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Motivation zu langfristiger Ernährungsumstellung:

Abstract zum Vortrag von PD Dr. rer. nat. Karin Lange im Rahmen eines Symposiums auf der 42. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Hamburg.

"Rationalität und Realität des Alltags"

PD Dr. rer. nat. Lange Die steigende Prävalenz von Übergewicht und Diabetes gibt in den westlichen industrialisierten Gesellschaften ebenso wie weltweit Anlass zu größter Sorge. Dies unterstreichen Resolutionen der WHO und auch aktuell der UNO. Die mit Übergewicht und Adipositas verbundenen Gesundheitsrisiken werden seit Jahrzehnten nicht nur in Fachkreisen diskutiert, sie sind in Deutschland längst zu einem Standard der täglichen Medienrealität geworden: keine Frauenzeitschrift ohne Rezepte zur Gewichtsreduktion, ständig reißerische TV-Reportagen über extrem adipöse Kinder, die Vielzahl der graphischen Umsetzungen der Ernährungspyramide in Broschüren für jedwede Bevölkerungsgruppe ist kaum noch überschaubar.

Hinzu kommt ein kontinuierlicher Fluss von Nachrichten darüber, welche Nahrungsmittel gerade "gefährlich" oder für die Gesundheit uneingeschränkt förderlich seien. Gewicht und gesunde Ernährung sind also aktuelle Themen, eine Mehrzahl der Deutschen ist in ständiger Besorgnis um ihr Gewicht, viele bezeichnen sich als gut informiert und gerade Übergewichtige sind oft diejenigen, die den Energiegehalt ihrer Mahlzeiten besonders genau einschätzen können. Der Blick auf die steigenden Prävalenzdaten zur Adipositas in Deutschland zeigt aber auch, dass dieses Wissen wenig handlungsleitend ist. Die Wirksamkeit des Rationalitätsprinzips in der Ernährungsberatung erscheint mehr als fraglich.

Aus psychologischer Sicht kann Adipositas nicht auf ein Energiebilanzproblem reduziert werden. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe "Normvariante", bei der neben körperlichen Faktoren (u. a. genetische, endokrine, stoffwechselbezogene) kognitive, affektive und Verhaltensmerkmale sowie soziokulturelle Faktoren bei der Entstehung und im Verlauf interagieren. Die ärztliche Verordnung zur Ernährungsumstellung allein - ohne die verantwortliche Einbeziehung der Betroffenen in ihrer persönlichen Lebenssituation - ist in der Regel erfolglos. [1,2]

Zur Frage der Determinanten gesunden (Ernährungs-)Verhaltens wurde bereits in den 50er Jahren das "Health Belief Model" als eines der ersten psychologischen Konzepte publiziert. Es beruht auf der Annahme, dass subjektive Einschätzungen (health beliefs) und nicht objektive Fakten das selbstverantwortliche Handeln des Einzelnen im Alltag bestimmen. Danach steigt die Bereitschaft, das Ernährungsverhalten lebenslang zu modifizieren, mit der realistischen Einschätzung des individuellen Gesundheitsrisikos durch Übergewicht. Weiterhin steigt sie mit der subjektiven Überzeugung, dass eine Ernährungsumstellung erfolgreich sein kann und die damit verbundenen Barrieren überwindbar sind. In vergleichbarer Weise beziehen sich neuere Konzepte zum "Empowerment" in der Diabetologie auf die persönlich bedeutsamen Einschätzungen, Ziele, konkreten Erfahrungen und Fähigkeiten der Patienten. [3] Auch aktuelle Modelle zum Gesundheitsverhalten wie der "Health Action Process Approach" [4] stellen zunächst die Motivationsphase mit persönlicher Risikoeinschätzung, Ergebniserwartungen und Einschätzungen der Selbstwirksamkeit als erstem Schritt zur Verhaltensänderung in den Vordergrund. Die darauf folgende Handlungsphase mit der Planung, Durchführung und Bewertung der Ergebnisse wird wiederum durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, d. h. des sich selbst zugeschriebenen Erfolgs, geprägt.

Für die Beratung zur langfristigen Ernährungsumstellung von übergewichtigen Menschen ergeben sich daraus zentrale Ansatzpunkte:

  1. zunächst sollte das individuelle Gesundheitsrisiko und dessen Bedeutung für den Betroffenen erarbeitet werden;
  2. weiterhin sind realistische Erwartungen an den Aufwand und den Erfolg einer Ernährungsumstellung unerlässlich;
  3. persönliche Stärken, aber auch Barrieren sollten analysiert werden, um einen individuell zugeschnittenen Verhaltensplan zu erstellen;
  4. das Training der neuen Ernährungsgewohnheiten sollte die psychosoziale Realität einbeziehen und Möglichkeiten zur Stabilisierung eröffnen;
  5. individuell zugeschnittene Strategien zur nachhaltigen Aufrechterhaltung der neuen Ernährungsgewohnheiten anbieten (Selbst-Management, Umgang mit psychosozialen Belastungen, Selbstwirksamkeitserwartungen).

Entgegen den nachvollziehbaren Wünschen der Betroffenen und auch ihrer Therapeuten muss jedoch wahrhaftig vermittelt werden, dass die Reduktion einer seit Jahrzehnten aufgebauten Adipositas nicht innerhalb weniger Monate realisiert werden kann - trotz gegenteiliger Berichte aus der Medien(-traum-)welt.

Quellen

  1. Mensing C, et al. National standards for diabetes self-management education. Diabetes Care: 2003; 26:S149-S156.
  2. Herpertz S, Petrak F, Albus C, Hirsch A, Kruse J, Kulzer B. Psychosoziales und Diabetes mellitus. Evidenzbasierte Diabetes-Leitlinie DDG. Hrsg. Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und Deutsches Kollegium Psychosomatische Medizin (DKPM). Diabetes Stoffw. (2003) 12:69-93.
  3. Lange K, Hirsch A. (Hrsg) Psycho-Diabetologie. Kirchheim, Mainz, 2002.
  4. Schwarzer R. Psychologie des Gesundheitsverhaltens. (3. Aufl.). Göttingen: Hogrefe, Göttingen 2004.

Bildunterschrift: PD Dr. rer. nat. Karin Lange, Medizinische Psychologie, Medizinische Hochschule Hannover.
Bildquelle: Abbott Diabetes Care

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zuletzt bearbeitet: 16.05.2007 nach oben

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