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Ethik in der Diabetologie

Pressemitteilung: Diabetes-Portal DiabSite

Eine alte Frage neu gestellt

Der Andrang war groß. Viele Besucherinnen und Besucher des Symposiums "Ethik in der Diabetologie", das im Rahmen der 40. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) stattfand, ließen sich einfach auf dem Fußboden nieder. Der Anblick erinnerte an den Alltag in deutschen Universitäten. Selbst der ehemalige DDG-Präsident Professor Rüdiger Landgraf, der die Eröffnungsrede hielt, war erstaunt. Die Entscheidung, das Thema "Ethik" erstmals auf einem DDG-Kongress auf die Tagesordnung zu setzen, hatte ganz offensichtlich den Nerv vieler Teilnehmer getroffen.

Professor Landgraf zeigte das große Spannungsfeld auf, in dem sich die Diabetologie heute bewegt. Sie stehe zwischen moderner Medizin mit neuen Technologien und Therapien und einem Gesundheitssystem mit immensen Kostensteigerungen. Dadurch sei die Fachwelt tagtäglich mit ethischen Problemen konfrontiert. "Was soll ich tun? Welche Handlungen und welche Entscheidungen sind richtig oder falsch?", so lauten nach Landgraf die Kernfragen.

Nahtlos schloss sich das Referat von Dr. Alexander Risse an. Der Mediziner und Philosoph hielt das Fachpublikum nicht mit einer langatmigen Ethik-Definition auf, sondern stellte umgehend entscheidende Zusammenhänge her. "Überall wird jeder von uns mit essenziellen Wertefragen konfrontiert." Er nannte Stichworte wie Euthanasie, Sterbehilfe, Patientenverfügung, Zustände in Pflegeheimen oder Organspende.

Jeder Mensch muss Entscheidungen treffen, ob er will oder nicht. Auch keine Entscheidung zu treffen, ist bereits eine Entscheidung. Und aus Handlung folgt Verantwortung.

"Woher etwa", so Dr. Risse, "nimmt die Diabetologie ihre Werte, auf denen die entsprechenden Handlungen gründen? Kann, darf oder soll der Arzt einen Übergewichtigen zu Bewegung zwingen? Welche Therapieform wählt der Arzt für welchen Patienten? Wofür sind Ärzte beim Diabetes-Patienten verantwortlich?"

Aus den immer neuen Forschungsergebnissen, die die Wissenschaft liefert, folgen seiner Ansicht nach eben noch keine Handlungsanweisungen für Ärzte. Es sei daher für Diabetes-Experten an der Zeit, sich systematisch und kontinuierlich auch mit diesen Fragen zu beschäftigen. Anschließend rief er dazu auf, innerhalb der Diabetologie den Versuch zu unternehmen, Entscheidungen vernünftig zu begründen.

Dr. Michael Großheim, Professor für Philosophie an der Universität Rostock, rückte die Frage ins Blickfeld, wer für den Zustand des Körpers verantwortlich ist. Die chronische Erkrankung Diabetes erfordere, im Gegensatz zu akuten Krankheiten, eine Umstellung der Lebensführung. In diesem Zusammenhang spiele die Diätetik, die Lehre von der vernunftgemäßen Lebensweise, durch die körperliches und seelisches Wohlbefinden erreicht werden solle, eine große Rolle.

"Beim Thema Essen haben die Menschen heute kein Maß, keine Deregulierung mehr", so Prof. Großheim. Es herrsche das Prinzip vor: "Mehr-und-Mehr-haben-wollen" und als Ausgleich ab und zu ein Wellness-Wochenende. Und er warf die Frage auf, ob die Gesellschaft noch auf die Eigenverantwortung des Einzelnen setzen könne. Es wäre ja auch denkbar, übergewichtige Menschen beispielsweise durch höhere Krankenkassenbeiträge zu bestrafen, weil sie neben ihrem Körper schließlich auch die Solidargemeinschaft der Versicherten belasteten.

Großheim unterstrich, wie schon seine Vorredner, die Notwendigkeit einer systematischen Beschäftigung mit diesen Fragen. Leider seien die einzelnen Wissenschaften, in diesem Fall die Diabetologie und die Ethik, noch viel zu streng voneinander getrennt.

Die Ethik ist auch für Novo Nordisk ein integraler Bestandteil aller Prozesse, betonte Lise Kingo bei der Vorstellung des Ethik-Konzepts des dänischen Pharmakonzerns. Die pharmazeutische Industrie wirke manchmal wie ein Symbol für die Ungleichheit in der Welt. "Sie steht daher im Kreuzfeuer der Kritik und muss sich ihrer globalen Verantwortung stellen", so Kingo. Während in den Entwicklungsländern, in denen der größte Teil aller Diabetiker lebe, nur etwa 20 Dollar jährlich pro Person an Gesundheitsleistungen ausgegeben werden, seien es in den USA über 2.800 Dollar.

Es bleibt zu hoffen, dass der Diskurs "Diabetologie und Ethik", der auf dem Diabetes-Kongress in Berlin begonnen hat, fortgeführt wird. Es ist offensichtlich geboten, das wissenschaftlich und technisch Machbare kontinuierlich aus ethischer Perspektive zu hinterfragen, um zu menschlichen Handlungen zu kommen. Denn in der Ethik, so kompliziert sie auch im Detail sein mag, geht es letztendlich um die Frage: "Was ist Menschlichkeit?".

Autor: sg; zuletzt bearbeitet: 02.06.2005 nach oben

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