine amerikanische Studie zitiert (Raji CA et al, Brain structure and obesity. Human Brain Mapping, pub. online 26.8.2009). Mittels bildgebender Verfahren (Magnetresonanztomographie) wurden bei kognitiv "normalen" älteren Menschen Atrophien in verschiedenen Hirnarealen (in den Bereichen "frontal", Gyrus cingulatus, Hyppokampus und Hypothalamus) identifiziert.

Die Autoren berechnen, dass ein Anstieg des BMIs um eine Standardabweichung einem "Verlust" an Hirnmasse um 4 % entspricht. Mögliche Einflussfaktoren wie Schulbildung, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Gefäßerkrankungen oder auch APOE4- Genotyp (höheres Risiko für Demenz) wurden berücksichtigt und zeigten keinen Einfluss auf das Ergebnis.

Die Darstellung der Ergebnisse in "spiegel online" könnte zu Missverständnissen führen. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Übergewicht direkt zu Hirnatrophie führt. Alle 94 in der Studie untersuchten Personen waren sehr intensiv neurologisch und auch neuro- psychologisch untersucht worden. Es handelte sich ausschließlich um Personen in einem Alter zwischen 70 und 89 Jahren. Mögliche Erklärungen für die dargestellten Befunde sind erhöhte Cortisolspiegel, zu wenig Bewegung, verminderte Lungenfunktion, oder Herz-Kreislauf- und/oder Stoffwechselerkrankungen (letztere waren zumindest in der statistischen Analyse als Einflussfaktoren ausgeschlossen worden).

Da gesunde alte Menschen länger leben, könnten die dargestellten Beobachtungen zum Hirnvolumen auch einem "Überlebensvorteil" entsprechen. Andererseits wurde der Stoffwechsel in dieser Studie nicht differenziert untersucht, so liegen z. B. Angaben zur Insulinresistenz nicht vor. Auch können Veränderungen an den kleinen Blutgefäßen (sogenannte Mikrovaskulopathie) nicht ausgeschlossen werden. Es ist wahrscheinlich, dass ein großer Teil übergewichtiger und älterer Menschen bereits geringe Stoffwechselstörungen und so auch Gefäßveränderungen aufweist. Es sollte auch darauf hingewiesen werden, dass es sich bei dieser Studie um eine sogenannte Querschnittsuntersuchung handelt.

Eine Langzeituntersuchung könnte belegen, dass es sich hier um frühe Stadien einer Neurodegeneration (z. B. im Sinne eines Morbus Alzheimer) handelt. Abschließend ist diese Untersuchung ein weiterer Beleg dafür, dass Adipositas ein hohes Krankheitsrisiko birgt und mit vielen Erkrankungen assoziiert ist. Die Studie ist für Wissenschaftler interessant, die Ergebnisse sind aber noch nicht abschließend zu bewerten. Sie sollten aber Adipöse nicht beunruhigen und auch nicht zur Stigmatisierung unserer übergewichtigen Mitmenschen beitragen.

Prof. Dr. med. Manfred J. Müller, Präsident der DAG

zuletzt bearbeitet: 31.08.2009 nach oben

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