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Integrative Versorgung bei Bluthochdruck

Begleiterkrankungen wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht sind dabei von Bedeutung

Viele Millionen Menschen allein in Deutschland leiden an Bluthochdruck (Hypertonie). Mit einem innovativen Betreuungsangebot will die Medizinische Klinik und Poliklinik D des Universitätsklinikums Münster (UKM) die bislang gerade hier zu Lande sehr unbefriedigende medizinische Versorgung der Betroffenen nachhaltig verbessern. "Integrierte Versorgung" nennt Privatdozentin Dr. Eva Brand das jetzt angelaufene, von ihr und Klinikdirektor Prof. Dr. Hermann Pavenstädt entwickelte Programm, in das neben Ärzten unter anderem auch Sport- und Ernährungsexperten einbezogen sind.

Der Handlungsbedarf auf diesem Gebiet ist groß. Denn erhöhte Blutdruckwerte schädigen auf Dauer die Gefäße und die Funktion wichtiger Organe wie Herz, Gehirn und Nieren. Die meisten Schlaganfälle und viele Herzinfarkte gehen auf das Konto einer über Jahre hinweg nicht optimal behandelten Hypertonie. Für das zukunftsweisende Projekt konnte die bis November letzten Jahres an der Charité in Berlin tätige Oberärztin der Medizinischen Klinik D Kardiologen, Sportmediziner, Psychosomatiker, Frauenheilkundler und Epidemiologen des UKM sowie das Clemenshospital und etliche niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aus Münster und Umgebung mit ins Boot holen.

Gemeinsames Ziel ist eine auf das individuelle Risikoprofil der einzelnen Patienten zugeschnittene ganzheitliche Therapie. Ein besonderes Auge haben die Mediziner dabei nicht nur auf den Zustand der Gefäße und auf mögliche Begleiterkrankungen, wie vor allem Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht der Patienten, sondern auch auf deren Bewegungsverhalten, auf Rauchen und Alkohol, auf Stressfaktoren und insbesondere auch auf die Ernährungsweise.

Eine viel versprechende Säule im Hinblick auf eine optimale, individuell zugeschnittene Therapieempfehlung ist ferner eine Untersuchung auf das Vorliegen möglicher genetischer Veränderungen als erbliche Risikofaktoren. Denn seit wenigen Jahren erst ist bekannt, dass der Blutdruck bis zu 40 Prozent durch Erbfaktoren bestimmt wird, betont Eva Brand, deren Forschungsschwerpunkt die Genetik der Hypertonie ist. Das UKM, wo die Medizinerin ein genetisches Forschungslabor aufgebaut hat, ist bislang eine der wenigen Kliniken bundesweit, wo solche genetischen Untersuchungen durchgeführt werden.

Bei diesen Untersuchungen, für die dem Patienten lediglich zehn Milliliter Blut abgenommen werden, wird nach insgesamt zehn genetischen Veränderungen, sogenannten Gen-Polymorphismen, gezielt gefahndet. Auf Grundlage der Ergebnisse wird das erbliche Risiko eingeschätzt und gegebenenfalls eine engmaschige Kontrolle der Betroffenen vorgenommen. Vorbeugend wird auch deren engen Blutsverwandten eine genetische Untersuchung angeboten. Wichtig ist die Bestimmung der einschlägigen Erbfaktoren auch im Hinblick auf die medikamentöse Behandlung beziehungsweise Dosierung der jeweiligen Arzneimittel. Denn besondere Genvarianten können dazu führen, dass die einzelnen Präparate schneller oder langsamer im Körper verstoffwechselt werden, die Dosis also gegenüber den Angaben in der "Roten Liste", dem deutschen Arzneimittelverzeichnis, entsprechend erhöht oder reduziert werden sollten.

Am Anfang der Untersuchung steht jeweils ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. "Das kann sogar Medikamente einsparen", betont Brand die hohe Bedeutung einer eingehenden Erhebung möglicher Risikofaktoren und einer entsprechenden Beratung der Patienten. Allein der Umstieg auf eine salzarme, mediterrane Ernährung, ein Abbau überflüssiger Pfunde und mehr Bewegung können schon Vieles bewirken. Zur Diagnostik gehören neben einer Blut- und Urin-Untersuchung eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs, ein Belastungs-EKG und ein Ultraschall des Herzens sowie die DNA-Analyse zur Bestimmung charakteristischer Genvarianten. Bei guter Vorbereitung kann dies alles an ein und demselben Tag erfolgen.

Eine weitere Etappe ist dann eine Untersuchung im Institut für Sportmedizin des UKM, wo der körperliche Trainingszustand der Patienten über einen Belastungstest erfasst wird und darauf aufbauend eine sportmedizinische Beratung erfolgt. Weiterhin wird ausgewählten Patienten die Möglichkeit eines Gesprächs in der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik angeboten. Denn der Bluthochdruck kann auch durch Stress, Ängste oder unbewältigte persönliche Probleme, wie etwa der Eintritt ins Rentenalter oder die Trennung von Bezugspersonen, in die Höhe schnellen. In der Psychosomatik werden solche möglichen psychischen Zusammenhänge eruiert und mit den Betroffenen geeignete Strategien entwickelt.

"Die Patienten sollen sich bewusst werden, dass es bei Bluthochdruck nicht genügt, einfach eine Pille zu schlucken", beschreibt Brand das Anliegen des integrativen Versorgungskonzeptes. "Sie sollen gemeinsam mit dem Arzt an der Verbesserung ihres Gesundheitszustandes arbeiten".

Weitere Informationen finden Sie im WWW: www.klinikum.uni-muenster.de/institute/medpol.

zuletzt bearbeitet: 28.06.2004 nach oben

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