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Schlemmen bis das Herz streikt:

Pressemitteilung: BERLIN-CHEMIE AG

Therapie des postprandialen Blutzuckers reduziert die kardiovaskuläre Morbidität

Der Typ-2-Diabetes ist eine prandiale Erkrankung. Hohe postprandiale Blutzuckerwerte korrelieren mit einer erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität. Die Sterblichkeit ließe sich senken, wenn die Zuckerspitzen nach dem Essen konsequent behandelt würden. Dazu müssen sie jedoch zunächst sichtbar gemacht werden - durch die prä- und postprandiale Blutzuckermessung. PD Dr. med. Matthias Frank, Neunkirchen und Saarbrücken, betonte bei dem DDG-Symposium der BERLIN-CHEMIE AG "Deutschland 2008: ein Schlemmermärchen!? Messen - Essen - Handeln", dass diabetische Patienten nur über die Selbstkontrolle lernen können, wie sich Antidiabetika und Nahrung auf ihre Erkrankung auswirken.

Diabetische Komplikationen, vor allem makrovaskuläre Schäden, werden durch die akute Glukosetoxizität, das heißt durch prandiale Blutzuckerspitzen verursacht, erläuterte PD Dr. med. Thomas Kunt, Berlin. Dies zeigen auch verschiedene epidemiologische Studien. So konnte die DECODE-Studie (DECODE Study Group Lancet 1999; 354: 617-621) belegen, dass eine erhöhte Mortalität mit hohen postprandialen Blutzuckerspiegeln korreliert, nicht aber mit dem Nüchternblutzucker. Kunt verwies auch darauf, dass durch hohe postprandiale Werte eine Schädigung des Endothels hervorgerufen werden kann.

Weiterhin hat die Funagata-Studie (Taminaga et al.: Diabetes Care 1999; 22: 920-924) gezeigt, dass bereits Patienten mit eingeschränkter Glukosetoleranz (IGT: Impaired Glucose Tolerance) eine fast ebenso hohe kardiovaskuläre Mortalitätsrate aufweisen wie Patienten mit manifestem Diabetes. Das kardiovaskuläre Risiko wird demnach bereits in der prädiabetischen Phase angelegt, erläuterte Kunt. Die Mortalität lässt sich jedoch mit einer gezielten Senkung des postprandialen Blutzuckers günstig beeinflussen.

Neu: IDF-Leitlinie zur postprandialen Blutzuckermessung

Diese Erkenntnisse haben sich in aktuellen Empfehlungen verschiedener diabetischer Fachgesellschaften niedergeschlagen. Die Internationale Diabetes Vereinigung IDF hat letztes Jahr erstmals eine eigene Leitlinie zur postprandialen Blutzuckereinstellung (www.idf.org) herausgegeben. Allen Empfehlungen gemeinsam ist, so Kunt, dass die postprandialen Blutzuckerwerte unter 140 bis 145 mg/dl (7,8 bis 8,0 mmol/l) liegen sollten.

Sind "Low-Carb-Diäten" eine Option für Diabetiker?

In den sogenannten Low-Carb-Diäten wird der Kohlenhydratanteil der Nahrung reduziert, erläuterte Dr. oec. troph. Jutta Liersch, Leiterin des Diabetes-Schulungszentrums im Universitätsklinikum Gießen. Je nach Diätform liegt er bei 50 bis 150 Gramm pro Tag. Eine genaue Definition von Low Carb gibt es nicht. Das bedeutet jedoch automatisch, dass der Protein- und/oder der Fettanteil in der Ernährung steigt. Hier ergibt sich die erste Einschränkung: Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion - hierunter sind viele Diabetiker - kann eine proteinreiche Ernährung nicht empfohlen werden.

Eine aktuelle Metaanalyse (J.K. Kirk et al.: J Am Diet Assoc 2008; 108: 91-100) verschiedener Low-Carb-Diäten kommt zu dem Schluss, dass sich unter Low-Carb sowohl der HbA1c-Wert bessert als auch die Nüchternglukosespiegel und die Triglyzeride. Je niedriger die aufgenommene Kohlenhydratmenge, umso stärker verbessern sich Glukose- und Lipidprofil. Die kurze Studiendauer und geringe Patientenzahl machen weitere Untersuchungen erforderlich. Um die Vitamin- und Ballaststoffzufuhr zu gewährleisten, wird von der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft ADA (American Diabetes Association) ein Anteil von mindestens 130 Gramm Kohlenhydrate pro Tag empfohlen (Diabetes Care 2008; 31: Suppl 1: 61-78). Das entspricht je nach täglicher Kalorienaufnahme etwa 20-40 Kcal %.

Für den Langzeiterfolg einer Ernährungsstrategie ist immer noch die Akzeptanz der Anwender entscheidend, betonte Liersch. Hier kann eine strukturierte Ernährungsberatung auf der Basis von Ernährungsprotokollen mit Fokus auf den postprandialen Blutzucker hilfreich sein.

Chancen der postprandialen Blutzucker-Messung

Die Entgleisung des Blutzuckers beginnt postprandial, erläuterte PD Dr. med. Matthias Frank, Chefarzt für Innere Medizin/Intensivmedizin, Saarlandkliniken Kreuznacher Diakonie, Standorte Neunkirchen und Saarbrücken. Das konnten Monnier und Mitarbeiter bereits 2003 zeigen (Diabetes Care 26: 881-885). Bei HbA1c-Werten unter 7,5 Prozent trägt der postprandiale Blutzucker bis zu 70 Prozent zur Gesamthyperglykämie bei. Mit steigendem HbA1c-Wert sinkt dieser Anteil.

Während die Behandlung des Nüchternblutzuckers vor allem die Aufgabe des Arztes ist, der sicherstellen muss, dass keine Hypoglykämien auftreten, ist bei der postprandialen Therapie die Mitarbeit des Diabetikers gefragt, betonte Frank. Als große Motivationshilfe bietet sich die prä- und postprandiale Blutzucker-Selbstmessung an. Denn sie macht die Reaktion des Körpers auf die Nahrungsaufnahme sichtbar. Der Diabetiker lernt, wie Antidiabetika und Nahrungsaufnahme auf seinen Blutzucker wirken - und dass er diesen mit seinem Verhalten selbst verbessern oder verschlechtern kann. Dabei setzt Frank auf einen verhaltenstherapeutischen Prozess. Es gilt, die Bereitschaft des Patienten nicht einfach vorauszusetzen, sondern abzufragen. Nur so können Arzt und Patient zusammen einen individuellen Behandlungsweg finden.

1,5-AG - Marker für hohe postprandiale Blutzuckerspitzen

Der postprandiale Blutzucker spielt eine wesentliche Rolle für die Mortalität der Diabetiker, erläuterte Prof. Dr. Joachim Spranger, Charité, Berlin. Die Daten der DECODE-Studie (Lancet 1999; 354:617-621) zeigen, dass eine Senkung des postprandialen Zuckers um 2 mmol/l (36 mg/dl) etwa 30 Prozent der Todesfälle verhindern würde. Allerdings werden die Zuckerwerte nach den Mahlzeiten von den wenigsten Diabetikern selbst gemessen und gut dokumentiert.

Hilfreich für die Wahl und die Kontrolle der individuellen Therapie wäre ein Marker, der - analog zum HbA1c - den Verlauf der postprandialen Werte erfassen kann. Mit der enzymatischen Messung des Einfachzuckers 1,5-Anhydroglucitol steht ein solches Testverfahren zur Verfügung. Es ist in Japan bereits relativ gebräuchlich und seit kurzem in den USA zugelassen. In Deutschland ist das Verfahren jedoch noch weitestgehend unbekannt. Der Marker 1,5-AG wird renal ausgeschieden und korreliert invers mit dem postprandialen Blutzucker. Das heißt, dass bei hohen postprandialen Werten die 1,5-AG-Ausscheidung sinkt, erklärte Spranger.

Dieser neue Marker erfasst die postprandiale Glukose relativ gut und bildet dabei den Spiegel der letzten zwei Wochen ab. Spranger machte jedoch auch deutlich, dass die Anwendbarkeit und der Nutzen des Markers kritisch zu betrachten sei. 1,5-AG kann nicht bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen eingesetzt werden und ist auch in der Diagnostik des Diabetes nicht sinnvoll anwendbar. Zudem sei das Hauptproblem in der Diabetestherapie, dass nur etwas ein Drittel der Patienten die Therapieziele erreicht. Zwar können die Marker hier hilfreiche Informationen liefern, doch viel entscheidender und aussagekräftiger für eine individuelle Therapiegestaltung ist laut Spanger die regelmäßige Blutzuckerselbstmessung der Patienten. Diese sei Voraussetzung für eine erfolgreiche Diabetestherapie.

zuletzt bearbeitet: 10.07.2008 nach oben

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