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Das metabolische Syndrom einkreisen

Die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! verfolgt auf ihrer Jahrestagung verschiedene Ansätze, um der drohenden gesundheitlichen Katastrophe zu begegnen

Mit ihrer bereits zur Tradition gewordenen Veranstaltung am Stiftungssitz in Baierbrunn hat die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! Anfang Juli ihre Bemühungen fortgesetzt, das öffentliche Bewusstsein für die Gefahren des metabolischen Syndroms noch mehr zu sensibilisieren sowie Therapie und Aufklärung weiter voranzutreiben. Die Dimension des Problems macht es nötig, dass Wissenschaft, Gesundheitswesen und Medien an einem Strang ziehen. Dieses Bündeln der Ressourcen hat sich die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! zur Aufgabe gemacht. Um die Akteure der unterschiedlichen Bereiche zusammenzubringen, fanden bereits zum dritten Mal an einem Wochenende ein wissenschaftliches Symposium, eine Fortbildungsveranstaltung für Ärzte sowie die Medien- und Gesundheitspreisverleihung statt. Stets im Mittelpunkt: das metabolische Syndrom.

Moderiert wurde das wissenschaftliche Symposium von Professor Markolf Hanefeld, Direktor des Zentrums für klinische Studien der Technischen Universität Dresden. Zu Anfang ging der Vorstand der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! und Erstbeschreiber des metabolischen Syndroms auf die kürzlich geäußerte Kritik am Konzept ein. "Das metabolische Syndrom ist mehr als nur die Summe seiner einzelnen Komponenten", sagte Hanefeld entschieden. Der Nutzen des Konzepts stehe außer Frage und stelle einen wichtigen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes dar. Der Mediziner wies allerdings darauf hin, dass er die Kriterien der International Diabetes Federation (IDF) für sehr streng hält: "Durch diese Definitionsänderung verdoppelt sich gewissermaßen die Zahl der Gefährdeten."

Schon mit den älteren, besser praktikablen Kriterien seien 35 bis 40 Prozent der deutschen Bevölkerung vom metabolischen Syndrom mit seinen Komponenten Bluthochdruck, Übergewicht, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen betroffen. Dazu würden unter anderem der Verlust an traditionellen Werten, an familiären Bindungen sowie eine grundlegende Änderung des Essverhaltens beitragen. Dass diese Einflüsse von großer Bedeutung sind, zeige sich derzeit im Osten Europas, wo eine massive Änderung der Lebensbedingungen über die Menschen hereinbreche, konstatierte Hanefeld: "Eines ist daher klar: Lebensstiländerungen sind unverzichtbare Bestandteile der Therapie des metabolischen Syndroms."

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Welchen Einfluss haben die Gene?

Über den aktuellen Stand der genetischen Forschung informiert Privatdozent Dr. Thomas Illig vom Helmholtz Zentrum München. "Auch wenn bis heute keine Risikogene für das metabolische Syndrom gefunden wurden, für die einzelnen Komponenten sind einige sehr wohl bekannt." Neue technische Methoden haben in den letzten Jahren die Möglichkeiten der Genetiker dramatisch verbessert. "Heute können wir mit einem DNA-Chip für eine Person bis zu eine Million Gene gleichzeitig analysieren", erklärte Illig. Beispiel Diabetes, dem Bestandteil des metabolischen Syndroms, für das die Genetik die größten Erfolge aufzuweisen hat.

Inzwischen sind mehr als 15 Gene bekannt, die mit der Entwicklung einer Zuckerkrankheit in Zusammenhang stehen. "Durch die Analyse von Proben aus der Augsburger CORA-Kohorte, die mehr als 20.000 Personen einschließt, konnten wir dazu ebenfalls einen Beitrag leisten", berichtet Illig. Zwar sei die Funktion vieler dieser Gene bisher noch nicht bekannt, doch scheint es, als ob einige die Steuerung der insulinproduzierenden Betazelle der Bauchspeicheldrüse beträfen. "Die Betazelle spielt daher vermutlich nicht nur bei der Entstehung von Typ-1-Diabetes, sondern auch beim Typ 2 eine wichtige Rolle."

Auch für die Komponenten Übergewicht und Fettstoffwechselstörung liefert die Genetik inzwischen interessante Ergebnisse. Für Bluthochdruck sind hingegen bisher keine Gene gefunden worden. „Das heißt aber nicht, dass es keine gibt, sondern nur, dass es offenbar um noch komplexere Zusammenhänge geht“, sagt Illig.

Angriffspunkt Gefäßwand

Auf die krank machenden Vorgänge in den Blutgefäßen bei Menschen mit metabolischem Syndrom lenkte Professor Dr. Thomas Meinertz den Blick der Teilnehmer. Der Ärztliche Leiter der Klinik und Poliklinik für Kardiologie-Angiologie der Medizinischen Klinik III des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf beschrieb, wie durch das Syndrom bedingter oxidativer Stress zu folgenschweren Veränderungen an der Innenauskleidung der Arterien führt: "Auf dem Weg zu einer Arteriosklerose kommt es zunächst zu der sogenannten endothelialen Dysfunktion." Neben den einzelnen Komponenten des metabolischen Syndroms gehören auch Alter, familiäre Belastung sowie Tabakkonsum zu den Auslösern.

Was passiert? Aufgrund des vermehrten oxidativen Stresses fallen vermehrt aggressive Moleküle (Radikale) an. Weil diese die Kohlenmonoxid-Konzentration reduzieren, erschlaffen die Muskelzellen in der Gefäßwand nicht wie gewohnt. In der Folge können die Gefäße ihren Durchmesser schlechter an die jeweiligen Druckverhältnisse anpassen - ein Problem, das letztlich zu gefährlichen Wandveränderungen führt. Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es dafür? Eher skeptisch bewertet Professor Meinertz den Einsatz von Vitaminen. "Günstig scheint hingegen Selen zu sein. Auch Omega-3-Fettsäuren haben offenbar einen positiven Effekt", sagte Meinertz.

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Keine Zucker-, sondern eine Fettsäurekrankheit?

Auf die besondere Rolle von Fett beim metabolischen Syndrom ging anschließend Professor Dr. Gerd Schmitz, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin in Regensburg, ein und stellte dabei die provokante Aussage - „Diabetes ist eigentlich eine Fettsäurekrankheit. Zucker kommt erst an zweiter Stelle!" - in den Raum. Um das zu belegen, erläuterte Schmitz die unmittelbaren Folgen, die eine kalorienreiche Ernährung verbunden mit geringer körperlicher Aktivität hat. "Jedes Organ ist von der hohen Fettzufuhr betroffen", sagte der Mediziner.

In erster Linie wird es vermehrt im Bauchfett und im Unterhautfettgewebe eingelagert, aber auch in der Leber, sogar in den Muskeln. In den Zellen treten Lipidtropfen auf, im Blutplasma und den Blutzellen ist ein typisches "Lipidprofil" festzustellen. Da sich die gesamte Fettverarbeitung durch den oxidativen Stress und das übermäßige Fettangebot ändert, fallen bestimmte Stoffe in großen Mengen an, die den Aktivitätsgrad vieler Gene beeinflussen und somit dazu beitragen, die beim metabolischen Syndrom vorhandene unterschwellige Entzündung zu unterhalten. Dann zeigte Schmitz, über welche biochemischen Prozesse dies geschieht und welche Zellorgane daran beteiligt sind. Letztlich führen all diese Abläufe zu den gefährlichen Veränderungen der Gefäßwand mit den bekannten und gefürchteten Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die Geheimnisse der Fettspeicher

Mit dem Einfluss des Fettgewebes auf die erwähnte unterschwellige Entzündung beschäftigte sich Professor Dr. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin, in seinem Vortrag: "Fettgewebe enthält natürlich in erster Linie Fettzellen, aber eben auch andere Zelltypen, die für den Krankheitsprozess durchaus von Bedeutung sind". Dazu zählen Immunzellen, Vorläuferzellen der Fettzellen (Präadipozyten) sowie die Zellen, die die Wand der kleinen Gefäße auskleiden (Endothelzellen). Alle produzieren gewisse Botenstoffe, die - zumindest zum Teil - dazu beitragen, die unterschwellige Entzündung zu unterhalten.

Intensiv erforscht werden derzeit die Signalstoffe, die Fettzellen ausscheiden. Deren derzeit bekanntester Vertreter ist wohl das Hormon Leptin. Der Ernährungsspezialist wies auch auf den Zusammenhang zwischen einer fettreichen Ernährung und der Ansiedlung von Immunzellen wie Makrophagen und Lymphozyten im Fettgewebe hin - auch dies ein Entzündungszeichen. "Es besteht eine direkte Assoziation zwischen dem Body-Mass-Index, also dem Gewicht, und der Zahl der Makrophagen im Fettgewebe", sagte Hauner. Gelingt es einer Person abzunehmen, geht die Zahl zurück. "Durch diätische Interventionen und vor allem durch Gewichtsreduktion lässt sich die Entzündungsaktivität im Fettgewebe deutlich verringern", betonte Hauner die Bedeutung einer Ernährungsumstellung bei der Therapie des metabolischen Syndroms.

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Schwerpunkte der Behandlung

Die Fortbildungsveranstaltung der Stiftung Rufzeichen Gesundheit für Ärzte am Tag darauf stand ganz im Zeichen erfolgreicher Therapiestrategien für Menschen mit metabolischem Syndrom. Welche Medikamente dabei für die einzelnen Komponenten infrage kommen erläuterte Professor Dr. Curt Diehm, Chefarzt der Inneren Abteilung am Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, einem Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg. Der Kardiologe wies aber auch darauf hin, dass sich ohne grundlegende Lebensstiländerungen kein dauerhafter Erfolg einstellt.

Richtig essen

Professor Dr. Hans Hauner ging im Anschluss auf die Grundprinzipien einer gesunden Ernährung ein. Der Ernährungsmediziner zeigte dabei detailliert den Einfluss verschiedener Nahrungsmittelbestandteile (Zucker, Ballaststoffe, gesättigte Fettsäuren etc.) auf die verschiedenen Komponenten des metabolischen Syndroms auf. Wie diese Vorgaben an Hauners Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin mit Patienten erarbeitet werden, erläuterte daraufhin die Diätassistentin Margit Hausmann. Ziel müsse es sein, das Gewicht langsam, aber nachhaltig zu reduzieren, sagte sie. Dazu sei es wichtig, die Menge an täglich aufgenommenen Kalorien zu vermindern, aber auf eine ausreichende Sättigung zu achten. "Und es müssen die persönlichen Essgewohnheiten berücksichtigt werden. Sonst halten die Patienten nicht durch", sagte Hausmann.

Immer in Bewegung bleiben

Wie sich die körperliche Aktivität der Betroffenen steigern lässt, erläuterten die folgenden Referenten. Professor Petra Wagner von der Technischen Universität Kaiserslautern stellte ein spezielles Konzept für Gesundheitssport vor, das inzwischen vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sowie dem Deutschen Turnerbund (DTB) übernommen wurde und von den Spitzenverbänden der Krankenkassen als beispielhaft angesehen wird. Die Ausgewogenheit, Dosierung und hohe Qualität des Programms kam in einer Studie, in der die Nachhaltigkeit getestet wurde, gut an: Nach einem Jahr waren noch immer 85 Prozent der Teilnehmer aktiv, nach drei Jahren immerhin noch 76 Prozent. Diplom-Sportlehrerin Marion Trägler vom Zentrum für kardiologische Rehabilitation und Prävention in Darmstadt berichtete von ihrer Arbeit und zeigte Vor- und Nachteile einzelner Sportarten in der Behandlung des metabolischen Syndroms auf.

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Die Rolle des Hausarztes

Über die Rolle der Hausärzte in der Behandlung des metabolischen Syndroms referierte der in Grafing bei München niedergelassene Hausarzt Dr. Ulrich Huntgeburth. Dazu sei es nötig, sagte der Facharzt für Allgemeinmedizin überzeugt, nach einer gründlichen Anamnese und Risikoabschätzung, den Patienten zu informieren, zu motivieren und dauerhaft zu führen. Dies allerdings könne in den augenblicklichen hausärztlichen Strukturen nur schwer erreicht werden, weshalb für Huntgeburth der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie darin besteht, die Kompetenzen der medizinischen Fachangestellten in der Hausarztpraxis zu stärken. "Diese entlasten dann den Hausarzt und halten intensiv Kontakt zum Patienten", sagte der Mediziner. Dass dieses Konzept funktioniert, hat Huntgeburth bereits im Rahmen einer Schlaganfall-Studie nachgewiesen. Die intensive Betreuung durch speziell geschulte Arzthelferinnen ließ den Blutdruck bei den Studienteilnehmern innerhalb eines Jahres um fast zehn mm Hg sinken. "Wir schätzen, dass sich ein Drittel der Schlaganfälle auf diese Weise verhindern lassen", berichtete der Hausarzt.

Herausragende Arbeiten und Projekte prämiert

Im dritten Teil der Veranstaltung der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! stand die Verleihung von Gesundheits- und Medienpreis auf dem Programm. Den mit 25.000 Euro dotierten Gesundheitspreis 2008 erhielt dabei das Projekt "ScienceKids - Kinder entdecken Gesundheit" der AOK Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Hochschulen Karlsruhe, Heidelberg und Konstanz. Auf innovative Art und Weise ermögliche das für Kinder an Grundschulen entwickelte Unterrichtsprogramm die Prävention von Übergewicht bereits im Kindesalter, stellte die Jury fest.

Den Medienpreis vergab die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! in diesem Jahr für die Kategorien Print und Fernsehen. Den in der Wochenzeitung "Die ZEIT" erschienenen Artikel "Dick in Afrika - Übergewicht und Diabetes breiten sich in Entwicklungsländern aus" von Dr. Harro Albrecht zeichnete die Jury in der Sparte Print aus. An Monika Grebe verlieh die Jury den Preis in der Kategorie Fernsehen. Die WDR-Redakteurin und ihr Team hätten in ihrem Beitrag "Warum werden unsere Kinder immer dicker?", der in der Sendereihe Quarks&Co des WDR-Fernsehens ausgestrahlt wurde, es vorbildlich geschafft, die Ursachen der weltweiten Zunahme von Übergewicht bei Kindern aufzuzeigen und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken darzustellen.

zuletzt bearbeitet: 29.07.2008 nach oben

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