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Wie viele Insuline brauchen Diabetiker?

Pressemitteilung: Diabetes-Portal DiabSite

Diabetes-Portal DiabSite bietet Plattform für Insulin-Diskussionen

Insuline sind in den letzten Wochen in die Diskussion geraten. Während Diabetiker, Ärzte, Verbände und andere Institutionen über den Nutzen und die Notwendigkeit neuer Insuline debattieren, nehmen Firmen ältere Insuline vom Markt. Die sich zuspitzenden Debatten um Insuline für Menschen mit Diabetes verunsichern Patienten und Ärzte.

Die Diskussion um Insulinanaloga entzündet sich an einem Vorbericht zu kurzwirksamen Insulinanaloga für die Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 ("Alterszucker"), den das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) Anfang August veröffentlichte (DiabSite berichtete). Das Institut stellt darin fest, dass schnellwirksame Analog-Insuline, die teurer sind als ähnlich wirkende Humaninsuline, nicht zu einer besseren Blutzuckereinstellung mit weniger Unterzuckerungen führen.

Der Deutsche Diabetiker Bund (DDB) reagiert verärgert und setzt sich für die freie Therapieentscheidung des Arztes und ein selbstbestimmtes Leben mit Diabetes ein (DiabSite berichtete). Der DDB-Bundesvorsitzende kritisiert die Vorgehensweise des IQWiG, das Diabetikern lediglich aus wirtschaftlichen Gründen die gut handhabbaren Insulinanaloga verwehren wolle.

Am 21. Februar 2006 wird der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der das Gutachten beim IQWiG in Auftrag gegeben hatte, darüber entscheiden, ob Typ 2 Diabetiker auch künftig noch schnellwirksame Analog-Insuline zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse erhalten. Diabetiker und Diabetes-Experten befürchten ein Nein und damit massive Rückschritte in der Diabetestherapie.

Neben der Diskussion um die schnellwirksamen Insulinanaloga für Typ 2 Diabetiker erregt die geplante Einstellung des Insulins Semilente® die Gemüter: Zum 30. Juni 2006 will die Firma Novo Nordisk das Produkt vom Markt nehmen. Die erforderliche Neuzulassung für das Medikament sei wegen verschärfter Sicherheitsbestimmungen nicht zu bekommen, ist von Firmenseite zu hören. Nach Meinung der Fachgesellschaft diabetologisch tätiger Ärzte (DDG) gibt es jedoch für dieses Insulin, das in Deutschland noch immer rund 12.000 Patienten nutzen, keine Alternativen. Mit seinem speziellen Wirkprofil verhindere es besser als andere Insuline einen Blutzuckeranstieg in den frühen Morgenstunden.

Bereits am 15. März 2005 hatte die Firma Berlin-Chemie ihr letztes tierisches Insulin vom Markt genommen. Seitdem bekommen einige Diabetiker, die tatsächlich auf Humaninsuline oder darin enthaltene Konservierungsstoffe allergisch reagieren, tierische Insuline nur noch als Importware aus anderen Ländern. Dabei setzen sich engagierte Patienten seit Jahren für die weitere Verfügbarkeit von tierischen Insulinen ein. Einige, weil sie einfach kein Insulin spritzen wollen, das mit Hilfe der Gentechnik hergestellt wird, andere, weil sie damit Hypoglykämien (Unterzuckerungen) besser wahrnehmen.

Viele Diabetiker brauchen Insulin, weil ihre Bauchspeicheldrüse es nicht oder nicht mehr in ausreichender Menge herstellt, beziehungsweise das körpereigene Insulin nicht vollständig zur Wirkung kommt. Und eine Insulintherapie sollte so individuell wie möglich an die Bedürfnisse der Menschen mit Diabetes angepasst werden. Darüber sind sich wohl alle einig. Aber wie viele und welche Insuline brauchen Diabetiker wirklich, und wie viel darf das kosten?

DiabSite bittet Entscheider um Stellungnahmen

Das Diabetes-Portal DiabSite bat Patienten- und Firmenvertreter sowie verschiedene Institutionen und Organisationen um Stellungnahmen und eine Fortsetzung der Diskussionen rund ums Insulin. Die Beiträge lesen Sie dann auf DiabSite. Angefragt wurden:

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Hintergrundinformationen zu Insulinen

Das Hormon Insulin wird in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse hergestellt und fördert den Transport von Energie (Zucker) aus dem Blut in die Zellen. Diabetikern fehlt das Hormon, oder es kann nicht richtig zur Wirkung kommen (Insulinresistenz). Insulin besteht aus 51 Aminosäuren, die in zwei sogenannten Polypeptidketten angeordnet sind. Die A-Kette mit 21 und die B-Kette mit 30 Aminosäuren sind durch zwei Brücken (Disulfidbrücken) miteinander verbunden.

Seit über 80 Jahren werden Diabetiker mit Insulin behandelt (DiabSite berichtete). Am Anfang standen für die Therapie ausschließlich Rinder- und Schweine-Insuline zur Verfügung. Diese unterscheiden sich zwar nur wenig vom menschlichen Insulin, verursachen aber dennoch bei manchen Patienten Allergien - besonders durch die anfangs mangelhafte Reinheit der Insulinpräparate. Zudem reichen die Produktionsmengen durch die begrenzte Zahl von Schlachttieren nicht für die steigende Anzahl an Diabetikern.

Humaninsuline werden seit Anfang der 80er Jahre mit gentechnisch veränderten Bakterien (Escherichia coli) und Hefezellen hergestellt. Sie unterscheiden sich nicht mehr von dem im menschlichen Körper produzierten Insulin. Die Gentechnik ermöglicht außerdem die Herstellung der erforderlichen Insulinmenge und aus der Sicht vieler Experten eine Verminderung von allergischen Reaktionen.

Sogenannte Insulindesigner entwickeln seit gut 20 Jahren Insuline mit unterschiedlichen Eigenschaften und Wirkungsweisen. Seit Mitte der 90er Jahre kommen sie als sogenannte Insulin-Analoga auf den Markt. Analoga sind Humaninsuline mit einer gentechnisch abgeänderten Aminosäuresequenz, sprich anderen Reihenfolge der Aminosäuren in den Ketten und weiteren Änderungen. Diese neuen Kunstinsuline wirken entweder ultraschnell als Ersatz für die Bolusinsuline oder ultralangsam als Ersatz für die Basalinsuline.

Alle tierischen Insuline, aber auch die Human- und Analoginsuline müssen gespritzt oder mit einer Insulinpumpe verabreicht werden. Neu, aber in Deutschland noch nicht im Handel, ist zurzeit ein Insulin, das vor dem Essen, ähnlich wie ein Asthmaspray, angewendet und über die Lunge aufgenommen wird.

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Autor: hu ; zuletzt bearbeitet: 06.02.2006 nach oben

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