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Coping-Schulung: Neue Behandlungsmotivation für Diabetiker

Pressemitteilung: Elisabeth-Krankenhaus

Sich von festgefahrenen Mustern und Verhaltensweisen lösen

Diplom-Pädagoge Rainer Paust Diabetes mellitus – Wenn diese Diagnose gestellt wird, ist der Schreck und die Verunsicherung bei den Betroffenen zunächst einmal groß. Es scheint, als müsse nun das ganze Leben umgestellt werden. Broteinheiten, Blutzuckerselbstmessungen, Insulinspritzen - das sind Dinge, die von nun an zum Alltag gehören. Erlernen kann man all dies in speziellen Schulungen. Aber was geschieht, wenn es auch nach einer solchen Schulung mit der Umsetzung des Erlernten im Alltag hapert? Was, wenn Diabetiker zwar das Wissen über ihre Krankheit haben, dies aber nicht richtig anwenden? Speziell für solche Fälle haben Pädagogen, Psychotherapeuten und Diabetologen am Elisabeth-Krankenhaus Essen, einem Haus der Contilia-Gruppe, ein Behandlungsprogramm entwickelt.

Diplom-Pädagoge Rainer Paust arbeitet seit fast 20 Jahren im Schulungsbereich des Essener Diabetes-Zentrums, ist Leiter des Projektes "Coping-Schulung für Menschen mit Diabetes" sowie Autor des Ratgebers "Selbstbewusst mit Diabetes". Wir haben mit Paust über das Essener Behandlungsprogramm gesprochen.

Herr Paust, sind Diabetiker nach einer Basisschulung – in der sie alles über Ernährung und Spritztechniken erfahren haben – nicht in der Lage, ihren Alltag allein zu meistern?

Paust: Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat deutlich gezeigt: Wissen ist nicht das einzige Instrument, das Menschen brauchen, um dauerhaft mit der chronischen Erkrankung zurechtzukommen. Bis zu 40 Prozent der Betroffenen geraten im Verlaufe ihres Lebens mit dem Diabetes in eine mehr oder minder ausgeprägte Krise. Diese geht häufig mit einem Nachlassen der Behandlungsmotivation einher; das heißt, in diesen Zeiten werden beispielsweise keine Blutzuckerkontrollen mehr durchgeführt oder die Ernährungsanpassung wird nicht mehr eingehalten. Eine solche Vernachlässigung der Behandlung kann sich unmittelbar negativ auf die Behandlungsergebnisse auswirken und führt - sofern dem Motivationsverlust in der diabetologischen Betreuung nicht angemessen begegnet wird – in manchen Fällen sogar zum Versagen der Therapie. Die Ursachen für solche Krisen sind häufig in der unzureichenden seelischen Bewältigung und Verarbeitung – dem sogenannten Coping – der chronischen Erkrankung zu finden.

Was versteht man genau unter Coping?

Paust: Das Wort Coping kommt aus dem Englischen. "To cope with..." heißt soviel wie "mit etwas zurechtkommen". In der Medizin wird Coping häufig mit Krankheitsbewältigung gleichgesetzt. Mir gefällt das Wort Coping besser, da es nicht nur beinhaltet, wie jemand mit den Anforderungen einer Erkrankung umgeht, sondern alle Gedanken, Gefühle und Handlungen jenseits der Krankheit mit einbezieht. Das entspricht auch mehr unserem Schulungsansatz: Nicht nur die Krankheit, sondern den ganzen Menschen zu sehen. Denn jeder Diabetiker ist anders und jede Krankheitsverarbeitung ist ein individueller und von vielen Faktoren abhängiger Prozess. Aus diesem Grund ist es auch nicht sinnvoll, allgemeingültige Regeln aufzustellen, wie eine Krankheit zu bewältigen ist.

Was wird denn dann in den speziellen Coping-Schulungen vermittelt?

Paust: Coping-Schulungen helfen, festgefahrene Bewältigungsmuster und Verhaltensweisen zu lösen und neue Motivation aufzubauen. Diabetiker, die an dem dreimal dreistündigen Programm teilnehmen, lernen anhand ihrer individuellen Situation, Schwierigkeiten im Krankheitserleben und in der Umsetzung der Behandlung zu analysieren und zu verstehen sowie sich sinnvolle Ziele zu setzen. Positive Coping-Strategien haben viel mit Selbstbewusstsein und einem starken Selbstwertgefühl zu tun. Wer sein Coping verbessert, geht insgesamt deutlich besser und stressfreier mit Alltagssituationen und seiner Erkrankung um.

Welche Menschen wollen Sie mit dem Programm ansprechen?

Paust: Die Coping-Schulung haben wir in einem interdisziplinären Team am Elisabeth-Krankenhaus speziell für diejenigen Diabetiker entwickelt, die trotz mehrmaliger Teilnahme an Informationsschulungen im persönlichen Umgang mit ihrer Erkrankung und deren Behandlung immer noch Schwierigkeiten und Probleme haben. Nicht jeder Betroffene braucht in einer solchen Situation eine Psychotherapie. Seit dem Jahr 2000 bieten wir die Coping-Schulungen jetzt in Essen an. Aus unseren Befragungen der Teilnehmer wissen wir, dass bei ihnen die eigene Behandlungsmotivation und die Übernahme der Verantwortung fürs eigene Handeln nach einer Schulung deutlich steigt. Und das hat bei dreiviertel der Befragten auch weitreichend positive Auswirkungen auf deren Blutzuckereinstellung und somit auf ihren gesamten Gesundheitszustand.

Gibt es solche Coping-Schulungen nur in Essen?

Paust: Nein. Seit 2002 hat das Elisabeth-Krankenhaus Essen neben den Coping-Schulungen für Diabetiker auch Seminare für Trainer anderer Diabetes-Schulungseinrichtungen im Programm. Das Interesse an diesem Angebot war von Anfang an sehr groß. Heute gibt es zahlreiche ausgebildete und zertifizierte Zentren und Praxen in ganz Deutschland, die ihren Patienten Coping-Schulungen anbieten können.

Bildunterschrift: Diplom-Pädagoge Rainer Paust - Leiter des Projektes "Coping-Schulung für Menschen mit Diabetes" und Koordinator der psychosozialen Betreuung im Brustzentrum Essen.
Bildquelle: Elisabeth-Krankenhaus EKE

zuletzt bearbeitet: 23.07.2009 nach oben

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