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Neue Daten zur Ernährung: Nationale Verzehrsstudie II und EURODIAB Prospective Complications Study

Dr. med. Monika Toeller, Sprecherin der Leitlinien-Kommission der DDG "Ernährung und Diabetes mellitus" und Leiterin des Bereiches Ernährung und Schulung des Deutschen Diabetes-Zentrums im Rahmen der 44. DDG-Jahrestagung

Dr. med. Monika Toeller Übergewicht ist ein Hauptrisikofaktor für die Entwicklung eines metabolischen Syndroms, das zumeist mit Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, herabgesetzter Insulinempfindlichkeit und gestörter Glukosetoleranz einhergeht und infolge mit Erkrankungen der großen und kleinen Blutgefäße vergesellschaftet ist - ein Prozess, der mit eingeschränkter Lebensqualität und Lebenserwartung verbunden ist.

Die Nationale Verzehrsstudie II, eine populationsbezogene Querschnittserhebung, stellt fest, dass in Deutschland bei 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen bereits Übergewicht mit einem BMI von > 25 kg/m2 vorliegt und jeder fünfte Bundesbürger im Alter von 14 bis 80 Jahren adipös ist, das heißt einen BMI (Body-Mass-Index) von über 30 kg/m2 aufweist.

Neben unzureichender körperlicher Aktivität spielt vor allem ungünstiges Ernährungsverhalten eine wesentliche Rolle in diesem Prozess. Wenn die Hauptprobleme in der derzeitigen Ernährung erkannt sind, eröffnen sich Chancen, gezielt mit Gesundheitsprogrammen ungünstiges Essverhalten durch das Angebot gesünderer Alternativen in der Bevölkerung anzugehen. Dies ist besonders für Risikogruppen notwendig. Im Zusammenhang mit Diabetes ist Ernährung nicht nur eine effektive Maßnahme zur Prävention, sondern nach der Diagnose Diabetes mellitus auch ein unabdingbarer Teil der Diabetestherapie.

Was sind die Hauptprobleme in der Ernährung heute?

In allen aktuellen Ernährungserhebungen in Deutschland und den benachbarten europäischen Ländern zeigt sich: Der überhohe Anteil von gesättigten Fettsäuren in der Nahrung und der geringe Verzehr von Ballaststoffen gehören neben zu hoher Energieaufnahme bei geringer körperlicher Aktivität zu den Hauptproblemen.

Nach der Nationalen Verzehrsstudie sind Fette, Fleisch und Wurst, Milch und Käse, Back- und Süßwaren Hauptlieferanten für die Fettzufuhr. Die empfohlene obere Grenze für den täglichen Fettverzehr wird von 80 Prozent der Männer und von 76 Prozent der Frauen überschritten. In allen Altersgruppen liegt der mittlere Verzehr über den wünschenswerten Mengen. Dies ließ sich in der DONALD-Studie auch schon für Kinder nachweisen. Da häufig verzehrte Fettlieferanten vor allem ungünstige gesättigte Fettsäuren, Cholesterin und Transfette liefern, sind Einschränkungen oder günstigere Alternativen zu fordern.

Menschen mit Diabetes - vor allem, wenn sie nicht ausreichend in gesundheitsbewußtem Essverhalten geschult wurden - tendieren oft zu noch ungesünderem Verhalten in ihrer Fettmenge und Auswahl als Nichtdiabetiker. Sie sind häufig geneigt, ihre Kohlenhydrate - zumeist unnötigerweise - einzuschränken und stattdessen mehr Fett und Protein zu verzehren.

In der EURODIAB Prospective Complications Study, in der wir europaweit die Nahrungsaufnahme von Menschen mit Typ-1-Diabetes analysiert haben, lag die Aufnahme der gesättigten Fette bei 14 Prozent der Energie. Das ist doppelt so hoch wie die obere Empfehlungsgrenze, die auf eine Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzielt. Weniger als 2 Prozent der Patienten der EURODIAB-Kohorte erreichten die wünschenswerte Aufnahme gesättigter Fette von unter 7 Prozent der Energie.

Auch bei Patienten aus mediterranen Regionen, die in ihrer Ernährung bisher als gesundheitlich vorbildlich eingestuft wurden, lag die Zufuhr gesättigter Fette deutlich über den Empfehlungsgrenzen. Traditionelle Verzehrmuster dieser Regionen, die durch die Aufnahme von günstigen Fetten in Form von Olivenöl und Fisch gekennzeichnet waren, sind heute dort in der Regel kaum noch anzutreffen.

Problematisch ist auch der geringe Ballaststoffverzehr. In der Nationalen Verzehrsstudie wurde der Richtwert von 30 g Ballaststoffe pro Tag von 68 Prozent der Männer und von 75 Prozent der Frauen nicht erreicht. Hauptquellen für die Ballaststoffzufuhr in der deutschen Bevölkerung sind Brot, Obst und Gemüse. Während sich in der Nationalen Verzehrstudie Brot zwar als das am häufigsten verzehrte Lebensmittel zeigt, ist die Qualität des Brotes nicht immer so beschaffen, dass reichlich Ballaststoffe enthalten sind.

Getreideprodukte aus vollem Korn sind am ehesten geeignet, um eine ausreichende Ballaststoffaufnahme zu sichern. Darüber hinaus sind frisches Obst und Gemüse hervorragende Quellen für Ballaststoffe. Diese werden in der Bevölkerung noch nicht in günstiger Menge berücksichtigt. Besonders der Verzehr von Gemüse entspricht nicht der Empfehlung von 400 g Gemüse pro Tag. 88 Prozent der Befragten in der Nationalen Verzehrsstudie unterschreiten diese wünschenswerte Zufuhr. Außerdem werden etwa die Hälfte der verzehrten Kohlenhydrate als Mono- und Disaccharide - also rasch aufschließbare Kohlenhydrate - aufgenommen. Bei den Süßwaren schlagen vor allem Süßigkeiten und süße Aufstriche zu Buche, die kaum geeignet sind Ballaststoffe zu liefern.

Auch bei Diabetikern ist der Ballaststoffverzehr unerwünscht niedrig. In der EURODIAB Prospective Complications Study lag der Verzehr im Mittel bei nur 18 g/Tag, obgleich gerade Menschen mit Diabetes durch eine höhere Ballaststoffzufuhr Vorteile für ihre Stoffwechselwerte - die Blutglukoseeinstellung und die Blutfette - erreichen können. In der Studie von Jenkins und Kollegen (JAMA 2008) zeigte sich kürzlich erneut, dass durch ein Absenken des glykämischen Index der Kost und durch höheren Ballaststoffverzehr eine statistisch signifikante Verbesserung der HbA1c-Werte und von kardiovaskulären Risikofaktoren erreicht werden kann.

Kann eine einheitliche, gut lesbare Nährwert-Kennzeichnung auf den Lebensmitteln helfen, die Ernährungssituation in der Bevölkerung und speziell bei Diabetikern zu verbessern?

Eine geplante, europaweite Kennzeichnung der Lebensmittel mit wesentlichen Nährwert-Angaben für alle Verbraucher ist sicher ein wichtiger Schritt zu einer besser informierten Gesellschaft. Fitzgerald und Kollegen (J Am Diet Assoc 2008) haben zeigen können, dass Personen mit höherem Ernährungswissen-Score die Nährwert-Kennzeichnung auf Lebensmitteln signifikant häufiger nutzen und gesundheitsbewusster konsumieren.

Diese Personen, Diabetiker und Nichtdiabetiker, nahmen weniger tierische Fette, weniger Salz und mehr Ballaststoffe zu sich. Sie konsumierten seltener und geringere Mengen an Softdrinks, Süßigkeiten und Salzgebäck. Dagegen aßen sie häufiger Obst und Gemüse, also gesundheitsbewusster. Geschulte Diabetiker in der Untersuchung zeigten deutlich bessere Ergebnisse als Nichtgeschulte. Damit sind sowohl von einer sinnvollen Nährwert-Kennzeichnung der Lebensmittel als auch durch Förderung von Ernährungswissen positive Effekte für die derzeit unzureichende Ernährungssituation zu erwarten.

Bildunterschrift: Dr. med. Monika Toeller
Bildquelle: Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 22.05.2009 nach oben

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